Geht Marktwirtschaft ohne Entfremdung, Wachstumszwang und Profitstreben?
Um das nicht für eine eher rhetorische Frage zu halten, müsste ich dich für deutlich dümmer halten, als du bist.
Die kurze Antwort wäre das vielsagende: Jein.
So, wie wir Marktwirtschaft heute vom gesellschaftlichen Stellenwert her betreiben nicht. Du nennst allerdings auch drei Punkte, die meiner Beobachtung nach nicht alle die gleiche Ursache und Dynamik haben.
Entfremdung ist ein Thema, welches viel fundamentaler greift, gesellschaftlich extrem komplex ist und am unwahrscheinlichsten überwunden werden kann, zumindest kollektiv und innerhalb unserer Lebensspanne. Obwohl wir da nichtmal auf einem schlechten Weg sind, vermute ich mal? Die massiven Bestrebungen von Staat und Kapital, gerade unter dem Eindruck von Corona, den Deckel wieder auf den Topf zu kriegen, lassen mich da hoffen. Vor allem, dass es krachend scheitert und gerade dieser Versuch letztlich als Katalysator wirkt. ;-)
Wachstumszwang lässt sich auf jeden Fall vermeiden, allerdings nicht in einer konkurrenzgetriebenen, un- oder fehlregulierten, globalen Marktwirtschaft mit ihren Standort- und Kostenwettbewerben. Angriffspunkte sind hier das Finanz- und Börsenwesen, sowie Investorentum (weniger Unternehmertum).
Profitstreben an sich ist nicht verkehrt, sofern es im vernünftigen Rahmen bleibt und kein reiner Selbstzweck ist. Ich meine damit den ganz grundsätzlichen Vorgang der Produktherstellung im Sinne der Arbeitswerttheorie. Also die Umsetzung und Verfügbarmachung von Rohstoffen in Form eines an sich nützlichen Produktes, wobei das Produkt selbst den "Profit" darstellt und nicht der Erlös, den man damit am Markt erzielen kann. Also kein Profit im Sinne der klassisch kapitalistischen Gewinnmaximierung.
Die grundsätzlichen Themen bleiben dieselben:
- Wem gehören die Produktionsmittel? Wer kann sie sich wie nutzbar machen?
- Wie lassen sich humanistisch Monopolisierung und Machtakkumulation vermeiden, Kartelle unterbinden.
- Wie kommt man von systemisch verordneter Gier zurück zu Genügsamkeit und Selbstzufriedenheit?
- Wie gehen wir mit jenen um, die sich gewaltsam Vorteile verschaffen und der Mehrheit ihre Regeln aufzwingen, einfach, weil sie es können und ihren Weltentwurf mit allen Mitteln verwirklichen wollen.
- Wie unterbindet man Korruption und hält Hierarchien flach?
- Wie ersetzt man Gehorsamskarrieren durch kompetente Führung?
Wenn du da anderer Meinung bist, Ergänzungen und/ oder Ideen hast: Immer her damit!
Schließlich scheitert es imo eher nicht am (kollektiven) Problembewusstsein, sondern an einem akzeptablen, realistisch gangbaren Alternativkonzept bei gegebenen Rahmenbedingungen und Dynamiken.
Ein guter Anfang wäre doch, nochmal ganz klar darzustellen, dass der wirtschaftliche ("neoliberale") Freiheitsbegriff und der humanistische ("sozialliberale") Freiheitsbegriff verschieden zu bewerten sind und sich meist sogar konterkarieren.
Wo beginnt die Übertragung des Nutzen- und Leistungsbegriffs auf Lebewesen allgemein und den Menschen im Speziellen und wie läuft das aus dem Ruder?
Gruß
Calyx
Das Posting wurde vom Benutzer editiert (04.08.2021 18:50).