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  • Sascha Clasany

1 Beitrag seit 02.02.2024

Alter Hut

Terre de Femmes warnt seit Jahren vor dieser vermeintlichen Gefahr, das ist ein alter Hut. Leider macht sich der Text nicht einmal die Mühe zu konkretisieren, worin diese Gefahr nun genau bestehen soll. "Terre des Femmes geht davon aus, dass derzeit mehr als 17.000 Mädchen, die in Deutschland leben, potenziell gefährdet sind." Durch was? In Deutschland beschnitten zu werden? Oder in der Heimat beschnitten worden zu sein? Dann sollte sich das irgendwie auch zahlenmäßig in der Kriminalitätsstatistik niederschlagen - schließlich warnt man ja auch davor, dass die Gefahrenlage akut ist. Leider schweigt sich der Artikel hierzu völlig aus, was man damit eigentlich genau meint und die 17.000 Opfer fallen vom Himmel. Das hat bei den hektischen Warnungen von Terre de Femmes leider eine gewisse Tradition.

Es ist wirklich deprimierend, dass ich hier einen Kommentar ausgerechnet aus dem Spiegel zitieren muss, aber in einem sehr gelungenen Essay zu der widersprüchlichen und diskriminierenden Haltung des deutschen Staates zu männlichen und weiblichen Beschneidung geht der Autor auch auf das Zahlenwerk ein, das der vermeintlichen Gefahr zugrunde liegt. Der Artikel ist aus dem Jahr 2018, die vermeintliche Gefahr wird also schon viel länger an die Wand gemalt.

Ich zitiere: "An dieser Stelle nun muss die liebste Statistik der Gefahrenberichterstattung zu Wort kommen: die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). (...) Anzahl der erfassten Fälle von weiblicher Genitalverstümmelung: 2014: null; 2015: null; 2016: null; 2017: null. Insgesamt seit 2013: null Taten, null Tatverdächtige" (Quelle: https://www.spiegel.de/panorama/justiz/genitalverstuemmelungen-ueber-verstuemmelungen-von-koerpern-und-wahrheiten-a-1225357.html).

Um auf die vermeintliche "Gefahr" zu kommen, die Telepolis hier völlig unkritisch von Terre de Femmes übernimmt, muss man schon gewaltige statistische Tricks unternehmen, vgl. hierzu die Details im o.g. Artikel.

Dabei frage ich mich, was man bei TdF hiermit eigentlich bezwecken will. Es gibt doch schon ein Gesetz, das weibliche Beschneidung explizit unter Strafe stellt. Ein Zustand, von dem Opfer männlicher Beschneidung nur träumen können. Absurd, dass man im Jahr 2012 die Genitalverstümmelung von Männern ohne Betäubung (was in diesem Artikel bei Frauen so gescholten wird, siehe Telepolis-Artikel) per Gesetz explizit erlaubt und bei Frauen im Jahr 2013 explizit unter Strafe stellt.

Das Argument, Beschneidung bei Frauen sei etwas anderes als bei Männern ist falsch und führt in die Irre. Ich verweise auf eine ganze Webseite, die sich dem Thema widmet: www.beschneidung-von-jungen.de, hier wird ausführlichst dargelegt, dass die weiblichen und männlichen Beschneidungsformen sehr ähnlich zueinander sind - sowohl, was die Art der geschädigten Organbestandteile betrifft (ja, auch Frauen haben eine Vorhaut, die Klitorisvorhaut, die bei einer weiblichen Beschneidungsform entfernt wird) als auch was die Schädigung beim sexuellen Lustempfinden betrifft.

Wer das nicht glauben mag, dem sei ein Artikel empfohlen, dessen Autor das Sexualempfinden mit und ohne Vorhaut explizit vergleichen kann, da er erst im Erwachsenenalter beschnitten wurde: https://www.spiegel.de/gesundheit/clemens-setz-ueber-seine-beschneidung-vorher-war-der-sex-besser-a-d1847ec1-6bcd-40ee-aeb5-3fe150056318. Der Kommentar spricht Bände.

Aber das ist alles hinlänglich bekannt und diskutiert worden; gebracht hat es nichts, diesen Wahnsinn zu stoppen, der Männern hier angetan wird. Die Geschlechter-Gleichstellungsbewegung scheint das wenig interessiert zu haben. Zehn Jahre ist es her, dass dieses Unrecht in Deutschland gesetzlich legitimiert wurde - kein Protest, kein Aufschrei der Betroffenen hiervon hat auch nur irgendwen zum Umdenken gebracht.

Ich bin jedoch sehr enttäuscht, dass selbst ein Medium wie Telepolis völlig unreflektiert die Zahlenflunkereien - sorry, anders kann man es nicht nennen, was Terre de Femmes da macht - dieser NGO übernimmt.

Wer weibliche Beschneidung geißelt und die Tatsachen zur männlichen Genitalverstümmelung unkommentiert lässt, macht sich an diesem Unrecht mit schuldig.

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (02.02.2024 00:47).

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    • choke

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    Antwort auf Alter Hut von Sascha Clasany.

    Aber, aber, aber ... FGM ist doch viel schlimmer, weil $Blödsinnsvergleich.

    Tatsache ist, dass hierzulande alle Formen der chirurgischen Manipulation an den Genitalien minderjähriger Mädchen verboten sind, während dies auf Jungen nicht zutrifft, sondern per eigenem Gesetz sogar ausdrücklich erlaubt wird.

    Nun wird immer wieder auf die Unvergleichbarkeit zwischen diesen beiden Widerlichkeiten hingewiesen, um damit die Gesetzgebung zu rechtfertigen. Tatsache ist aber, dass gängige Formen der FGM wie Anritzen der Klitorisvorhaut (als symbolische Handlung) oder die Entfernung selbiger (was der männlichen Zirkumzision entsprechen würde), selbstverständlich ausdrücklich verboten sind, obwohl von der Tragweite her weniger oder gleich schwerwiegend wie bei Jungen, bei denen das -ich betone das gerne noch einmal, weil es so absurd ist- ausdrücklich qua Gesetz erlaubt ist.

    Man sollte sich erst gar nicht auf solche relativierenden Diskussionen einlassen. Es ist und bleibt in jeder Variante schwere Körperverletzung und gehört verboten. Ich würde da schon bei Ohrlöchern für kleine Kinder anfangen. Eingriffe in den Körper haben bei Kindern nur aus medizinischen Gründen zu erfolgen. Mit 14-16 kann dann gerne jeder machen, was er so will. Aber nicht einsichtsfähigen Kindern gebührt besonderer Schutz. Mädchen wie Jungen. Wo sind wir bloß gelandet?

    Das Posting wurde vom Benutzer editiert (02.02.2024 09:21).

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    Antwort auf Re: Alter Hut von choke.

    choke schrieb am 02.02.2024 09:19:

    Aber, aber, aber ... FGM ist doch viel schlimmer, weil $Blödsinnsvergleich.

    Tatsache ist, dass hierzulande alle Formen der chirurgischen Manipulation an den Genitalien minderjähriger Mädchen verboten sind, während dies auf Jungen nicht zutrifft, sondern per eigenem Gesetz sogar ausdrücklich erlaubt wird.

    Nun wird immer wieder auf die Unvergleichbarkeit zwischen diesen beiden Widerlichkeiten hingewiesen, um damit die Gesetzgebung zu rechtfertigen. Tatsache ist aber, dass gängige Formen der FGM wie Anritzen der Klitorisvorhaut (als symbolische Handlung) oder die Entfernung selbiger (was der männlichen Zirkumzision entsprechen würde), selbstverständlich ausdrücklich verboten sind, obwohl von der Tragweite her weniger oder gleich schwerwiegend wie bei Jungen, bei denen das -ich betone das gerne noch einmal, weil es so absurd ist- ausdrücklich qua Gesetz erlaubt ist.

    Man sollte sich erst gar nicht auf solche relativierenden Diskussionen einlassen. Es ist und bleibt in jeder Variante schwere Körperverletzung und gehört verboten. Ich würde da schon bei Ohrlöchern für kleine Kinder anfangen. Eingriffe in den Körper haben bei Kindern nur aus medizinischen Gründen zu erfolgen. Mit 14-16 kann dann gerne jeder machen, was er so will. Aber nicht einsichtsfähigen Kindern gebührt besonderer Schutz. Mädchen wie Jungen. Wo sind wir bloß gelandet?

    Ich frage mich an der Stelle immer, warum ist die körperliche Unversehrtheit von Mädchen besonders schützenswert und die von Jungen aber nicht?
    Haben nicht beide Geschlechter ein Recht auf körperliche Unversehrtheit ?

    Das es bei Jungen sogar explizit gesetzlich erlaubt ist eine Genitalverstümmelung durchzuführen halte ich persönlich übrigens für eine bodenlose Frechheit, religiöse Befindlichkeiten hin oder her.

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    Antwort auf Re: Alter Hut von ich_habs_nicht_bestellt.

    ich_habs_nicht_bestellt schrieb am 02.02.2024 09:31:

    Haben nicht beide Geschlechter ein Recht auf körperliche Unversehrtheit ?

    Selbstverständlich nicht. Für's 'Vaterland' zu sterben ist beispielsweise nur für ein Geschlecht gesetzliche Verpflichtung. Zufällig das gleiche, dem man im Säuglingsalter auch ungestraft Körperteile amputieren darf.

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    Antwort auf Re: Alter Hut von choke.

    choke schrieb am 02.02.2024 09:36:

    ich_habs_nicht_bestellt schrieb am 02.02.2024 09:31:

    Haben nicht beide Geschlechter ein Recht auf körperliche Unversehrtheit ?

    Selbstverständlich nicht. Für's 'Vaterland' zu sterben ist beispielsweise nur für ein Geschlecht gesetzliche Verpflichtung. Zufällig das gleiche, dem man im Säuglingsalter auch ungestraft Körperteile amputieren darf.

    Grundsätzlich müsste das "Männer" aus Art 12a des Grundgesetzes Raus. Denn eigentlich verstößt das Gegen Art 3, weil das eine Ungleichbehandlung ist.
    Gilt aber immerhin erst für volljährige Männer. Und dem Kriegsdienst kann man sich verweigern. Stimmt also nicht ganz ;)

    Das Posting wurde vom Benutzer editiert (02.02.2024 10:18).

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    Antwort auf Re: Alter Hut von ich_habs_nicht_bestellt.

    ich_habs_nicht_bestellt schrieb am 02.02.2024 10:16:

    Grundsätzlich müsste das "Männer" aus Art 12a des Grundgesetzes Raus. Denn eigentlich verstößt das Gegen Art 3, weil das eine Ungleichbehandlung ist.
    Gilt aber immerhin erst für volljährige Männer. Und dem Kriegsdienst kann man sich verweigern. Stimmt also nicht ganz ;)

    Mal sehen, was das wert ist, wenn "der Russe kommt".

    Grundsätzlich besteht die Wehrpflicht aber weiter und auch Ersatzdienstleister sind weiterhin zu Zwangsarbeit verpflichtet, wenn das gegenwärtig auch nicht zur Anwendung kommt. Die aufgewendete Zeit und das verlorene Einkommen kommen nicht wieder.

    Frauen dagegen sind grundsätzlich vom Zwang zum Kriegsdienst ausgenommen.

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    • ich_habs_nicht_bestellt

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    Antwort auf Re: Alter Hut von choke.

    choke schrieb am 02.02.2024 11:11:

    ich_habs_nicht_bestellt schrieb am 02.02.2024 10:16:

    Grundsätzlich müsste das "Männer" aus Art 12a des Grundgesetzes Raus. Denn eigentlich verstößt das Gegen Art 3, weil das eine Ungleichbehandlung ist.
    Gilt aber immerhin erst für volljährige Männer. Und dem Kriegsdienst kann man sich verweigern. Stimmt also nicht ganz ;)

    Mal sehen, was das wert ist, wenn "der Russe kommt".

    Ziemlich abstrakte Gefahr, zumindest in Deutschland. Da müsste er erstmal andere Natomitglieder angreifen um dann "nach Deutschland zu kommen."
    Und das wird der Russe nicht machen. Zumindest glaube ich nicht, dass die so doof sind.

    Grundsätzlich besteht die Wehrpflicht aber weiter und auch Ersatzdienstleister sind weiterhin zu Zwangsarbeit verpflichtet, wenn das gegenwärtig auch nicht zur Anwendung kommt. Die aufgewendete Zeit und das verlorene Einkommen kommen nicht wieder.

    Simmt alles

    Frauen dagegen sind grundsätzlich vom Zwang zum Kriegsdienst ausgenommen.

    Und das gehört geändert, entweder alle oder keiner.

    BTW wir driften vom Thema ab. Eigentlich ging es ja um Geschlechtsverstümmelung. Wobei hier ein generelles Verbot für medizinisch nicht notwendige Beschneidungen alle Kinder und Jugendlichen unter 18 her muss, egal ob Mädchen oder Jungen.

    Das Posting wurde vom Benutzer editiert (02.02.2024 11:27).

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    Antwort auf Re: Alter Hut von ich_habs_nicht_bestellt.

    ich_habs_nicht_bestellt schrieb am 02.02.2024 11:24:

    choke schrieb am 02.02.2024 11:11:

    ich_habs_nicht_bestellt schrieb am 02.02.2024 10:16:

    Grundsätzlich müsste das "Männer" aus Art 12a des Grundgesetzes Raus. Denn eigentlich verstößt das Gegen Art 3, weil das eine Ungleichbehandlung ist.
    Gilt aber immerhin erst für volljährige Männer. Und dem Kriegsdienst kann man sich verweigern. Stimmt also nicht ganz ;)

    Mal sehen, was das wert ist, wenn "der Russe kommt".

    Ziemlich abstrakte Gefahr, zumindest in Deutschland. Da müsste er erstmal andere Natomitglieder angreifen um dann "nach Deutschland zu kommen."
    Und das wird der Russe nicht machen. Zumindest glaube ich nicht, dass die so doof sind.

    Weiss ich. War nur als plakativer Aufhänger für meine Argumentation gedacht.

    Zum Rest: Zustimmung.

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