Wuppdich!

Die Einheitswippe auf der (Museums-)Insel

Nach vielen Unterbrechungen, die fast zum Scheitern führten, ist das Freiheits- und Einheitsdenkmal nunmehr im Bau. Es wird an Stelle des Kaiser-Wilhelm Nationaldenkmals errichtet, das vor dem Stadtschloss auf einem Sockel stand, der in den Spreekanal hinein gebaut worden war. Das Reiterstandbild (1895-97) war insgesamt 21 m hoch und wurde 1950 auf Geheiß der DDR-Oberen abgerissen. Das kriegsbeschädigte Schloss wurde noch im gleichen Jahr gesprengt.

Das neue Denkmal, das die Wiedervereinigung symbolisieren soll, wird auf dem übriggebliebenen Sockel postiert. Es besteht aus einer 50m langen, beweglichen Schale. Wenn sich auf einer Schalenhälfte 20 Personen mehr als auf der anderen befinden, beginnt die Schale sich sanft zu neigen. Angespielt wird auf die friedliche Revolution in der DDR, als die Menschen sich zum Volk zusammenballten.

Dies ist endlich einmal ein nationales Denkmal, dem das Pathos abgeht. Es ist verspielt. Doch das Spielerische dieser "Einheitswippe" wirkt aufgesetzt. Das Denkmal wird erdrückt vom "Erläuterungstext". Die Botschaft wird allzu konkretistisch umgesetzt. Das könnte verglichen werden mit der Haltung eines Museumsbesuchers, der sich erst traut, ein Bild zu betrachten, nachdem er das Schildchen unter dem Bild gelesen hat.

Die Metapher von den vielen Bürgern, die sich in eine Richtung bewegen, um politisch etwas zu bewirken, kann auch zum Sinnbild einer Herde verdichtet werden, die dumpf in eine Richtung marschiert, um dann verschaukelt zu werden.5 Auch in das Spielerische kann so manches hineingelesen werde, zum Beispiel: Touristen-Hüpfburg. Dieses Kunstwerk ist über-programmiert.

Auf der Wippe wird in großen Lettern stehen:

Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk

Die Losung enthält einen feinen Unterschied. Der bestimmte Artikel "das Volk" brachte die Opposition der Montags-Demonstranten von 1989/90 gegen staatliche Willkür zum Ausdruck. Die Einwechslung des unbestimmten Artikels "ein Volk" machte die Einheit zur Priorität. Die Opposition fiel hinten herunter und mit ihr die Suche nach Alternativen.

Hier offenbart sich, in welcher Kontinuität das Wiedervereinigungs-Denkmal des 21. Jahrhunderts steht. Die Nationaldenkmäler und Feste des 19. Jahrhunderts hatten keinen anderen Zweck als sinnfällig nachzuvollziehen, dass die ursprünglich eingeforderte Dualität von Freiheit und Einheit zugunsten der Einheit und auf Kosten der Freiheit verschoben wurde. Die Oppositionsbewegung der Romantik wurde zum Opfer ihrer eigenen politischen Bestrebungen, die sich autoritär und repressiv gegen sie wandten.

Die Losung auf der Wippe übertüncht, dass die Bürgerrechtsbewegung der DDR andere Vorstellungen von einer Wiedervereinigung hatte. Sie übertüncht ferner, dass sich nach der Wende zahlreiche Ungleichgewichte und neue Brüche ergaben, die unter dem Primat der Einheit eskamotiert wurden, statt sie in einen gesellschaftlichen Dialog zu überführen.

Für einen längeren Abschnitt des Spreekanals haben zwei Künstler-Architekten Pläne für ein Flussbad vorgelegt, anknüpfend an ein historisches Vorbild. Bestandteil des Bades könnte eine Freitreppe zum Wasser werden, die in der Nähe des Denkmalsockels angelegt werden soll. Der Fluss, einst als Kloake der Stadt und als Verkehrsweg fungierend, würde wieder der Stadt zugewandt. Er könnte im wörtlichen Sinn die Stadtlandschaft bereichern - räumlich, kulturell und ökologisch.

Dagegen laufen Freunde einer historisch zu restaurierenden Berliner Mitte Sturm. An ihre Seite stellte sich der oberste Hüter über die Kulturgüter auf der Museumsinsel, die vom Spreekanal flankiert wird. Hermann Parzinger ist besorgt um die Reinhaltung der hohen Kunst, wenn die Badenden mit Müll und Party anrücken. Die Planer der Einheitswippe, deren Schwerpunkt fügsam in der Verlängerung einer Achse des Schlosses liegen wird, sehen ebenfalls ihr Projekt bedroht.

Merkwürdige Allianzen sind entstanden. Die Freunde historischer Rekonstruktionen lehnen die Wippe und das Flussbad gleichermaßen ab und möchten am liebsten das ganze Gelände vor dem Schloss wieder originalgetreu herrichten. "Flussbad versenken", lautet ihr Schlachtruf. Im Wunsch nach einer Verhinderung des Flussbad-Projektes sind sie sich aber auch einig mit den Befürwortern und Architekten des modernen Einheitsdenkmals. Diese sehen ihr Werk potentiell durch eine Freitreppe zur Badestelle, einen Fahrstuhl, Fahrradständer und überhaupt durch verbaute Sichtachsen bedrängt.

Das Angebot der Flussbad-Macher, in einen dialogischen Prozess einzutreten, der alle Möglichkeiten offen lässt, fruchtet bisher wenig.

Mit ihrer Fundamentalkritik am gesamten Flussbad-Projekt konterkarieren die Denkmal-Freunde zugleich den Geist von Freiheit und Demokratie, der ihrem Vorhaben zugrunde liegt.

Stephan Becker, BauNetz

Unter Einheit wird wieder einmal die Einseitigkeit verstanden, alles Andere auszuschließen. Die Einheitswippe dient an diesem Standort der Legitimation der Schlossattrappe.

Freiheitlich wäre es hingegen, wenn die Flusslandschaft in der Mitte Berlins für eine Stadtgesellschaft erschlossen würde, die ins Wasser eintaucht, weil sie nicht elitär, sondern durchmischt ist und schwimmend übt, Differenzen auszuhalten, ohne sich über Gebühr zu erhitzen.

Sind die Deutschen denkmalfähig? Die Frage kann vorläufig beantwortet werden: Wenn sie es nicht wären, sollten sie es als Chance nutzen. (Bernhard Wiens)