Mal eine Annahme, die ich nur begrenzt teile, aber egal:
Der Markt sei die beste Lösung für die Güterdistribution. (1)
Das führt zu weiteren Annahmen:
Es gehe also nur um die Produktionsseite bei der Bewertung des Kapitalismus. Nun gibt es verschiedene Kreislaufmodelle und die nächste Annahme ist, die beschreiben das reale Geschehen sehr grob aber im Groben richtig. (2)
Dritte Annahme ist jetzt, dass die Produktion über den Kapitaleinsatz und die Arbeit läuft und eingestellt wird, wenn am Markt für die Güter kein Gewinn erzielt wird. Wir haben dann also Kapital + Arbeit + Gewinn nötig, um die Produktion am Laufen zu halten. (3)
Daraus folgt: Unendliches Wachstum ist nötig, damit diese Produktionsweise erhalten bleibt.
Daraus folgt: Es ist im Interesse der Kapitalgeber Kosten einer Produktion auf andere Abzuwälzen (z.B. Gifte irgendwo los zu werden, statt sie sachgerecht zu entsorgen oder wie im Falle von Atommüll 10.000de Jahre zu lagern.)
Daraus folgt: Gesellschaftlich sinnvolle und gar notwendige Produktion wird von Kapitalgebern vermieden, wenn sie keine Gewinne ermöglicht.
Daraus folgt: Kapitalgeber sind an einem starken Markt, d.h. reichen Käufern interessiert, wollen dazu über Löhne aber keinesfalls beitragen.
Daraus folgt: Ein unauflöslicher Widerspruch zwischen Kapitalgebern und Arbeitgebern (ich wähle die sachgerechte und nicht die sachverzerrende Bezeichnung) entsteht.
Die Fragen an jeden Verteidiger des Kapitalismus:
1. Ist da ein Fehler in den Voraussetzungen und Folgerungen?
2. Bei Anerkennung der zweifelsfrei gewaltigen Produktionsfortschritte unter* der kapitalistischen Produktionsweise: Bedeutet die Idee des unendlichen Wachstums nicht die Selbstvernichtung der natürlichen Ressourcen des Biosystems, also die Selbstvernichtung der Menschheit?
*Vorsicht: Korrelation!
3. Kann eine Profitorientierung der Produktion auf Dauer funktionieren?
4. Führt diese Produktionsweise durch ihre inneren Konflikte nicht zwangsläufig zu massiver Gewalt, die doch kein einziges Problem nachhaltig löst?
Bei der Diskussion dieser wahrlich alten Fragen begegnen mir immer wieder zwei logische Fehler von Befürwortern des Kapitalismus:
- Bisher war es so und so. Also wird das auch in Zukunft so sein. (Fall aus dem 23. Stock - Bis zum Erdgeschoss ist alles gut gegangen.)
- Stalin war so schrecklich. Jede Alternative zum Kapitalismus führt wieder dahin. (Selbst, wenn der Anteil des Imperialismus an der Verstärkung des Terrors völlig außen vor gelassen wird ist das Whatsaboutism.)
Meiner Meinung nach bleibt bei der Auseinandersetzung mit diesem Wissen nur:
#1. Sie legen die Hände in den Schoß und hoffen darauf, in ihrem Leben nicht im Erdgeschoss anzukommen und darauf, dass ihre Enkel auch noch nicht da sind. Aprés nous le dèluge. Schöne Variante davon: Spätere Generation lernen unterwegs fliegen.
#2. Ist mir egal. Das bisschen Korruption stört mich nur, wenn ich daran nicht teilhaben kann. Da mach ich mit, um für mich jetzt das meiste, genügend rauszuholen.
#3. Sie beteiligen sich, wie auch immer, die Möglichkeiten für eine neue Produktionsweise zu durch- und bedenken und sie eventuell durchzusetzen.
Nichtstun führt in eine typische Falle. Wer glaubt, einer Situation durch Kopf in den Sand stecken zu entkommen, der entscheidet sich für #1. Mathematisch: Bewerte ich die Alternativen nicht explizit, dann gebe ich jeder Lösung den Multiplikator 1.
Machen Sie sich klar: Das hat rein überhaupt gar nichts mit Moral oder Ethik zu tun. Die mögen Ihre Entscheidung beeinflussen, weil Sie ein Mensch sind. Genauso wie Gruppenzugehörigkeit und Gefühle. Es geht erst einmal sich den Tatsachen zu stellen. Gegen einen gewaltigen Einflussapparat, der von den Menschen aufrecht erhalten wird, die sich dem - als sehr vielen Motiven - nicht stellen wollen. Das geht weit über Medien hinaus.
Die eigentliche Arbeit beginnt erst nach der Entscheidung, oder auch nicht. Hier kommen dann Werte (nicht Sach-Werte) ins Spiel.