"Zeitenwende" in der Friedensforschung
Weitere Waffenlieferungen werden ausdrĂŒcklich empfohlen. Foto: Bundeswehr-Fotos / CC BY 2.0
Bundesstiftung fördert "Friedensgutachten" fĂŒhrender Institute. Im Stiftungsrat sind AuĂen- und Verteidigungsministerium vertreten. So klingen die Gutachten auch.
Die "Zeitenwende" ist wohl auch in den vier fĂŒhrenden Friedensforschungsinstitute der Republik angekommen, wenn sie im Friedensgutachten 2023 [1] mit Blick auf den Ukraine-Krieg schreiben:
Waffenlieferungen und Ausbildungshilfe bleiben notwendig, um die Selbstverteidigung der Ukraine zu ermöglichen und das Völkerrecht wiederherzustellen. Eine Beschwichtigung des Aggressors bietet gegenwÀrtig keinen gangbaren Weg zu einem nachhaltigen Frieden.
Aus: Noch lange kein Frieden / Friedensgutachten 2023 / Empfehlungen
Dabei wird durchaus anerkannt, dass dieser Krieg seit mehr als einem Jahr zu weltweiten Verwerfungen fĂŒhrt: "Der Krieg untergrĂ€bt die FunktionsfĂ€higkeit internationaler Organisationen und erschwert dringend notwendige Kooperation in Politikfeldern wie dem Klimaschutz oder der Handelspolitik."
Innenpolitisch beklagen die Forschenden eine Zunahme von "Polarisierung und VerschwörungserzĂ€hlungen" â mit "negativen Folgen fĂŒr die Demokratie". Dennoch raten die Forschenden in ihrem Gutachten von Verhandlungen "um jeden Preis" ab.
Verhandlungen mĂŒssen bereits jetzt vorbereitet werden. Eine zukĂŒnftige, internationale Verhandlungsinitiative muss vom gescheiterten Minsk-Prozess lernen und mit substanziellen Sicherheitsgarantien fĂŒr die Ukraine verbunden werden.
Aus: Noch lange kein Frieden / Friedensgutachten 2023 / Empfehlungen
Erstellt wurde das Gutachten als Gemeinschaftsprojekt des Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC), des Leibniz-Instituts Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK/PRIF), des Instituts fĂŒr Friedensforschung und Sicherheitspolitik der UniversitĂ€t Hamburg (IFSH) und des Instituts fĂŒr Entwicklung und Frieden der UniversitĂ€t Duisburg-Essen (INEF).
Die Institute Ă€uĂern sich auch zu anderen Konflikten und zur Klimakatastrophe, allerdings etwas knapper: "Etwas mehr als die HĂ€lfte aller bewaffneten Konflikte weltweit wurden in Afrika ausgetragen", nĂ€mlich 67 von 130, rĂ€umen sie fĂŒr das Jahr vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine ein.
VollstĂ€ndige DatensĂ€tze zum weltweiten Konfliktgeschehen lagen nĂ€mlich bei Fertigstellung des "Friedensgutachtens" nur fĂŒr bis einschlieĂlich 2021 vor. Auch 2022 sei der Kontinent aber "Krisenhotspot" geblieben, hieĂ es zur Vorstellung des Gutachtens am Montag.
Allerdings bleibt den Forschenden die Perspektive von LĂ€ndern des Globalen SĂŒdens, die andere PrioritĂ€ten als der Westen haben und im Ukraine-Krieg nicht Partei ergreifen wollen, weitgehend fremd.
In der Ukraine zeichne sich ab, "dass sich der völkerrechtswidrige russische Ăberfall zu einem noch lange andauernden Abnutzungskrieg entwickeln wird", erklĂ€rte Dr. Ursula GrĂŒnenwald, Referentin Presse- und Ăffentlichkeitsarbeit Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) / Peace Research Institute Frankfurt (PRIF) am Montag zur Vorstellung des "Friedensgutachtens".
"AusdrĂŒcklich warnen die fĂŒhrenden deutschen Friedensforschungsinstitute davor, die militĂ€rische UnterstĂŒtzung der Ukraine einzustellen und â wie in den vergangenen Monaten von einzelnen gesellschaftlichen Gruppen gefordert â nur auf Verhandlungen zu setzen."
Nun warnen gerade diese "gesellschaftlichen Gruppen" allerdings gerade vor einem langen und blutigen Abnutzungskrieg. Sie wĂŒrden gerade deshalb primĂ€r auf einen baldigen Waffenstillstand und Verhandlungen setzen. Vier Friedensforschungsinstitute sind sich einig, dass dies fatal wĂ€re. Doch wie unabhĂ€ngig ist deren Forschung?
Im Stiftungsrat "ampelt" es sehr
Finanziell gefördert werden deren Gutachten von der Deutschen Stiftung Friedensforschung (DSF), in deren Stiftungsrat [2] unter anderem Vertreterinnen des AuswĂ€rtigen Amts und des Verteidigungsministeriums sitzen: Katja Keul (BĂŒndnis90/Die GrĂŒnen) [3], Staatsministerin im AuswĂ€rtigen Amt und Siemtje Möller (SPD) [4], Parlamentarische StaatssekretĂ€rin im Bundesministerium der Verteidigung.
Auf ihrer Homepage schreibt Keul ĂŒber sich selbst: "Seit dem 08. 12. 2021 darf ich als Staatsministerin im AuswĂ€rtigen Amt Annalena Baerbock, unsere erste deutsche AuĂenministerin nach auĂen und gegenĂŒber dem Parlament vertreten."
Aber auch andere Ministerien sind im Stiftungsrat prĂ€sent â zum Vorsitzenden wurde der FDP-Mann Dr. Jens Brandenburg [5], Parlamentarischer StaatssekretĂ€r der Bundesministerin fĂŒr Bildung und Forschung gekĂŒrt. Seine Stellvertreterin Prof. Dr. Anna Geis lehrt Politikwissenschaft an der UniversitĂ€t der Bundeswehr Hamburg.
Ein weiterer StaatssekretĂ€r im Stiftungsrat ist der SPD-Politiker Niels Annen [6] (Bundesministerium fĂŒr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung). Es "ampelt" also in diesem Stiftungsrat sehr. Ob es schon unter "VerschwörungserzĂ€hlungen" fĂ€llt, hier die UnabhĂ€ngigkeit der Friedensforschung gefĂ€hrdet zu sehen, darauf wird im Gutachten allerdings nicht eingegangen.
GrundsĂ€tzliche Kritik an den "Friedensgutachten" wurde bereits Anfang des Jahres in der BroschĂŒre "Quo vadis, Friedensforschung?" [7] von der Informationsstelle Wissenschaft und Frieden e.V. (IWIF) zusammengefasst. Werner Ruf schreibt dort unter der Ăberschrift "Die Friedensforschung und der Markt":
Summa summarum kann festgestellt werden, dass es in Deutschland immerhin eine wenn auch bescheiden vom Staat geförderte Friedensforschung gibt und damit die Disziplin als solche anerkannt ist. Das wird unterstrichen durch die Existenz von friedenswissenschaftlichen StudiengÀngen an einigen wenigen UniversitÀten.
Andererseits ist festzuhalten, dass der Staat sich ganz klar eine Steuerungsfunktion bei der Auswahl der Projekte gesichert hat und damit letztlich inhaltlich bestimmt, was denn nun "Friedensforschung" ist.
Die Schere im Kopf der Antragsteller:innen tut ein Ăbriges dazu, dass deutsche Friedensforschung an den von der offiziellen Politik formulierten Interessen ausgerichtet bleibt. Diese Feststellung wird unterstrichen durch die "Friedensgutachten", die, gefördert durch die DSF, jĂ€hrlich von den etablierten Instituten gemeinsam herausgegeben werden.
Werner Ruf / Die Friedensforschung und der Markt
Die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung wird nach eigenen Angaben [8] zu 54 Prozent aus Bundes- und zu 46 Prozent aus Landesmitteln gefördert. Die Kritik richtet sich allerdings nicht dagegen, dass Forschung und Lehre ĂŒberhaupt öffentlich gefördert werden. Es geht um die Steuerungsfunktion derjenigen, die RĂŒckendeckung fĂŒr ihre Politik haben wollen. Ansonsten wĂ€re es natĂŒrlich problematischer, wĂŒrde die Friedensforschung maĂgeblich von GroĂkonzernen wie Rheinmetall finanziert.
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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.friedensgutachten.de/
[2] https://bundesstiftung-friedensforschung.de/stiftungsrat/
[3] https://katja-keul.de/
[4] https://siemtje-moeller.de/
[5] https://www.jens-brandenburg.de/
[6] https://www.bmz.de/de/ministerium/leitung/annen-100010
[7] https://wissenschaft-und-frieden.de/dossier/quo-vadis-friedensforschung/
[8] https://www.hsfk.de/ueber-uns/finanzierung
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