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  • Pnyx (1)

mehr als 1000 Beiträge seit 01.07.2017

Ungeheuer

Ist es nicht seltsam, dass Wehr in seinem Essay das zu sich selbst Kommen des Bürgertums mit seiner ersten genuin imperialistischen Episode - Napoleon - einsetzen lässt? Es folgt die summarische Darstellung der hauptsächlichen Emanzipationskämpfe, in denen der bürgerliche Hauptstrom auf seine eignen, solemn verkündeten Prinzipien behaftet wird, was diesen immer schon in die Defensive und schliessliche Niederlage führt.

Dass aus Differenzbewusstsein schnell gefühlte moralische Überlegenheit wird, ist vermutlich mehr menschlicher Natur allgemein geschuldet, als einer Spezifik der jeweiligen Gruppe. Wehr beklagt eine Hypertrophierung, Verabsolutierung des emanzipatorischen Impetus und reiht sich ein in die Kritik der Identitätsidolatrie, versucht aber im Gegensatz zu Wagenbach durch Rückgriff, Beharren auf die Setzung des Proletariats als revolutionärem Subjekt den sozusagen linken Markenkern zu retten. Dabei ausser Acht lassend, das heute niemand mehr Proletarier sein möchte und diese Kategorie in absichtsvoller Unschärfe belassend.

Der bürgerliche Universalitätsgedanke, ja -anspruch, der auch das marxistische Denken prägt, wird nicht angetastet, verteidigt, bildet den Bezugsrahmen, in dem die Menschheit ihr Heil zu suchen und zu finden hat. Es ist kein Zufall, dass der Begriff Ökologie bei Wehr nicht erscheint. Die schiere Unvereinbarkeit bürgerlicher Weltordnung mit dem ökologischen Umfeld, in den sie eingebettet, oder besser, dem sie aufgepfropft wurde, bleibt unsichtbar, kann so nicht in den Blick geraten.

So ist es auch unmöglich, in den Identitätsdiskursen einen tiefen, ihnen selbst wohl nicht bewussten Kern des Widerstands gegen eben dieses universalistische Paradigma zu erkennen, gegen die durch die Ideologen stets ihren linken Gegnern unterstellte Gleichmacherei, die in Wirklichkeit ihnen selbst eignet, gegen die bürgerlich aufoktruierte Herrschaft der Abstraktionen, wie z. B. 'Mensch' eine ist, die jede Differenz wenn nicht einebnet, so für unerheblich erklärt. Gegen das unbedingte Primat der Form vor dem Inhalt, dessen bedingungslose Durchführung den beispiellosen Siegeszug der Wissenschaften ermöglicht, eine ungeahnte, wenn auch im menschlichen Wunschtraum, magischen Denken, vorweggenommene Zunahme instrumentalisierbaren Wissens - das, wie wir nun immer klarer sehen, die gesamte Menschheit an den Rand eines ökologischen - den militärischen nicht zu vergessen - Abgrund geführt hat.

Etwas Grundlegendes stimmt nicht. Etwas, was noch über die marxistische Kritik hinausgeht. Da ist ein Webfehler, oder eine Laufmasche, die das Gewebe kompromitiert. Die westlich-abendländische Kultur, ihr Universalismus, ist ungeheuer erfolgreich. Sie ist ein Ungeheuer.

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