Zensur im Internet

Angriffe auf die Websites des in Großbritannien und den USA ungeliebten arabischen Senders al-Dschasira lösen Mutmaßungen über die Urheber aus

Die Websites des arabischen Senders al-Dschasira sind seit Dienstag nicht mehr erreichbar. Kaum hatte al-Dschasira seine englischsprachige Ausgabe ins Netz gestellt (Reif für die Halbinsel?), fingen offenbar die Angriffe auf die sowieso überlasteten Server an, die eine Reaktion auf die Veröffentlichung von Bildern gefangener und getöteter britischer und US-Soldaten sein könnten.

Kurzzeitig überschriebe Webseite von aljazeera.net

Armee-General John Abizaid hatte sich am 23. März über die von al-Dschasira gesendeten Bilder des irakischen Fernsehens entrüstet gezeigt, aber immerhin betont: "I don't regard any media as hostile media." Das war nicht ganz überflüssig, denn während des Afghanistan-Kriegs bereitete al-Dschasira dem Pentagon ebenfalls Unbehagen und stellte für allem für die arabische Welt eine bedeutsame Gegenöffentlichkeit dar. Dann aber wurde das Redaktionsgebäude des Senders in Kabul "zufällig" oder im Sinne des "Kollateralschadens" von einer Präzisionsbombe zerstört.

Nun hat al-Dschasira den Unmut der amerikanischen und britischen Regierung erweckt. Wegen der Ausstrahlung der Bilder wurden auch von amerikanischer Seite die sonst wenig beachteten internationale Gesetze in Form der Genfer Konvention für die Behandlung von Kriegsgefangenen bemüht, um zumindest die heimischen Medien unter Druck zu setzen. Allerdings trifft die Genfer Konvention nur auf die kriegführenden Parteien, nicht jedoch auf unabhängige Medien zu. Nichtsdestotrotz wiederholte jetzt auch der Kommandeur der britischen Truppen am Golf denselben Vorwurf und warf dem Sender implizit vor, sich zum Instrument der irakischen Propaganda zu machen. Die Kritik erwächst sicher nicht nur aus den Bildern, sondern wohl auch an den Nachrichten des Senders, die eine andere Version vom Kriegsgeschehen bieten. Beispielsweise wurde vom britischen Militär die Nachricht verbreitet, in Basra sei es zu größeren Aufständen gekommen. Daraufhin berichtete al-Dschasira - der Sender hat eine Redaktion in der Stadt - , dass nichts Ungewöhnliches bemerkt werden könne.

Auch wenn al-Dschasira, der mit aller Macht und angeblich nur im Dienst der wichtigen Information versucht, Aufmerksamkeit zu erregen und sich im Markt auch gegen konkurrierende arabische Sender durchzusetzen (Konkurrenz für Al-Dschasira), gestern in Großbritannien mit dem Antizensurpreis von Index on Censorship ausgezeichnet wurde, steht der Sender unter Beschuss. Die Akkreditierung des al-Dschasira-Korrespondenten bei der New York Stock Exchange wurde plötzlich unter dubiosen Gründen zurück gezogen - und dann begannen wohl vermutlich Angriffe, die die arabische und die neue englischsprachige Website meist unzugänglich machen.

Salah AlSeddiqi, der bei al-Dschasira für den Internetauftritt verantwortlich ist, sagte gestern, dass alle Websites aufgrund von koordinierten Angriffen, die am 25. März begonnen hätten, nicht mehr zugänglich seien. Während gewöhnlich ein Traffic zwischen 50 und 60 Mbps zu verzeichnen sei, waren es jetzt zwischen 200 und 300 Mbps, was die nicht darauf ausgelegten Server zusammenbrechen ließ. Joanne Tucker, Herausgeberin der englischsprachigen Webausgabe, bezeichnete die Angriffe als DNS-Angriffe. Die Angreifer hätten demnach eine Möglichkeit gefunden, die bei den zuständigen Nameservern vorgenommene Zuordnung zwischen dem Domainnamen (beispielsweise www.aljazeera.net) und einer IP-Adresse (http://217.26.193.10/) zu fälschen, so dass der Domainname in eine falsche IP-Adresse und umgekehrt umgewandelt würde.

Was auch immer die Ursache war und inwiefern amerikanische Firmen, die wie VeriSign, DataPipe oder VavLink Nameserver für al-Dschasira bereit stellen, eine Rolle spielen, ist kaum nachzuvollziehen. DataPipe hat angekündigt, al-Dschasira wegen der Angriffe nicht weiter hosten zu wollen. Zudem war die Website auch einmal von einer "Freedom Cyber Force Militia" kurzzeitig gehackt worden (siehe dazu auch Wirbel um Website von Al Jazeera) .

All das auf dem politischen Hintergrund und just zu diesem Zeitpunkt lässt natürlich alle möglichen Vermutungen entstehen. AlSeddiqi vermutet denn auch, dass dahinter "eine Organisation mit Wissen und Geld" stecke: "Sie haben leistungsfähige Maschinen, um die Angriffe auszuführen, und jemanden, der für die Bandbreite zahlt." Da liegt die Anspielung auf amerikanische Regierungsstellen möglicherweise nicht fern.

Die Angriffe haben sicherlich einen politischen Hintergrund, aber es könnte sich selbstverständlich auch um eine patriotisch gestimmte Hackergruppe in den USA oder in anderen Ländern handeln, die im eigenen Auftrag den DDoS-Angriff ausgeführt hat. Dazu reichen, so Johannes Ullrich vom Internet Storm Center des SANS Institute auch schon 1000 IRC Bots auf Zombie-Rechnern aus, um die Server mit der angegebenen Datenmenge lahmzulegen. Allerdings lassen sich solche Angriffe auch durch eine entsprechend erhöhte Bandbreite abwehren.

Wer auch immer hinter diesen Angriffen stehen mag, so richten sie sich gegen die Presse- und Meinungsfreiheit, die in einer nun globalen Öffentlichkeit des Internet nicht mehr so einfach wie vor Internet und Satellitenfernsehen zu kontrollieren ist. Unerwünschte Informationen können von staatlicher Seite nicht mehr von den Menschen durch Zensur und Druck auf die nationalen Medien abgehalten werden. Was bliebe, wäre natürlich wie in diesem Fall der Druck auf amerikanische Provider oder eben Angriffe, um ein Internetangebot für eine gewisse Zeit zu stören oder unerreichbar zu machen,. Dabei müsste man sich nicht zu erkennen geben und könnte sich so der Kritik entziehen, unabhängige und kritische Medien zu unterdrücken.

Die kurzzeitig überschriebene Website von al-Dschasira könnte natürlich auch ein Versuch sein, eine falsche Fährte zu legen. Doch solche verschwörungstheoretisch attraktiven Ideen sind wohl doch abwegig, da al-Dschasira trotz verhinderter Interpräsenz ja weiterhin sendet und so die Bilder und Informationen in die Öffentlichkeit gelangen. Allerdings hat der Sender auch schon Frankreich Ärger auf sich gezogen (Französische Medienaufsichtsbehörde rügt al-Dschasira). In Afghanistan hatte das Pentagon wohl etwas massiver agiert, nachdem der Druck auf die Regierung in Katar zu keinem Erfolg führte (Sex, Religion und Politik). Wenn zufällig die Redaktion des Senders in Basra jetzt unter Feuer geraten sollte, dann könnte man dieses Mal wohl jeden Zufall ausschließen. Dass die Medien des Gegners primäre Ziele sind, hat das Pentagon schließlich auch jetzt wieder durch die Bombardierung des irakischen Fernsehsenders gezeigt.

Noch jedenfalls scheinen nur politisch motivierte Menschen ihren Beitrag zur Zensur leisten zu wollen. Anstatt die durch das Internet unermesslich große Vielfalt der Informationen und Positionen im Netz zu fördern und als Chance zu begreifen, wozu auch viele Einseitigkeiten und Voreingenommenheiten von einzelnen Personen bis hin zu Organisationen, Medien und Regierungen gehören, soll ausgeschaltet werden, was stört. Die Praktiken solcher Online-Milizen und eigenständiges Handeln von Firmen (Krieg der Bilder) sind bedenklich genug.

Andererseits: Auch die Website der irakischen Vertretung an der UN in New York, gehostet von der US-Firma Web Communications, ist mittlerweile vom Netz genommen worden: This Web site is currently unavailable. Auf eine Anfrage, warum dies geschehen ist, kam bislang keine Antwort, auch nicht von der irakischen Vertretung. (Florian Rötzer)