Ansicht umschalten
« Ältere Neuere » Seite 1 2
Avatar von Sentinel
  • Sentinel

mehr als 1000 Beiträge seit 08.05.2023

Die Anomalie als gefährliches Instrument

Präfatio: Ich bin 100% anti-AfD und halte sie für eine demokratiefeindliche Partei, die in einer demokratischen Gesellschaft eigentlich überhaupt keinen Platz haben dürfte.

Trotzdem muss man sich mit den psychologischen Bedingungen einer solchen gesellschaftlichen und politischen "Anomalie" beschäftigen, wenn man verstehen will, warum die AfD aktuell so viel Zulauf erhält und warum sie gerade deswegen immer stärker das Radikale heraushängen lässt:

Die Bundesregierungen der letzten knapp 2 Jahrzehnte haben sich mit zwei Dingen nicht ausreichend (oder gar nicht) beschäftigt:

1.) der zunehmenden sozialen/wirtschaftlichen Schere, die immer stärker zwischen arm und reich auseinanderklafft

2.) den völlig veränderten Bedingungen der Zuwanderung im Spannungsfeld von Flucht, Migration und Asyl.

Infrastrukturschwache Areale und Regionen geraten immer mehr in eine Abwärtsspirale, die aus Deindustrialisierung, Abwanderung, verringerter Anzahl von Konsumenten und erneuter Deindustrialisierung besteht.
Zwar finden nun vereinzelt Bemühungen statt - wie etwa die Tesla-Batteriefabrik oder Intels Chipfabrik - überaus wirkkräftige Player aus dem Hochtechologiebereich anzusiedeln, aber diese Bemühungen sind punktuell, unsystematisch und nicht integriert in übergeordnete infrastrukturelle Konzepte.

Die Zuwanderung ist natürlich eine Herausforderung für Management und Bürokratie: Man ließ - lobenswerterweise in durchaus nobler Absicht - sehr viele Menschen ins Land kommen, ohne sich aber um eine angemessene Integration der Berechtigten zu sorgen, noch um eine angemessen rasche Rückführung der nicht Berechtigten.

Und genau an dieser Stelle setzt eine Partei an wie ein "hackebeil" an: Sie schlagen mit ihren rechtsvölkischen Parolen genau in den wunden Punkt: in die Sorge vieler Menschen, wie nun die Ressourcenverteilung angesichts Energiekrise, Inflation, Kriegskosten und angesichts der sich immer weiter aufspreizenden wirtschaftlichen Schere in der Gesellschaft geordnet werden soll.
Und satteln mit ihren völkischen Ideologien auf dieses Thema auf.

Die meisten Wähler sind m.E. keineswegs Neonazis. Im Gegenteil! Aber sie sagen sich: Warm führen die demokratischen Kräfte nicht endlich mal eine konstruktive Debatte, wie das Asylrecht neu organisiert werden kann.
Die demokratischen Kräfte haben sich Jahrelang regelrecht geweigert, sich dieses Themas konstrukt anzunehmen.
Also wählen die Menschen zunehmend und so lange die AfD, bis die Debattenführer aus Presse und Politik endlich das Thema nicht länger ignorieren können.
Gestern gab es ein höchst interessantes Interview auf Zeit Online mit Herrn Knaus und Herrn Frei, die sich über Vorschläge zur Asylrechtreform unterhielten bzw. stritten - eine solche Debatte hätte es bis vor Kurzem überhaupt nicht gegeben.

Also: Die AfD erfüllt hier die Funktion des Stachels, den die Wähler verwenden, um die demokratischen Elemente dazu zu motivieren, sich der drängenden Themen und Probleme endlich anzunehmen.
Denn eins ist klar: ein so sensibles und wichtiges Thema wie das Asylrecht kann und darf man natürlich nicht einer Partei überlassen, die sich einen gerichtlich festgestellten Faschisten zum Führer im Landtag gewählt hat.

Dumm nur, dass durch ihre unbändige Ignoranz gegenüber solchen Themen wie auch ihrer demonstrativen Herablassung gegenüber Andersdenkenden die politische Mitte soviel Vertrauens- und Sympathiekredit verspielt hat, dass wir uns mittlerweile in sehr gefährlichen Fahrwassern bewegen, in denen radikale Parteien Fuß fasssen nd sich etablieren könnten. Wohin das am Ende führen könnte, haben wir ja vor 90+ Jahren schon einmal erlebt und denjenigen Protestwählern, die die AfD als Instrument wählen, um die Politik zu bewegen, könnten am Ende einer Gewalt Tür und Tor öffnen, die uns noch alle ins Unheil stürzen könnte.

Daher ist jetzt für die Presse wie auch für die Regierung und die Opposition allerhöchste Eisenbahn, diese o.g. Themen endlich angemessen anzugehen.

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (31.07.2023 12:13).

Bewerten
- +
  • Avatar von Rot und tot
    • Rot und tot

    14 Beiträge seit 26.07.2023

    Antwort auf Die Anomalie als gefährliches Instrument von Sentinel.

    Sentinel schrieb am 31.07.2023 12:10:

    Präfatio: Ich bin 100% anti-AfD und halte sie für eine demokratiefeindliche Partei, die in einer demokratischen Gesellschaft eigentlich überhaupt keinen Platz haben dürfte.

    Da sprichst du ein interessantes Phänomen an. Du musst die Partei ja nicht mögen, aber kannst du überhaupt begründen, wieso du sie für demokratiefeindlich hältst? Weil "die Medien" das Mantra ständig wiederholen, oder gibt es da irgendwelche substanziellen Gründe?

    Bewerten
    - +
  • Avatar von
    • unbekannter Benutzer

    mehr als 1000 Beiträge seit 18.11.2014

    Antwort auf Re: Die Anomalie als gefährliches Instrument von Rot und tot.

    Bei AFD in Verbindung mit Demokratie muss ich immer an Erdogan denken.
    Demokratie ist wie eine Straßenbahn aus der man aussteigt, wenn man das Ziel erreicht hat.

    Bewerten
    - +
  • Avatar von Sentinel
    • Sentinel

    mehr als 1000 Beiträge seit 08.05.2023

    Antwort auf Re: Die Anomalie als gefährliches Instrument von Rot und tot.

    Rot und tot schrieb am 31.07.2023 12:19:

    kannst du überhaupt begründen, wieso du sie für demokratiefeindlich hältst?

    Bestimmte Aussagen und Handlungen einiger AfD-Politiker haben Bedenken hinsichtlich der demokratischen Grundwerte aufgeworfen. Hier einige Beispiele:

    Rhetorik gegen demokratische Institutionen: Einige führende AfD-Politiker haben die demokratischen Institutionen und die repräsentative Demokratie in Deutschland kritisiert oder deren Legitimität infrage gestellt. Dass das den Eindruck erweckt, dass die Partei nicht vollständig hinter dem demokratischen System steht, liegt auf der Hand.

    Angriffe auf die Pressefreiheit: Die AfD hat wiederholt die Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit der Medien in Frage gestellt und sie als "Lügenpresse" diffamiert. Die Pressefreiheit ist jedoch ein grundlegendes Prinzip der Demokratie und Kritik an den Medien sollte nicht in Diffamierung und Einschüchterung ausarten.

    Einwände gegen Gewaltenteilung: Die AfD hat wiederholt versucht, die Unabhängigkeit der Justiz in Frage zu stellen oder die Rolle des Parlaments zu untergraben, indem sie eine stärkere Zentralisierung der Macht fordert.

    Fremdenfeindliche Aussagen: Einige Äußerungen von AfD-Politikern im Zusammenhang mit Migration und Asyl haben den Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit und der Diskriminierung von Minderheiten ausgelöst. Demokratie bedeutet auch, dass alle Bürger unabhängig von ihrer Herkunft oder Religion gleich behandelt werden sollen.

    Kontakte zur rechtsextremen Szene: Vorwürfe bezüglich Verbindungen einzelner AfD-Mitglieder zur rechtsextremen Szene haben ebenfalls die Frage aufgeworfen, inwieweit die Partei für demokratische Grundwerte eintritt.

    Und last but not least: Björn Höcke darf per richterlichem Urteil als Faschist bezeichnet werden. Nun schließen sich Faschismus und Demokratie aber gegenseitig aus. Der Faschismus ist eine totalitäre Ideologie, die durch eine autoritäre und diktatorische Herrschaft gekennzeichnet ist, während in einer Demokratie die Macht vom Volk ausgeht und die Bürger das Recht haben, ihre Regierung und Repräsentanten selbst und frei zu wählen.

    Bewerten
    - +
  • Avatar von BigLA
    • BigLA

    mehr als 1000 Beiträge seit 18.01.2003

    Antwort auf Re: Die Anomalie als gefährliches Instrument von Sentinel.

    Man muss sich nur das Wahlprogramm durchlesen und richtig ableiten... da hat man genug Beispiele, woran man erkennen kann, dass Demokratie ein notwendiges Übel bis zur Machtergreifung ist 😎

    Bewerten
    - +
  • Avatar von BigLA
    • BigLA

    mehr als 1000 Beiträge seit 18.01.2003

    Antwort auf Die Anomalie als gefährliches Instrument von Sentinel.

    Eine Debatten- und Diskurs-Kultur in diesen Themen wie Migration ist ja per seh eine WinWin-Situation für die AfD, weil ja von allen Richtungen oft Kritik kommt, wenn man das Thema ins Visier nimmt. Muss ich ja selber immer wieder erleben, wenn ich mal über solche Themen spreche, egal ob Integration, Clan-Themen oder Kriminalität mit entsprechend beteiligten... ich würde auf Teufel komm raus nie rechts wählen, aber da wird man dann oft abgestempelt. Ja es sind auch oft Themen, die sich solche Parteien zu Nutze machen. Aber wenn man sowas im normalen Diskurs nicht mehr ansprechen darf ist das eh hoffnungslos...🤔
    Dabei möchte man auch Verfehlungen mit Sicherheit nicht harmlos reden wollen, egal welche es sind..

    Bewerten
    - +
  • Avatar von Admagistrator
    • Admagistrator

    mehr als 1000 Beiträge seit 17.05.2022

    Antwort auf Re: Die Anomalie als gefährliches Instrument von Rot und tot.

    [...] wieso du sie für demokratiefeindlich hältst? Weil "die Medien" das Mantra ständig wiederholen [...]?

    Höcke selbst fordert die "Kartell"-Parteien, was seiner Meinung nach jede Partei außer der AfD ist, abzuschaffen und man müsse bereit sein "Teile der Bevölkerung zu opfern die ungewillt sich der Afrikanisierung entgegenzustellen"

    Dafür wird er nicht aus dem Land gejagt sondern bejubelt.

    Bewerten
    - +
  • Avatar von Christoph Morrison
    • Christoph Morrison

    328 Beiträge seit 06.12.2022

    Antwort auf Die Anomalie als gefährliches Instrument von Sentinel.

    Sentinel schrieb am 31.07.2023 12:10:

    [...] die sich einen gerichtlich festgestellten Faschisten zum Führer im Landtag gewählt hat.

    Das ist natürlich Blödsinn, was du da schreibst. Das Gericht (VG Meiningen) hat im Eilantrag gegen Auflagen der Stadt Eisenach, eine Demo gegen die AfD unter dem Slogan "gegen [...] den Faschisten Björn Hocke" nicht so durchzuführen, geurteilt. Ich zitiere einen Artikel vom RND:

    Die Richter gingen erstens davon aus, dass die Bezeichnung „Faschist“ hier keine Tatsachenbehauptung, sondern ein Werturteil ist. Die Kläger mussten also nicht beweisen, dass die Behauptung richtig ist, sondern nur, dass sie zulässig ist. Zweitens stellten die Richter fest, dass die Bezeichnung „Faschist“ für Björn Höcke keine „Schmähkritik“ ist, weil die „Auseinandersetzung in der Sache“ im Vordergrund stehe und nicht die Abwertung der Person.

    Das VG Meiningen hat also das Recht auf freie Meinungsäußerung der Demonstranten höher gewichtet als die Pflicht der Stadt Eisenach, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Höcke hat selbst nicht mal geklagt.

    Als Czaja von der CDU auch noch mal den "Faschisten" gegen Höcke persönlich gepullt hat, hat er direkt vor Gericht verloren.

    Bewerten
    - +
  • Avatar von Sentinel
    • Sentinel

    mehr als 1000 Beiträge seit 08.05.2023

    Frankfurter StA: Nazi-Bezeichnung an "Tatsachen anknüpfend"

    Antwort auf Re: Die Anomalie als gefährliches Instrument von Christoph Morrison.

    Die Staatsanwaltschaft Frankfurt hat ein Verfahren gegen einen Demonstranten eingestellt, der bei Anti-AfD-Protesten Björn Höcke als "Nazi" bezeichnete. Es handle sich hier nicht um eine strafbare Beleidigung, sondern um ein "an Tatsachen anknüpfendes Werturteil, [...] das von der Meinungsfreiheit gedeckt ist, heißt es der Stellungnahme, die dem hr vorliegt.

    Dies gelte umso mehr, "vor dem Hintergrund, dass der Betroffene nach allgemeiner Auffassung dem äußersten rechten Rand seiner Partei angehört, sich in den letzten Jahren ausweislich einer Vielzahl von Presseveröffentlichungen in eindeutig nationalistisch-völkischer Weise mit rassistischen Anklängen und unter Hervorhebung eines natürlichen Führungsanspruchs der Deutschen geäußert und sich dabei immer wieder Formulierungen bedient hat, die zum Standardvokabular der Vertreter des Nationalsozialismus vor Mai 1945 gehörten", so die Staatsanwaltschaft weiter.

    Die Staatsanwaltschaft in Frankfurt vertritt also die Ansicht, dass sich Höcke sich aufgrund seiner Rhetorik gefallen lassen muss, in der politischen Auseinandersetzung als Nazi bezeichnet zu werden.

    https://www.hessenschau.de/politik/demonstranten-duerfen-afd-politiker-bjoern-hoecke-als-nazi-bezeichnen-v1,ermittlungen-hoecke-ist-ein-nazi-eingesellt-100.html

    Bewerten
    - +
  • Avatar von Jupp (2f46ba2d)
    • Jupp (2f46ba2d)

    2 Beiträge seit 31.07.2023

    Antwort auf Die Anomalie als gefährliches Instrument von Sentinel.

    Eine Partei, die auf Bundesebene Volksabstimmungen bzw. Volksentscheide - wie in der Schweiz üblich - einführen will, halten Sie für demokratiefeindlich ? Lächerlich.

    Bewerten
    - +
« Ältere Neuere » Seite 1 2
Ansicht umschalten