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  • ozd

125 Beiträge seit 07.04.2022

Autor Fess ist viel zu vorsichtig Re: Wozu Euphemismus?

Ich erlaube mir hierauf zu reagieren, um keinen neuen thread zu eröffnen, auch wenn ich etwas weiter gehen möchte - ich verstehe die Vorsicht des Autors Fess überhaupt nicht. Warum sein Bemühen um unangebrachte Ausgeglichenheit in der Wertung?

Fess:
"Diese Beispiele bewegen sich durchaus im Rahmen des Diskutablen – wenngleich sie sich dabei als durchaus kontraproduktiv für die politischen Ziele oder die Vertrauenswürdigkeit der involvierten Institutionen erweisen könnten. Einzig über Glauben lässt sich eben nicht streiten."

Alleine schon von Poulson zu wissen, ist angesichts der völligen Ahnungslosigkeit der meisten anderen Medien bemerkenswert - warum aber dann den vorsichtigen Schritt zurück machen ("durchaus kontraproduktiv für die politischen Ziele") und nicht daraus die unmisverständliche Schlussfolgerung ziehen, dass diese Desinformationsprogramme übelste Progaganda darstellen. In zahlrichen Fällen wurden Lügen gezielt kultiviert und die Bevölkerung damit aufgehetzt, mit dem einzigen Ziel, dass sie Hunderttausende Tote hinnähme. In einem völlig unnötigen Krieg.

(Ich will hier nicht die Russland-Frage und Art. 51 diskutieren, es soll jetzt nur um NATO-EU gehen, wie im Artikel.)

Was da mit NATO (ein autoritäres Atom-Militärbündnis das von keiner Bevölkerung jemals legitimiert worden ist, sondern per Bechluss von oben agiert) und der zivilen EU zusammenwächst um die öffentliche Meinung und den Informationsfluss zu manipulieren, ist extrem und extrem gefährlich.

Es geht hier schließlich nicht um NachmittagsTV sondern (Atom)Krieg.

Die Aufgabenstellung der NATO lautet: Wie kriege ich meine Bevölkerung dazu, einem völlig unnötigen Krieg zuzustimmen, dem sie, ohne meine Lügen und Propaganda nicht zustimmen würde?

Macrons Diktum "NATO is gehirntot" ist ja so lange noch nicht her. Ebenso wenig die Millionen Protestierenden gegen den Irakkrieg, gegen Afghanistan, die Empörung über die Ermordung Gaddafis, die Proteste gegen den Drohnenkrieg, die Demo gegen Abu Ghraib und Guantanamo usw., selbst die Fachdiskussionen über die Krim, Annexion ja oder nein - all das gehörte zu einer lebendigen Diskurskultur. (Natürlich oft nur aus der Sicht des Westens, aber besser als nichts.)

5, 10, 20 Jahre später ist das alles mausetot, laufen auf denselben Demos heute Menschen mit pro-NATO Plakaten durch die Straßen, die oft zu jung sind um die Bombardierung des Kosovo miterlebt zu haben.

Wie ist dieser Wandel zustande gekommen? NATO hat lange und hart daran gearbeitet.

Also nochmal zurück zu den oben von Fess zitierten Punkten:

- "Die Bestrebungen der NATO haben den Konflikt zwischen der Ukraine und Russland provoziert." -> das hat im August Stoltenberg selber endlich zugegeben. Es ist "on the record."

- "Der Westen untergräbt die Bemühungen um Friedensverhandlungen."
-> das hat der ehemalige PM von Israel Bennett ("ouch") in einem ausschweifenden Interview ebenso klipp und klar kritisiert. Selbst die Kiewer Tageszeitungen hatten von Boris Johsons Besuch und Forderung nach Ende von Friedensverhandlungen berichtet.

- "Der Westen profitiert vom Krieg in der Ukraine."
-> Was die Interessengruppen der NATO und EU-Kommission angeht, selbstverständlich. Man gucke sich nur die explodierten NATO-Etats der Staaten an, die Militärausgaben, die Aktienkurse der Rüstungunternehmen, die Agrarkonzerne die es auf die Ukraine abgesehen haben, usw.

- "Die Inflation und die Energiekrisen werden durch den falschen politischen Ansatz Europas und der USA verursacht."
-> das wird von so extrem russlandfreundlichen Publikationen wie der Financial Times, selbst dem Economist in letzter Zeit dauernd bestätigt und moniert

- "Entwicklungsländer ziehen Russland dem Westen vor."
-> äh...ja. BRICS, UNO, selbst die Weigerung Hamas zu verurteilen gehört hierher

- "Der Westen und seine Stellvertreter schüren die Russophobie."
-> Nur wer mit geschlossenen Augen durch die Welt rennt sieht das nicht. Schon Jon Schwarz hat 2022 in "The Intercept" in einem humorigen Artikel diese Russophobie auf die Schippe genommen ("We Still Need to Ban These 10 Russian Things"). Auch hier reicht ein Blick in die Meldungen: Künstler, Sportler, Wissenschaftler, selbst Hundebesitzer werden ausgeladen, Bücher aus den Lehrprogrammen gestrichen (in der Ukraine gar verbrannt, aber das ist ein anderes Thema), Russen mit Tieren verglichen, Speisekarten umbenannt, usw.

- "Militärhilfe verlängert den Krieg."
->ähm, ja das ist ja der Sinn von Militärhilfe

- "Die EU steht unter dem Einfluss der USA."
-> Auch das ist eine Binse. Wo sollen wir anfangen? Bei Trumans Außenpolitik 1948? Oder der Gründung der NATO? ("Keep USSR out, America in, Germany down"), oder dem Beschluss Nordstream zu liquidieren, als Merkel und Biden sich im Sommer 2021 trafen, für den Fall dass Russland einen Krieg beginnen würde (David Ignatius berichtete damals in der WaPo), oder der inzwischen völlig vergessene Skandal Ende Augut 2022 im Wirtschaftsministerium, Referat Energie/Gas, als Habeck mit skandalösen Methoden Mitarbeiter mundtot machte, die die antirussische Energiepolitik für völlig falsch hielten; oder ein Blick auf die Profite der amerikanischen LNG-Lieferanten.

"Noch Fragen Kienzle?"
"Ja Hauser"

Was also ist an den Aussagen die von der NATO/EU Gruppe als "russische Propaganda" tituliert werden überhaupt unzutreffend?

Wenn der russische Mathematiker sagt 2+2=4 , ist es dann bei uns 4,5? Sonst sitzen wir Propaganda auf?

Also Dank an Herrn Fess. Aber bitte mehr Mut!

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  1. - YetAnotherGuy 100 Wozu Euphemismus?
    1. Michael Boettcher 90 Re: Wozu Euphemismus?
    2. ozd 100 Autor Fess ist viel zu vorsichtig Re: Wozu Euphemismus?
      1. Rocky Horror Picture Show   Danke für den ausführlichen Beitrag! [++] [kwT]
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