"Rassismus spielt bei dieser Funktion der Polizei eine wichtige Rolle, der Begriff reicht aber nicht aus, um das grassierende Polizeiproblem ausreichend zu beschreiben. Denn Rassismus ist nicht der Grund für die Ausbeutung und Unterdrückung marginalisierter Menschen, sondern eine Ideologie, um diese Form der Machtausübung zu begründen.
Dass in der Debatte um Polizeigewalt und die darauffolgenden Proteste vor allem Klassenfragen diskutiert werden sollten, darauf pochen sowohl afroamerikanische Akademikerinnen, wie Karen und Barbara Fields als auch die namhafte Autorin Kimberly Jones."
Eine Ideologie begründet gar nichts, sondern rechtfertigt nur etwas. Rassistische Argumente sind nur eine Rechtfertigung für Menschen, die rassistisch denken. Leon Gerleit unterstellt, dass Rassismus lediglich einen instrumentellen Charakter hätte, der der Ausbeutung und Unterdrückung marginalisierter Menschen allgemein dient.
Schwarze, Indigene, People of Color (wobei damit je nach Kontext auch z.B. Iren, Italiener oder Osteuropäer gemeint sein können) und Frauen sind aber nicht einfach nur zufällig öfter arm als Weiße und werden öfter mal schikaniert. Sie sind ärmer, weil ihnen (vermehrt) diejenigen Arbeiten zugeschrieben werden, die am wenigsten sozial angesehen sind, die die schlechtesten Arbeitsbedingungen haben und am schlechtesten bezahlt werden - und dass sie (vermehrt) diese Arbeiten ausüben, wird wiederum als Rechtfertigung dafür angesehen, sie zu schikanieren.
Ein Blick nach Deutschland zeigt, dass z.B. in Schlachtbetrieben, bei der Ernte, auf dem Bau, bei den Lieferdiensten und in der häuslichen Pflege überwiegend Menschen arbeiten, die von der Mitte der Gesellschaft als osteuropäisch, muslimisch, schwarz verortet werden. Diese Überausbeutung wird auf internationalen Märkten noch gesteigert, bei der Kleidung, der Nahrung, den Rohstoffen etc.
In der DDR sollte laut Parteiideologie der Kontakt zwischen Deutschen, Vietnamesen und Mosambikanern möglichst eingeschränkt sein, sie wurden in separaten Heimen untergebracht und es sollte verhindert werden, dass sie hier heimisch werden und eine Familie gründen. Es wurden auch sogenannte Gastarbeiter in rassistischen Exzessen von DDR-deutschen Arbeitern umgebracht.
Frauen wird in warenproduzierenden Patriarchaten (Kapitalismen) die Reproduktionsarbeit zugeschrieben, die nicht oder geringer bezahlt wird. Das kann auch ein Neoliberalismus mit Gendersensibilität für die meisten Frauen nicht aufheben. Er beutet die meisten Frauen doppelt aus, weil sie Lohnarbeit und unbezahlte Mehrarbeit in der Familie leisten müssen.
Was auch in der DDR meist nicht anders war.
Es kann also nicht einfach ein Klassendiskurs anstelle eines Diskurses über race und gender geführt werden, weil dann diese Unterschiede eingeebnet werden. Diese sind aber relevant, weil die von diesen Diskriminierungen profitierende so genannte Arbeiteraristokratie eine Stütze der Herrschaft darstellt, ohne die nur Gewalt die Klassenwidersprüche (und die ideologischen Widersprüche) vermitteln würde. Man muss Klasse, race und gender sowie deren Ideologien aufeinander beziehen und die verschiedenen Disposita* der Unterwerfung analytisch berücksichtigen.
Leon Gerleit schreibt von "diese[r] Form der Machtausübung" und nicht von "diesen Formen der Machtausübung", obwohl die Stellung im Produktionsprozess, die Regime und die Diskriminierungsweisen, denen BIPoC und Frauen ausgesetzt sind, andere sind, als die Regime, denen eine weiße (etablierte) Arbeiteraristokratie ausgesetzt ist oder jene weißen Menschen, denen die Möglichkeit zugeschrieben wird, in die weiße Arbeiteraristokratie aufsteigen zu können.
Wenn aber die Regime andere sind, dann muss auch die Befreiung von diesen Regimen eine andere sein, ohne dass das Ziel - eine klassenlose Gesellschaft - ein anderes sein sollte. Ein Mindestlohn etwa kann zwar die Ausbeutung in legalen Beschäftigungsverhältnissen vermindern, nutzt Illegalisierten aber gar nichts und führt auch nicht dazu, dass (vor allem) Frauen (und alleinerziehende Männer) keine unbezahlte reproduktive Mehrarbeit mehr leisten müssen.
*Ein Dispositum ist nicht einfach ein Instrument, sondern gleichzeitig auch eine Struktur, durch die Welt begriffen wird, eine "Brille", ein "Filter" also. Rassismus ist insofern nicht einfach nur ein Instrument der allgemeinen Unterdrückung von Marginalisierten, sondern gleichzeitig ein Weltzugang, durch den spezifische Marginalisierungen, spezifisches Unterdrücken und spezifisches Bevorteilen gerechtfertigt scheinen.
Das Posting wurde vom Benutzer editiert (28.04.2021 01:29).