Zeitenwende: Weniger arbeiten ist besser?

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Weniger Zeit mit Arbeit verbringen und mehr leben, ist seit den Corona-Lockdowns öfter zu hören. Ein Resultat dieser Entwicklung ist der vielfach beklagte Fachkräftemangel – nicht das einzige Problem. Ein Kommentar.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wollte man Mitarbeiter ab 45 oder 50 Jahren möglichst elegant entsorgen, weil ihre Produktivität bei der Umsetzung der Vorgaben ihrer meist jüngeren direkten Vorgesetzten zu wünschen übrig ließ. Erfahrung zählte in diesem Umfeld deutlich weniger als die aktuellen Wahrheiten der betriebswirtschaftlichen Ausbildung.

Und wenn man die älteren Mitarbeiter schon nicht loswerden konnte, wollte man die Vergütung der im Laufe der Jahre offenbar schrumpfenden Arbeitsleistung anpassen und jedes Jahr immer weiter reduzieren. In der Praxis resultierten daraus vielfach Vorruhestandsregelungen, die die Arbeitszeit reduzierten und den Beschäftigten ermöglichen sollten, sich frühzeitig auf ihren Ruhestand vorzubereiten.

Kipppunkt Corona-Lockdowns

Mit der Corona-Pandemie und den ersten Lockdowns wurden Unternehmen die Möglichkeit gegeben, ihre Mitarbeiter in staatlich unterstützte Kurzarbeit zu schicken. Sie mussten in dieser Situation mit weniger Lohn auskommen, erfuhren aber auch, dass sie weniger Gelegenheit hatten, Geld auszugeben und lernten, sich in der gewonnenen zusätzlichen Freizeit nicht nur einzurichten, sondern auch wohlzufühlen.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt kippte bei einem beträchtlichen Teil der betroffenen Bevölkerung die althergebrachte deutsche Grundeinstellung, man lebe, um zu arbeiten, in ihr südländisch angehauchtes Gegenteil: Dass man nur noch so viel arbeiten will, wie man für das Leben benötigt.

Plötzlich machten Ideen wie Work-Life-Balance mit neu gestiegener Beachtung die Runde und verdrängten mehr und mehr das zuvor verbreitete "Hamsterlaufrad" der beruflichen Karriere.

Die Arbeitswelt erhielt in den Lebensentwürfen mächtige Konkurrenz in der Selbstverwirklichung außerhalb der direkten beruflichen Aktivität.

Die ersten, die diese Umstellung zu spüren begannen, waren die Neuwagenhändler. Das Einstiegsalter bei den Neuwagen erhöhte sich auf ein Lebensalter Mitte der Fünfziger. Für viele Jüngere war das Auto (früher: "Heilixblechle") entweder Teil des Arbeitsvertrags oder schlichtweg nicht mehr attraktiv.

Wenn weniger Beschäftigte Vollzeit arbeiten

Eine direkte Folge der reduzierten Arbeitszeiten ist die Verminderung der Arbeitsvolumina, die von den Beschäftigten erbracht werden können. Bei kleineren Betrieben fängt das Problem damit an, dass man kaum neue Mitarbeiter findet und erst recht keine, welche flexibel die frei werdenden Arbeitsvolumina füllen wollen.

Wenn dann noch Probleme in der Lieferkette dazu kommen, wie dies im Bereich der energietechnischen Installationen inzwischen auftritt, wo etablierte Produkte wie Ölheizkessel oder Gasthermen plötzlich aus politischen Gründen zu Ladenhüter werden und das über die Jahre erworbene Installations-Knowhow massiv entwertet wird, kommt das nächste Problem.

Langjährig eingespielte Abläufe werden von kurzfristig anfallenden Vorgängen abgelöst und das dafür benötigte Fachwissen muss ebenfalls kurzfristig erarbeitet werden, was zahlreiche Arbeitnehmer überfordert, die sich in der Folge einfacher strukturierte Tätigkeiten suchen und so den Fachkräftemangel weiter vergrößern.

Jahrelang waren die deutsche Wirtschaft und ihre Beschäftigten auf Wachstum und Kostensenkung programmiert. Inzwischen lautet das Motto: Wandel bei engeren Märkten und zunehmenden Beschaffungsherausforderungen.

Dass diese Entwicklungen zahlreiche Beschäftigte auch dazu bewegt, sich beruflich neu zu orientieren, darf nicht verwundern.

Wertschätzung der Arbeit

Wer jetzt "zu viele Akademiker" als Grund für den Fachkräftemangel im Handwerk anführt, glaubt ganz offensichtlich, dass Fachkräfte möglichst nur so gering qualifiziert werden sollten, dass sie keine andere Wahl haben, als in ihrem Ausbildungsberuf zu arbeiten.

Der Hintergrund ist jedoch eher, dass körperliche Arbeit viel weniger wertgeschätzt wird als Büroarbeit, die man dann abends für viel Geld im Fitnesscenter ausgleichen muss, um gesundheitlich zu überleben.

Innovationen entwickeln sich in diesem Klima kaum und Deutschland hat nur dann im internationalen Wettbewerb, den die Globalisierung mit sich bringt, eine Chance, wenn jeder Mitarbeiter nicht nur seine Arbeit mehr oder weniger nach den Vorgaben erledigt, sondern selbst daran mitarbeitet, neue Entwicklungen auf den Weg zu bringen.

Ein eindrucksvolles Beispiel für diese Orientierung ist der chinesische Elektrogerätehersteller Haier, bei dem zahlreiche kleine Teams als interne Start-ups eigenständig Innovationen entwickeln dürfen, die im Falle des Erfolgs konzernweit umgesetzt werden.

Ähnlich entwickelt sich der chinesische Telekommunikationskonzern Huawei, den die USA gerne von allen modernen technologischen Entwicklungen abschneiden wollen. Huawei fehlen jetzt zahlreiche aus US-amerikanischer Entwicklung stammenden Bauteile für Smartphone, dafür erobert man den Bahnfunk und die Technik für PV-Anlagen.

Arbeit muss wieder Spaß machen dürfen, dann freut man sich auch nicht ab 45 auf die Rente und ist sauer, wenn das Renteneintrittsalter immer weiter in die Zukunft verschoben werden soll. Der Fachkräftemangel geht erst wieder zurück, wenn die Fachkräfte auch für ihre Arbeit geachtet werden und man ihre Arbeit wertschätzt.

Die Gefahr, dass ihre Arbeitskraft als handwerkliche Beschäftigte durch Roboter ersetzt wird, ist viel geringer als bei den Abläufen, die vom Schreibtisch aus geführt werden. Die Arbeit eines Controllers ist leichter durch IT zu optimieren als die eines Installateurs oder eines Solateurs.

Mangelndes politisches Engagement

Der Rückzug auf das eigene Glücksgefühl sorgt auch im Bereich der Politik für ein Ausdünnen des Engagements. Politik ist bleibe nicht nur in Berlin und Brüssel angesiedelt, wo viele der Rahmenbedingungen festgelegt werden, sondern auch im direkten Umfeld vor Ort, wo sich immer weniger Einwohner in den kommunalen Parlamenten engagieren wollen, obwohl sie dort ganz konkret in vielen Bereichen direkten Einfluss nehmen können.

Dass das kommunale Engagement mit viel Aufwand verbunden ist und finanziell nur marginal honoriert wird, ist vielfach jedoch nur ein Vorwand, um fehlendes Engagement für die Gemeinschaft zu verdecken.

Und solange das politische Engagement an den gesellschaftlichen Wurzeln zu wünschen übrig lässt und sich höchstens in spontanen Demo-Aktivitäten an die Öffentlichkeit tritt, ist nicht damit zu rechnen, dass sich in Deutschland irgendetwas zum Besseren wendet. (Christoph Jehle)