kulinux schrieb am 28.06.2021 12:00:
KoalaHR schrieb am 28.06.2021 01:02:
Zum Themenkreis "cui bono" lohnt sich m.E. die Lektüre von "Hitlers Volksstaat" von Götz Aly.
Jein.
Denn mit dem Finger auf die vielen kleinen Profiteure zu zeigen, die nachträglich auch 'etwas vom Kuchen abbekamen', ist angesichts der Profite der Anstifter und Verursacher eigentlich auch schon wieder als Ablenkungsmanöver zu bezeichnen.
Ein Ablenkungsmanöver von einer Hypothese. Natürlich haben die Kapitalisten davon profitiert, denn sie profitieren in einem kapitalistischen System immer mehr als andere. Das tun sie aber auch ohne eine offene Diktatur.
Aber, daß es eine Verschwörung von Junkern und Plutokraten gab, die zum Krieg, zum faschistischen Terror und zur Ausbeutung von Zwangsarbeitern angestiftet haben, ist ja nicht so leicht zu zeigen. Die haben die Zwangsarbeiter nämlich bezahlt, wenn auch auf der geringsten Tarifstufe. Die Löhne sind halt nur nicht Cash ausgezahlt worden, sondern haben über Reichsanleihen und Sozialabgaben den Staatsbankrott verhindert.
Dort wird - unter Berücksichtigung der Rechnungsbücher
Ich meinte eher die der großen Banken und Konzerne.
Vom Vermögen der IG Farben ist bspw. nach dem Krieg fast alles für die jahrzehntelange "Liquidierung" draufgegangen, der Rest den Nachfolge- = Vorgängerfirmen (rück)übertragen worden.
Die IG Farben hat aber überhaupt erst den Anstoß zum Bau von Auschwitz als Arbeitslager für ihr Chemiewerk dort gegeben. Weder sind die (Un)Verantwortlichen und ihre Aktionäre – die ja in Hauptversammlungen das Handeln der Manager absegnen – bestraft worden, noch die Opfer oder ihre Nachfahren entschädigt worden.
Die IG-Farben hat das Werk im GG gebaut, weil es dort jenseits der Bombergefahr lag und weil es dort überhaupt Arbeitskräfte gab. Deutsche Arbeiter waren ja an der Front.
Aber ja, du hast Recht, die Aktionäre haben nicht gegen die barbarischen Bedingungen protestiert. Denn man hat dafür gesorgt, daß sie es nicht wissen mußten, wenn sie es nicht wissen wollten. Und sie wollten nicht.
- beschrieben, wie die Hitler-Regierung nahezu das gesamte deutsche Volk zu Begünstigten des Raubkrieges gemacht hat, um negative Entwicklungen an der Heimatfront wie 1917/18 zu vermeiden.
Dabei dürfte der "Verteilungsschlüssel" aber so ähnlich gewesen sein wie sonst auch im Kapitalismus bzw. sogar schlechter, also z.B. so wie in "Krisen", die nur riesige Umverteilungsaktionen sind – die aktuelle muss man sogar als dreisten Raubzug bezeichnen.
Genau.
Warum hatten die "kleinen Leute" denn nach dem Krieg keine Reichtümer und wurde – bis auf Grund- und Aktienbesitz – in der "Währungsreform" enteignet? Den Krupps, Thyssens, Quandts, Henckels … usw. deren Nachfahren heute noch ein Schmarotzerdasein dank leistungsloser Einkommen führen ging es nach dem Krieg nicht schlechter als vorher, sondern sogar besser.
Das haben genau die Leute gemacht, die bis heute dieses Land regieren und bis heute eine Erbschaftssteuer auf Eigentum an Produktionmitteln wegschwafeln. Wegen der Arbeitsplätze, weißte ja. Deshalb haben wir hier uralte Parasitendynastien, über deren Babyglück dann die Yellow Press schreibt.
Das funktioniert also auch ohne Krieg und offene Diktatur. Überall auf der Welt. Warum soll ich dann die Existenz einer Verschwörung annehmen?
Bis Anfang '45 hat im Reich keiner gehungert und keiner gefroren.
Bis auf die paar Millionen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die sich versteckenden Juden und noch ein paar andere … nicht der Rede wert, oder?
Mir geht es darum, welche Deutschen vom Krieg und vom Holocaust profitiert haben. Die deutschen Juden und die deutschen KZ-Häftlinge waren es nicht. Das ist mir auch klar.
Es kamen Beutepakete gut organisiert und in großer Zahl. Kaum ein Fronturlauber kam mit leeren Händen.
Aber "einige" kamen eben gar nicht mehr – so wie drei Brüder meiner Großmutter.
Der "finanzielle" Verlust für die um drei kräftige Handwerker beraubten Familie – inkl. Vertreibung – ist wohl kaum durch die Kriegsgewinne irgendwelcher kleinen Leute aufzuwiegen. Da müsste man sich eben an die Millionen- und Milliardengewinnler halten … übrigens nicht nur die deutschen, sondern auch GM, die dank Opel ja auch ganz kräftig am Krieg verdient haben.
Ich hoffe, ich klinge da nicht unsensibel, aber die Versorgungsansprüche deutscher Familien für an der Front stehende (oder dort gefallene) Männer waren beträchtlich höher als z.B. in den USA oder Großbritannien. Und das Geld dafür kam aus Frankreich, Holland, Polen, Griechenland und eben auch aus der Sowjetunion. Dieses Geld ist nicht in die Bilanzen der Konzerne geflossen, sondern ist in die Kriegswilligkeit investiert worden.
Es waren eben nicht nicht nur ein paar Bankster, die profitiert haben
.
Nein, aber sie haben das Ganze angezettelt – und am Schluss haben nur sie (und die anderen Großkapitalisten) profitiert. Und abgerechnet wird bekanntlich am Schluss = nach 8.5.1945.
Vielmehr hat man offenbar breite Teile des Volkes korrumpiert und zu Komplizen gemacht.
Natürlich, anders wäre das Ganze wohl auch kaum durchführbar gewesen.
"Wir" sind ja keine "Russen", die einfach so ihre Heimat bis zum letzten Blutstropfen verteidigen, weil sie sahen, was die Deutschen mit ihnen anrichteten – und was und in wessen Interesse das geschah.
Und leider gilt immer noch Brechts Diktum:
"Der Schoß ist fruchtbar noch,
aus dem DAS kroch."
Die Verheißung der Ostbesiedlung durch eine Gemeinschaft von Wehrbauern mag für uns Heutige vielleicht bizarr klingen. Für viele Landarbeiter war das ein persönlicher Kriegsgrund. Also nicht nur für adlige Großgrundbesitzer.
Du glaubst im Ernst die Verteilung des "Lebensraums" im Osten wäre vorzugsweise an die kleinen deutschen Bauern erfolgt? Wirklich??
Und selbst WENN, dann wäre das im Zuge der kapitalistischen Agrarindustrie durch die dem Kapitalismus innewohnenden Konzentrationsprozesse spätestens in 2 Generationen zugunsten der "Juncker" wieder "korrigiert" worden.
Niemand kann sagen, was nach einem "Endsieg" diesbezüglich passiert wäre. Das System hatte aber einen populistischen Zug. Es hätte (zumindest zunächst) liefern müssen, sonst wäre es ins Wanken gekommen.
Also, der gute Herr Aly mag ja in manchem, was er so sagt und schreibt, Recht haben – aber nicht längst in allem. Und es ist eben aus meiner Sicht für einen Historiker unredlich, wenn er angesichts einer vorherrschenden Vertuschung der wahren Verantwortlichkeiten und Profiteure auf die "kleinen Leute" zeigt, ohne die zugegebenermaßen der ganze Krieg gar nicht hätte geführt werden können.
Aly zeigt, wie die kleinen Leute profitiert haben. Das kannst du nicht widerlegen und willst es vielleicht auch nicht. Du kannst ihm nicht vorwerfen, daß er nicht beweist, was du behauptest: daß die Plutokraten die Hauptschuld haben. Vielleicht kann er es nicht beweisen. Weil es womöglich nicht stimmt. Man muß m.E. zur Kenntnis nehmen, daß die nationalsozialistische Ideologie eine eigene starke Wirkkraft hatte. Die Dinge können sich also durchaus auch aus deren eigener Agenda so entwickelt haben. Mit mehr oder weniger Beifall aus verschiedenen Interessenlagern.