karlis schrieb am 21.06.2021 15:00:
Vielen Dank für diese sachliche Antwort, die mir ein Verständnis des Infektionsvorgang und dessen Analyse vermittelt!
Wenn ich richtig verstehe ist es vorhersehbar, welche Mutation dominieren wird.
Ein bißchen vorsichtiger so ausgedrückt: ja, nach dem Kriterium einer stärkeren Bindung an ACE-2 kann man Kandidaten für dominierende Mutanten erwarten und vorherzusagen versuchen. Aber, das ist alles Biologie, und in der wird immer noch das zusätzliche Unerwartete gefunden, also tut ein bißle Bescheidenheit auch Not.
Über die "Gefährlichkeit" kann erst eine Aussage getroffen werden, wenn ausreichend empirische Daten vorliegen. Es könnte dann durchaus sein, dass die Mutation zwar infektiöser aber weniger gefährlich ist?
Das braucht ein "ja, aber": eine infektiösere Virus-Variante (also weniger Virus-Last zum Etablieren einer erfolgreich Infektion benötigt) ist erst einmal im epidemiologischen Sinne der Verbreitung nicht gut und auch möglicherweise im individuellen Krankheitsverlauf nicht so gut, wenn eine Infektion schneller durch den Körper laufen kann. Das ist eigentlich offensichtlich. Daß aber "Gefährlichkeit" insgesamt von der Gesamtheit aller viralen Proteine abhängt und wie die zur Infektion und Neuproduktion viraler Partikel zusammenwirken, sollte auch klar sein. In der reinen Theorie (ausdrücklich nicht auf aktuelle und reale Beobachtungen bezogen!) kann es z.B. als ein mal hier so konstruierter Fall vorkommen, daß ein Virus infektiöser wird, aber aufgrund von Veränderungen an anderen viralen Proteinen und Mechanismen schlapper und ungefährlicher geworden ist.
Dies meinte ich mit meiner Aussage zum PCR-Test und bedanke mich für die hilfreiche Belehrung.
Sollte der ct-Wert nicht in die Bewertung mit einfliessen, auch wenn hier die stärkere Bindungsfähigkeit der unterschiedlichen Mutationen berücksichtigt werden müsste?
Oh, oh, Glatteis, schauen wir mal. Der ct-Wert ist erst einmal nichts anderes als ein (semi)quantitatives Maß für die Menge der in der Probe nachgewiesenen Nucleinsäuren, bzw. die nach Probeaufarbeitung, RNA-Virusgenom-Reinigung + reverse Transkiption in DNA vorhandenen DNA-Stücke. Das (semi) im vorgehenden Satz bezieht sich darauf, daß ich die Abläufe mit der Probennahme und damit einige der nachfolgenden Schritte beeinflussend als mein persönliches Vorurteil für so schlecht und schwierig standardisierbar halte, daß ich mich z.B. bei dem gleichen infizierten Patienten über einen Faktor 10 bis 20 unterschiedlicher abgenommer Virus-Menge und resultierenden ct-Unterschieden von 3 oder 4 oder 5 Amplifikations-Zyklen nicht wundern würde. Also sehr genaue Virus-Titer-Bestimmungen sind m.E. so nicht einfach. Dann noch wichtiger: eine PCR mit ihrem ct-Ergebnis mißt eine Virenlast, die sich als Ergebnis einer Infektion ergeben hat, und rein von der Logik her weiß ich nicht, was eine erhöhte Infektiösität einer Virus-Variante vor der Infektion mit dem sich ergebenden Virus-Titer (gleich ct-Ergebnis) nach dem Eintreten der Infektion und der Virusvermehrung zu tun haben sollte, für mich wäre das bestenfalls nur schwach korreliert und droht dann in den ct-Schwankungen unterzugehen.
Ein komplett anderes Thema ist die Aussagekraft des ct-Werts überhaupt, zu dem sich ein riesiges Streitfass aufmachen lässt. Ich kann es nicht lassen, hier nur eines zu sagen: meiner Meinung nach haben viele aus dem Lager "hohe Zyklenzahlen bringen quasi automatisch falsch-positive PCR-Ergebnisse" ein falsches Verständnis über die Funktionsweise von PCR und denken, daß schwache Wechselwirkungen mit z.B. eigentlich falschen endemischen Coronaviren sich über eine nur ausreichend hohe Zyklenzahl zu einem dann doch meßbaren Signal aufschaukeln. Das ist falsch (ich habe dazu in der nicht allzuweit zurückliegenden Vergangenheit mehr geschrieben, und wer will kann suchen).
Dann stellt sich mir die Frage, ob Mutationen wie bspw. indisch-delta eine stärkere Bindung an den ACE-2-Rezeptor herstellen als ein "Impfstoff-Spike" und dadurch eine unvorhersehbare Immunantwort erfolgt. (Entschuldige die Formulierung, bin nicht vom Fach aber ich hoffe es war verständlich)
Sorry, nicht so ganz verständlich, und ich versuche etwas herauszuziehen. Ob ein Spike mit der einen oder mutierten anderen Sequenz ein ACE-2 besser oder schlechter bindet, ist das eine. Wenn in der Immunantwort ein Spike als Antigen erkannt wird, dann passiert das erst einmal nicht in einer Situation, in der das Spike gerade mit einem ACE-2 herumspielt, sondern eher an freien und ungebundenen Spike-Antigenen. Worauf es als Ergebnis einer Immunantwort oder auch Impfantwort hauptsächlich ankommt, ist wie die ausgelösten Antikörper ein Infektions/Impf-Spike tatsächlich erkennen und wie gut ihre Kreuzreaktionen mit strukturell anderen Spike-Varianten funktionieren (ich weiß , daß ich hier viel Immunologie abkürze und nicht auf T-Zell-abhängige zelluläre Immunität eingehe, aber das müsste hier erlaubt sein). Grundsätzlich ist ein verblüffendes Ergebnis aus der Immunologie der letzten 18 Monate, wie gut sich neutraliserende Antikörper aus Infektionen wie auch aus Impf-Situationen in eine gewisse Zahl von sequenz- und eigenschafts-definierten Gruppen einsortieren lassen, und damit bedeuten Mutationen nicht einen kompletten Ausfall vorexistierender Immunantworten gegen die Virus-Varianten. Es kann halt sein, daß eine existierende Immun/Impf-Antwort gegen einen mutierten Virus nicht so hundertprozentig gut funktieren kann wie gegen das auslösende Immunogen. Ein bißchen verblüffend ist eine zugespitzte Zusammenfassung, für die ich von der Wissenschaftseite aber nicht mit Katzendreck beworfen würde: Infektion mit dem Wuhan-Ausgangsvirus oder Impfung mit den diversen Vakzinen führt zu guter Immunantwort gegen das Ausgangs-Spike, aber gegen die diversen Variants-of-Concern zu Immunantworten mit (z.B. je nach Vakzine) leichten "Löchern"; überraschenderweise ergibt Infektion mit der südafrikanischen Variante einen sehr guten und kompletten Impfschutz gegen sowohl alle alpha/beta/gamma-Varianten wie auch gegen den Wuhan-Wildtyp. Die beiden Situation haben also eine gewisse Asymmetrie. Wie indisch-delta da hineinpasst ist noch etwas zu früh zu sagen. Das direkt ableitbare Argument ist, demnächst die Sequenz der Impfstoffe gegen z.B. die südafrikanische Variante auszutauschen, da kann man drauf wetten.
Ich danke Dir nochmals aufrichtig und freue mich, dass auch noch sachliche Gespräche stattfinden können!
Gruss
Tja, schade hier, daß das betont werden muß.