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  • crumar

mehr als 1000 Beiträge seit 08.03.2007

Nowak hat das Buch von Wagenknecht entweder nicht gelesen oder nicht verstanden

Er schreibt: "Verprellt aber wird das von Wagenknecht als "Lifestyle-Linke" gescholtene akademische Milieu."

Ich finde den Ausdruck von ihr unglücklich gewählt, ebenso das von ihr verwendete "Linksliberal", von dem sie berechtigt sagt, die so bezeichneten sind nicht links, hingegen explizit illiberal.
Das ist ein bisschen Kafka-Trap; man verwendet einen Begriff, der genau das Gegenteil von dem meint, was er vorgeblich aussagt (passt allerdings gut in die Zeit).
Ob Wagenknecht die "Lifestyle-Linke" verprellt ist mir weniger wichtig als die Frage, ob sie die Träger dieser Ideologie korrekt charakterisiert.

Der Gegensatz, den sie jedoch zwischen "Traditionslinken" und "Lifestyle-Linken" ausmacht ist real (übrigens seit Jahrzehnten) und da frage ich mich, ob Nowak geschlafen hat.
So Nowak: "Dabei geht beispielsweise die Gewerkschaft ver.di längst einen anderen Weg, in dem sie sich sowohl in der Berliner Krankenhausbewegung mit Beschäftigten aus Klinken und Pflege für bessere Arbeitsbedingungen einsetzt als auch mit der Klimabewegung kooperiert."

Sie gehen keinen "anderen Weg", sondern den einer Vertretung gemeinsamer Interessen, für die auch Wagenknecht optiert, statt die Belegschaft in Kleinstgruppen nach u.a. Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, sexueller Orientierung und Glaubensgemeinschaft zu zerlegen, die dann ihre jeweiligen Partikularinteressen (für sich und gegeneinander) vertreten.

Die mit dem neueren "akademischen Milieu" verbandelte Identitätspolitik macht nicht nur genau das, sondern in ihrer Inszenierung einer "Opferolympiade" werden die Teilnehmer eingeladen, immer kleinteiligere "Identitäten" zu erfinden, die sich gegenüber anderen "Identitäten" abgrenzen.
Das ist aber kein bug, es ist das feature dieser Politik - sie wirkt objektiv spaltend, denn man kann Interessen verhandeln, "Identitäten" nicht.

Dass Wagenknecht diesen Vorgang als individualpsychologische "Marotte" bezeichnet, trifft auf dieser Ebene zu, ist aber nur die individuelle Verarbeitung des Zwangs zur Positionierung in Identitätskäfigen, den diese Ideologie einfordert.

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