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  • unbekannter Benutzer

6 Beiträge seit 15.01.2022

Für und wider, oder nicht, oder doch, oder das Gegenteil?

Zunächst ein Geständnis: ich bin, was Leistungssport und die damit verbundenen Megaveranstaltungen betrifft, geradezu gespalten. Ich habe selbst ein Leben lang Sport getrieben. Dereinst in Wettkämpfen, später nur noch für mich, habe ich eine Vorstellung davon, was Sportler auf diesem Niveau leisten, was sie an Energie aufbringen müssen, um auf ein solches Level zu kommen. Das erreichte ich nicht annähernd.
Ich habe in meinem Leben in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen mit drei verschiedenen Olympiasiegern zusammengearbeitet und erlebt, dass sie diese Leistungsbereitschaft und Energie auch in andrem Kontext erfolgreich abrufen konnten.
Die großen Wettkämpfe haben mich immer fasziniert und wer selbst mal einen Marathon lief, hat eine Vorstellung davon, was die Zeiten, die da gelaufen werden, bedeuten.
Aber mir ist im Laufe der Jahre auch sehr bewusst geworden, was für absurde Veranstaltungen die Spiele und auch die anderen Megaevents sind. Viel dazu, wenn auch mit eindeutig chinafeindlicher Absicht, steht im Artikel.
Es ist interessant zu erleben, wie in den Medien nahezu einheitlich argumentiert und agitiert wird. Der Artikel besteht ja ausschließlich aus direkten und indirekten Zitaten . Und ehrlich: ist das noch Journalismus, wenn man schreibt, dass die Tagesschau den Guardian zitiert, der einen namentlich ungenannten chinesischen Wissenschaftler zitiert haben soll?

Aber zur medialen Aufstellung. Vor Jahren wollte sich Berlin, nachdem es zuvor in den 90ern schon mal scheiterte, für die Spiele bewerben und es regte sich erneut Widerstand. Die Initiative konstituierte sich und lud die Medien und alle Interessierten zur Infoveranstaltung. Die Örtlichkeit war angemessen klein gewählt. Und es kam tatsächlich nur ein Journalist (der taz) der auch noch erklärte, rein privat da zu sein.
Aber viel interessanter war ein Mensch, dessen Namen ich leider vergaß, der zu den Initiatoren der erfolgreichen Bewegung gegen die Bewerbung von Garmisch gehörte. Ein vollkommen unaufgeregter Landwirt, der bis dahin politisch überhaupt nicht engagiert war. Er erzählte, dass sie sich rein privat mit den zu erwartenden Auswirkungen befasst hatten und, je tiefer sie sich in die Materie einarbeiteten, um so deutlicher wurde ihnen, dass allumfassend gelogen wurde. Sie befassten sich auch mit den Londoner Spielen, die angeblich Gewinn erwirtschafteten und auch so alles besser und schöner gemacht hätten und stellten fest, dass auch das nur Lügen waren. Gewinne wurden schon erwirtschaftet. Aber vom IOC und wenigen auserwählten Multis, während die Anwohner, die kleinen Gewerbetreibenden usw. tyrannisiert wurden, draufzahlten und viele ihre Existenz verloren.
All das und die zu erwartenden Schäden für die eigene Region dokumentierten sie geradezu gerichtsfest. Und, so erzählte er: wir hatten gegen eine übergroße Koalition aller Parteien und aller Medien zu kämpfen, wirklich aller. Sie kamen nicht zu unseren Veranstaltungen, sie diffamierten uns, machten uns lächerlich und wiederholten mit manischer Besessenheit immer und immer wieder die falsche Behauptung von den Chancen, die sich durch die Spiele böten.
Um so respektabler die Leistung der Gegner, die die Bewerbung abwehren konnten. Er erzählte dann eine interessante Episode: Nach dem Sieg der Initiative kam er mit einem Journalisten ins Gespräch. Der gratulierte uns und sagte, ihm sei schon klar gewesen, dass wir die besseren Argumente hätten. Er habe das nur nicht in seiner Redaktion und schon gar nicht im Blatt vortragen können. Informiert habe er sich immer auf unserer HP, die er für gut, nachprüfbar und sehr informativ hielt. Manchmal, soll er erzählt haben, konnte er so Informationen aufgreifen und unterbringen. Immer unter solchen Floskeln wie "die Gegner behaupten", sie "glauben" oder "angeblich". Heute nennt man das wohl Framing.

Wenn heute diese Medien wieder in der gleichen Einheitsfront gegen die Spiele aufgestellt sind, wie sie für die Bewerbung von Garmisch waren, darf man natürlich unterstellen, dass sie gelernt hätten. Aber mit dem gleichen Recht darf man abgrundtief böse Absicht vermuten. Zumal, wenn das "Redaktionsnetzwerk" im vorderen Graben liegt. Mag das jeder für sich entscheiden oder, wenn ihm das zu kompliziert und aufwändig ist, überlässt er die Entscheidung dem Autoren dieses tp-Artikels.

Wobei ich vermute, und das muss hier auch geschrieben werden, dass eine solche Bürgerbewegung in Peking nicht möglich gewesen wäre. Nur ist es, so wird mir von Menschen berichtet, die in China leben und arbeiten, auch unwahrscheinlich, dass so was dort eine Mehrheit fände. Die Masse der Chinesen ist sehr stolz auf die Entwicklung des eigenen Landes. Und vermutlich mit vollem Recht und es ist nicht so, dass sie versuchen, mit aller Macht aus dem Land zu fliehen. Schon 1% der Chinesen würde alle Probleme mit weltweiten Fluchtbewegungen in den Schatten stellen. Aber das ist ein anderes Thema. Die inneren Angelegenheiten der Chinesen sind Sache der Chinesen und es macht nicht den Eindruck, dass sie demnächst in Deutschland nach Ratschlägen fragen.
Wenn ich hingegen lese, was der Autor zu den Infrastrukturprojekten in China schreibt, keimt bei mir der Verdacht, wir selbst könnten den einen oder anderen Rat gebrauchen. Ich lebe in einer Stadt, der größten in Deutschland, die zunehmend dysfunktionaler wird, mit zerbröselnder Infrastruktur, Schulen, die immer schlechtere Schüler ins Leben entlassen, die keine Großprojekte erfolgreich fertigstellen kann, die immer schmutziger wird, in der Obdachlosigkeit zunimmt. Und auch wenn ich nicht wirklich große Sympathie für die KP-Bonzen verspüre, komme ich immer mehr zu der Überzeugung, dass jegliche Überheblichkeit unangebracht ist. Und, wenn ich in einem anderen chinafeindlichen Artikel, der vor Tagen auf tp erschien, lese, wie der Autor bürokratische Probleme wegen seines Kindes in Peking hatte, kann ich als Berliner nur bitter lachen. Möge er hier einen Kinderpass beantragen, eine Baugenehmigung erwirken oder auch nur ein Auto zulassen und mir dann was über Peking schreiben.

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  1. - unbekannter Benutzer 75 Für und wider, oder nicht, oder doch, oder das Gegenteil?
    1. c.renée 40 Re: Für und wider, oder nicht, oder doch, oder das Gegenteil?
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