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  • blu_frisbee

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Frau Aigner verzapft Ideologie wie im Groschenroman

Auch in Costa Rica leben Hunderttausende Menschen vom Bananenanbau. Einmal pro Woche versprühen Flugzeuge Pestizide gegen Pilzbefall. Die Gifte sickern in die Böden und ins Trinkwasser. Inzwischen sind sie auch im Blut der Anwohner nachweisbar. So ruinieren die Menschen ihre Gesundheit für einen Tageslohn von 15 Dollar.

Falsch.
Ruchtig: So runieren Kapitalisten die Gesundheit der Proletarier.

In der "Bananenzone" Santa Marta in Kolumbien bewirtschaftet Marleny Mejia seit 20 Jahren drei Hektar. Ihr kleiner Betrieb gehört zu einem großen Verbund von Bauern, die sich Wissen, Geräte und Arbeitskräfte teilen. Die Arbeiter ernten die Stauden in extremer Hitze bei hoher Luftfeuchtigkeit, aber immerhin können sie sich die Arbeitszeit selbst einteilen.

Ein Kleinkapitalist bewirtschaftet sein Eigentum für das Arbeiter arbeiten.
Sehr nobel die freie Arbeitszeiteinteilung. Da gibts sicher ein Lohnregime gegen Faulpelzerei, der "stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse". Oder muten sich die Proletarier die Schufterei aus sportlichem Ehrgeut zu?
Nichts davon im Idyll der Frau Aigner.

Anbauprojekte und Kooperativen rund um den Erdball zeigen, was mit gerechter Bezahlung möglich ist. Am Ende der Lieferkette entscheiden wir Verbraucherinnen und Verbraucher, welche Bananen wir essen wollen: die billigen, für die Menschen unter elenden Bedingungen schuften, oder faire Bio-Bananen, deren Anbau die Umwelt schont und den Beschäftigten ausreichenden Lebensunterhalt garantiert.

Ahh, man kann den Kapitalismus "gerecht" machen, es liegt nur an den individuellen Kunden wie sie ihr überschüssiges Geld alloziieren.
Daß die ihrerseits im Klassenkampf stehen und die Geldbörse beschränkt ist; keine Rede. Kapitalismus zwingt allen Teilnehmern ökonomische Rationalität auf. Geld ist immer knapp. Sparsame Bananenkäufer haben eine schlechte Moral, oder wie?
Auch daß kapitalistische Systemdynamik glatt das Gegenteil von dem bewirkt was jeder einzelne Teilnehmer will kommt in diesem Weltbild nicht vor.

Frau Aigner verzapft bürgerliche Ideologie mit der man sich die Welt schön träumen kann.
Natürlich, im besten Pennäleraufsatzdeutsch (oder lernt man das auf der Jornalistenschule?) ist die Welt kein System das man begreifen könnte
sondern besteht aus einem Puzzle von Einzelstories. Happy End muß drinsein.¹

¹ auch: positiver Ausklang. Man lese die Reportagen bürgerlicher Blätter aus dem Leben von Prekariern. Immer endets mit ner Hoffnungsbotschaft. Eine gute Fee erscheint und belohnt die Leidenden. Zumindest mit Hoffnung. Da braucht der Leser nix mehr tun, die Welt selbst sorgt für Gerechtigkeit. Wie im Groschenroman.

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  • Avatar von Pnyx (1)
    • Pnyx (1)

    mehr als 1000 Beiträge seit 01.07.2017

    Re: Frau Aigner...

    Antwort auf Frau Aigner verzapft Ideologie wie im Groschenroman von blu_frisbee.

    Was den 'Bananen-Inhalt' betrifft, bin ich einverstanden. Und auch mir geht der fast obligate vorisichtig optimistische Schlussschwenk auch bei Aigner ein wenig auf den Zeiger. Es ist nun mal so, sie kritisiert nicht den Kapitalismus an sich, 'nur' viele seiner zahlreichen ökologischen Konsequenzen.

    Dieser ist bestimmt nicht ihr bester Artikel. Dafür ist wohl ihr Abstand zur zentralamerikanischen Lebenswelt zu gross. Berichtet sie aber über ihr näherliegende Sauereien, sind ihre Artikel doch stets faktenreich und informativ, zeigen zuweilen sogar nicht so offensichtliche Zusammenhänge auf. Das ist auf jeden Fall verdienstreich.

    Sie kippen mit Ihrer absoluten Kritik das Kind mit dem Bad aus. Die ökologische und durchaus auch soziale Richtung stimmt bei Eigner, Das ist mehr, als man von vielen anderen sagen kann. Die politischen Konsequenzen müssen die Rezipienten ihrer Artikel ziehen.

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  • Avatar von blu_frisbee
    • blu_frisbee

    mehr als 1000 Beiträge seit 12.09.2002

    Re: Am Ende sind Bananenverbraucher:innen schult

    Antwort auf Re: Frau Aigner... von Pnyx (1).

    Pnyx (1) schrieb am 20.04.2021 18:14:

    Die politischen Konsequenzen müssen die Rezipienten ihrer Artikel ziehen.

    Vllt bin ich zu grob. Hilft mein post den Rezipienten?

    Kapitalismus ist Geldvermehrung als Selbstzweck. Jeder Teilnehmer muß schaun wo er bleibt in der Konkurrenz. Das¹ zwingt die Teilnehmer dazu das zu tun was sie tun.
    ¹ "der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse".

    Das Übel kommt eben nicht aus dem unmoralischen Inneren der Bananenverbraucher.

    Beim Marionettenspiel sieht man die Fäden nicht aber jeder weiß daß die da sind.
    Wenn Aigner die Wirklichkeit als Kaleidoskop von Einzelgeschichten beschreibt,
    dann fehlen die ökonomischen Zwänge denen die Leut unterworfen sind.

    Am Ende sind Bananenverbraucher:innen schult. Es liegt am (fehlenden) guten Willen!
    Wenn nur alle Bananenverbraucher moralisch würden und der Moral opferten,
    dann kehrt endlich Gerechtigkeit in die Welt des Bananengeschäfts ein.

    Darauf läuft Aigners Beschreibung raus. Die ist defizitär.

    Das Posting wurde vom Benutzer editiert (20.04.2021 18:34).

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  • Avatar von tiferet
    • tiferet

    mehr als 1000 Beiträge seit 28.04.2020

    Schön seziert

    Antwort auf Frau Aigner verzapft Ideologie wie im Groschenroman von blu_frisbee.

    Wie siehts es denn mit dem Organisationsgrad der Landarbeiter aus, oder werden Gewerkschafter gleich erschossen sobald sie auftreten?

    https://de.wikipedia.org/wiki/ASTAC
    2014 also nicht mehr, immerhin.

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  • Avatar von Pnyx (1)
    • Pnyx (1)

    mehr als 1000 Beiträge seit 01.07.2017

    Antwort auf Re: Am Ende sind Bananenverbraucher:innen schult von blu_frisbee.

    Gewiss. Absolut Ihrer Ansicht. Auch dass Sie gelegentlich etwas zu grob sind. Aber diesen Vorwurf kann man mir vermutlich auch machen.

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