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  • ananemona

mehr als 1000 Beiträge seit 12.09.2021

Re: Stürmischer Ausdruck der Genügsamkeit des Wohnen in einer Konserve

knarr schrieb am 05.12.2021 13:29:

ananemona schrieb am 05.12.2021 11:19:

Denn das Wohnen ist konservativ – nicht nur, weil es habituell und von Gewohnheiten geprägt ist. Sondern auch in einem elementaren Sinne. Denn es geht dabei um "Obdach", im Wortsinne um ein "Dach über den Kopf".

Für viele Menschen ist das Wohnen, wenn denn überhaupt noch mit Dach über dem Kopf, eher das Wohnen in einer Konserve.

Für viele Menschen wären die mutmaßlich an Investoren gerichteten Verheißungen sogenannter tiny houses eher eine vorstellbare Zumutung denn eine Verbesserung, so empfinde ich zumindest hinsichtlich dieses hype - rund um Hamburg entstehen sieben solcher medial kräftig beworbenen Konservensiedlungen, die irgendwie nichts von dem versprechen, was andere Strukturen von Siedlungen vielleicht auch nicht bieten aber auch nicht das Individuelle dermaßen überbetonen wie diese tiny house Nummer.

tiny, hm: Ach, vielleicht für Leute, die ohnehin nicht unter Leute wollen- also wohnraum-räumlich lieber zurückgezogen und allein sich wohler fühlen, wo minimalistisch eingerichtet, am besten der Computer ( plus all the games to play with - and with the virtual world outside) ja reicht ( soalso auch als Partner/in- Gefährte).
Das wär das eine.
Der andere Gedanke ist, lieber ein tiny als Dach über dem Kopf als schutzlos und in der Kälte und frierend in Zelten ( im Winter)- ausgestoßen, ungeliebt von niemandem gewollt.
Dritter ( und mittlerweile wohl eh utopischer) Gedanke - etwas ähnliches wie on the road, jederzeit unbehelligt unterwegs sein könen, das tiny 'huckepack' auf Rädern dabei haben können und bleiben wo es einem gefällt- da etwas arbeiten, Land und Leute kennenlernen, kultureller Austausch, grenzenlos ( Statt Kriegen, statt Grenzen und Stacheldrahtzäunen).

Woran sich dann also zu gewöhnen wäre? Passiert auch schleichend, so etwas. Wenn ich moderat gestaltbaren Lebensraum zur Verfügung habe, diesen im besten Sinne noch teilen kann mit Menschen auf 'gleicher oder ähnlicher Wellenlänge', umso besser kooperiert ein Miteinander. Je weniger Entfaltungsmöglichkeit Individuum hat, desto schneller können m.M.n. auch Aggressionen entstehen, gegenseitige Aggressionen, Frust und auch Abstumpfung.

Das wären dann vielleicht die Symptome dieser "Gewöhnung" an eigentlich doch eher gewaltsam anpassende Umstände, die nicht zur Entfaltung beitragen, von Frust über Abstumpfung bis zur Aggression.

Normierungsumstände, seh ich da - Mitscherlich , mein ich mich zu erinnern, sprach auch mal vom 'Abstandsgrün', das ist diese Rasenfläche vor ( Miets)häuern, die es ja wohl ab und an noch gibt, davor ein Schild: 'Rasen betreten und Fußballspielen verboten.' Verboten! Statt Gebot zur Entfaltung.

Was soll anderes passieren in Mietskasernen, vis-a- vis findest dito nur grau, ein paar dumpfe Tauben auf den Dächern, Vögel füttern ( was- Singvogelvielfalt?) im Winter auch verboten.

Garnicht zu sagen oder zu fragen nach einer Hundertwasser-Buntheit und Farbenvielfalt.
Heutzutage ist ja schon selbst die deutsche Bettwäsche: grau. Was für eine Ödigkeit, was farblich sogar zum Ausdruck gebrachtes abgestumpftes Einerlei.
Steine in gitterummantelten Käfigen bilden die 'Vogelschutz'hecke um so manche Häuser.

Überhaupt noch mit Dach über dem Kopf erscheint mir das Wohnen in einer Konserve irgendwie adäquat, hätte spontan keine höheren Ansprüche kraft der Vorstellung, wie sich die gesellschaftliche Situation in den letzten Jahren verschärft hat und es gar nicht mehr selbstverständlich scheint wie es einmal erschien - als sich die Gesellschaft noch nicht an diese Entwicklung forcierende Prekarisierung aller Verhältnisse gewöhnt hatte.

Die Prekarisierung der Verhältnisse und der 'Diebstahl der Farben' - stahlgrau und Betonbau. Ich erinnere mich an einen Comic von Mordillo: Ein Mensch, müde geworden des farblosen Reihenhauseinerleis , greift nachts zu Eimer und Farben und malt das von ihm bewohnte Reihenhaus bunt an - er wird verhaftet und weggebracht.

Und:
Ja, du weißt: Es richten deine
Farben sich nach jedem Scheine,
Immer nur nach andrer Meinung,
Kläglich mild
Bis kitschig wild,
Durch sich selbst niemals Erscheinung.

Dein Genie erwählt mit großem
Blicke aus Charakterlosem
Teile klug sich zu Organen.
Untertanen,
Die du streng wie innig meisterst
Und für deinen Dienst begeisterst:
Aus dem Licht, das unser Leben
Stimmt, Einleuchtendes zu geben.

Wie's gelingt, verwandeln deine
Künste Glas in Edelsteine.

Joachim Ringelnatz, 1929

'Briefmarkte' mir grad passend dazu, zu der - edit verbessert: chamäleonhaften Angepasstheit, der Gewöhnung ans Wohnen betreffende einengende Umstände ohne Widerspruch
( und ansonsten: oftmals der individuelle Widerspruch einem als 'Anpassungstörung' auch gern angepinnt wird)

Der Untertitel dieses Buches "Anstiftung zum Unfrieden" bezieht sich augenscheinlich auf die darin geübte "Kritik an der Zerstörung gewachsener Strukturen in der Stadtentwicklung der Nachkriegszeit", merci klingt interessant!
> https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Mitscherlich

Was ich im Hinblick auf heutige Zeit - die Art und Weise, Gespräche zu führen - einander zu begegnen übrigens auch interessant finde, ist ( Mitscherlich schrieb dies 1965) dies: Damals schon schrieb er von den 'patterns der Schicklichkeit. Er meinte damit, zum einen, die bürgerlichen Gewohnheiten, einander ( explizit Frankreich, sagt er, ich weiß nicht ob das stimmt) nicht zuhaus zu begegnen, sondern den Hauskontakt durch den jeweiligen Besuch im Restaurant zu ersetzen.
( na gut, einige Existenzialisten trafen sich ja auch immer in Cafés zum philosoph- und
politisieren).
Er spricht davon, daß Leut' gern eine sogenannte 'Sozialrolle' ( im außen) spielen, und Furcht davor haben, daß in dieser nicht auftauchende Eigenschaften erkannt und veröffentlicht ( -> Klatsch) werden können, und er begründet mit dem Genannten die Kontaktscheu vieler Städter. Dann kommt dazu die 'tief im Untergrund wurzelnde Vorsicht vor der Annäherung der anderen in eine Nähe, welche die Fluchtdistanz unterschreitet'.

Übrigens noch etwas, in dessen Zusammenhang mir unlängst 'city/am Fenster' wieder in Erinnerung kam.
https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/ost-thueringen/saalfeld-rudolstadt/bauhaus-heute-haus-des-volkes-100.html
War zuvor ein Film über die Grenze zur ehem. DDR.
Was ich übrigens auch lustig finde: Den Bauhausstil 'Würfelhusten' zu nennen.
In die Landschaft gehustete Würfel.

Nichts mit Schriftstellerturmschreiberei, nichts mit glockenwärternden nächtlichem Rundgang, nichts mit altstadtatmender Geschichte...
Noch ein Begriff Mitscherlichs: 'Defektformen der Raumplanung' Dazu fällt mir ein:
Ins schier Unendliche gedehnte (Wartezeit bei und Umständlichkeit von)Verwaltung
( bspw. Bauanträge für Solarzellen auf dem Dach&Baubehörde- Denkmalschutz) ich muß schon wieder an den 'Blaumilchkanal' denken, vom Ephraim Kishon.
Bitte da lang und nicht den Humor verlieren

aber: schicke mit diesen obigen Anregungen noch, einen freundlichen Gruß vom hiesigen Strand&binwieder weg

Beste Grüße

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (05.12.2021 18:40).

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