Wer sich der Frage stellte, was der Sermon des Doktoranden David X. Noack eigentlich soll:
Es geht um eine Reinwaschung von keinem geringeren als den alten Schlächter Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili, genannt Stalin.
Noack folgt damit der Direktive Moskaus, die in der neuen Geschichtsschreibung des Wladimir Wladimirowitsch Putin (auch kein Historiker), den roten Zar und großen
vaterländischen Führer schön schreibt. Der dortige Staatsapparat geht schon lange gegen die Historische Gesellschaft Memorial vor, die sich der Erinnerung und Aufarbeitung der rund 11 Mio. Opfer des Stalinterrors verschrieben hat.
Konkret geht es um den sog. Holodomor, eine durch Stalin und seiner Führung in Moskau verursachte Hungersnot, der zwischen 3,5-5 Mio. Menschen zum Opfer fielen.
Dieser Holodomor wird von 14 Staaten (Stand 2006) als Völkermord bezeichnet. Darunter die osteuropäischen Länder:
Estland, Georgien, Ungarn, Lettland, Litauen, Polen
Als Verbrechen des Stalin Regimes betrachten es:
Tschechien und die Slowakei.
Der Holomidor spielt beim Ukraine-Konflikt eine eminent wichtige Rolle, da er ein völlig unterschiedliches Geschichtsbild vermittelt.
Ein unterdrücktes Volk, gegen dessen Existenz mit äußerster Brutalität vorgegangen wird vs. dem klein-russische Bruder des netten großen Bruders Russland.
(Wenn ich mir die aktuelle Vorgehensweise gegen die einfachen Leute in der Ukraine
anschaue, dann kann ich da nicht viel Nettigkeit erkennen.)
Aber gönnen wir uns einmal einen Blick in den lustigen Artikel.
Zum einen lässt sich der Autor, der an so "renomierten" Einrichtungen, wie Greifswald und Potsdam studiert hat und selbst noch promoviert, an Ivy League-Absolventen bzw. Professoren aus, was schon etwas Erheiterndes. Zumal der Timothy Snyder in seiner Fachrichtung auch einen hohen Beschlag hat. (Also nicht irgendein Linguist, der meint die Welt erklären zu müssen.)
Durchaus anders sah das jedoch in der Geschichtswissenschaft aus. Tarik Cyril Amar von der Universität Koç in der Türkei schrieb in einem längeren Artikel darüber, dass sich der Mehrwert für die Geschichtswissenschaft von ‚Roter Hunger‘ in Grenzen hielt.
Wer von wo? Ach so, die kleine Privatuniversität in Istanbul.
Dafür konnte Conquest aber keine Primärquellen zitieren – u.a., weil der Zugang zu sowjetischem Archivmaterial in den 1980ern sehr beschränkt war.
Aus Mangel an stichhaltigen Beweisen bezog sich Conquest viel auf Exilantenquellen. Der erzkonservative britische Historiker sah sich deswegen mit heftiger Kritik von anderen Geschichtswissenschaftlern konfrontiert.
Klar, waren im Zeitalter des Stalinismus die Archive, die Einblick über die Verbrechen Stalins geben konnten, verschlossen. Das Ding war selbst in der Zeit der Aufarbeitung in der UdSSR immer ein heißes Eisen gewesen, weil es überdeutlich zeigte, dass die Völker in der UdSSR nicht gleich waren.
Aber davon ab: Geschätzt 98% der Geschichtswissenschaft bezieht sich auf Sachen, die irgendwelche Leute einmal gesagt oder aufgeschrieben haben. Und irgendein Archiv in Moskau, dass ja in diesem Falle auch nur das dokumentiert, was dort wirklich verschriftlicht worden ist, ist da auch nicht besser, als die Aussagen von Zeitzeugen.
Diese "heftige Kritik" kam aus der Stalinisten-Ecke und war hauptsächlich ideologisch motiviert.
Bis heute gibt es keinen wissenschaftlichen Konsens über die Absichten der sowjetischen Regierung im Zuge der Hungersnot in der Ukraine, die Teil einer größeren Sowjetunion war, die bis nach Kasachstan reichte.
Die Felder, bei denen es bei den Historikern einen Konsens gibt, existieren höchstwahrscheinlich garnicht. Zwei Buchgelehrte: 3 Meinungen.
Daher kann man darüber auch nur schmunzeln.
(Zudem betraf die Hungersnot Kasachstan eine andere Bevölkerungsgruppe und ist auch anders zu beurteilen.)
Fakt hingegen ist, dass obige Länder, die ja alle selbst vom Stalinismus kosten durften, diese Bewertung schon sehr frühzeitig gemacht hatten. Damals, als man das Verhältnis Russland und Ukraine noch als gut bezeichnen konnte.
Dreißig Jahre später gestaltete sich der Aktenzugang zu vormaligen sowjetischen Akten ganz anders als zu Zeiten Conquests – und trotzdem zog Applebaum laut Amar keine Schlüsse, die nicht der Brite Conquest bereits 1986 gezogen hatte.
Weil man da auch nichts gefunden hatte, was gegen Conquests Abhandlung sprach.
Wie auch? Terror, Massenmorde, Zwangsumsiedlungen/Vertreibungen und auch der Hunger gehörten alles zum Besteck des Diktator Stalin, um die Massen gefügig zu halten.
Amar kritisiert unter anderem, dass Applebaum die ukrainische nationalistische Bewegung der 1920er- bis 1950er-Jahre verharmloste.
Hier wird wieder eine falsche Spur gelegt, die dann doch zum richtigen Ziel führt.
Die Einschätzung von irgendwelchen Nationalisten ist für die Bewertung des Holomodor völlig irrelevant.
Außerdem nutzte sie den Begriff "Kollaborateur" nur in Bezug auf Ukrainer, die mit den Sowjets zusammenarbeiteten – aber nicht
Irrelevant. Kein Bezug zum Thema.
Ferner kritisierte ... teilweise vollkommen falsche Darstellung des Zweiten Weltkriegs ...
Auch nicht relevant für den Holomidor.
Dafür wählte der US-Historiker eine grenzüberschreitende Perspektive für Ostmittel- und Osteuropa für die Zeit von 1933 bis 1945 ein. Abgesehen von diesem kreativen Ansatz konnte die deutsche Leserschaft in dem Buch jedoch wieder viel lesen, was sie schon kannteSo soll Stalin Hitler erst zum Judenmord animiert haben.
Gönnen wir uns einmal einen Blick auf diese Propagandafigur.
Also eine Einbettung von Handlungen in den geschichtlichen Kontext, als dem Handeln der Anderen, sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Das ist nicht "kreativ".
Wer das nicht macht, betreibt mehr Propaganda als seriöse Forschung.
Zudem: In welche braune Ecke stellt der Autor uns Deutsche da eigentlich?
Im Weiteren legt der Autor einen Haufen diskutabler Duftmarken, die alle nichts mit dem Holomidor zu tun haben.
Auch wird gerne einfach einmal mit Dreck geworfen.
Besonders beliebt: Die Figur des Holocaust-Leugner oder -verharmloser.
Ab in die rechte Ecke. Irgendein Dreck wird da schon haften bleiben.
Sorry, so arbeitet kein Historiker, sondern ein Propagandist.
Als sein Prof würde ich ihm solch ein Machtwerk um die Ohren hauen.
Oft teilen sie dabei die Welt in Gut und Böse und es mangelt stets an Differenzierungen.
Die Art "Differenzierung" die Noack hier vorschwebt, nennt man Relativierung.
Eigentlich genau das, was er mit Feuer und Schwert beim Holocaust bekämpft, möchte er als lauwarme Brühe bei Onkel Stalin.
Damit unverständlich wird, warum die große Mehrheit der Ukrainer ein kompliziertes Verhältnis zu Russland hat, obwohl viele von denen russische Wurzeln haben und die russische Kultur durchaus schätzen.