Wollen die Skripals Großbritannien verlassen?

Julia Skripal bei ihrem letzten Auftreten im April 2018. Screenshot aus YouTube-Video

Die Ermittlungen des Nervengift-Anschlags kommen offenbar nicht weiter, zudem ist die Frage, ob Julia und Sergei Skripal freiwillig oder unter Zwang an einem geheimen Ort leben

Der Skripal-Fall scheint geklärt zu sein. Einmal wieder war wie bei MH17 oder beim angeblichen Giftgasangriff in Duma Bellingcat mit im Spiel, um die Beweise für Verdächtige zu liefern, die staatliche Ermittler nicht selbst beibringen konnten oder wollten. Für den Nowitschik-Anschlag auf Sergei und Yulia Skripal am 4. März 2018 bleibt zwar weiterhin viel unplausibel (Und die Skripals?), auch wenn Bellingcat die vermeintlichen Täter Alexander Petrov und Ruslan Boshirov, die die britische Polizei verdächtigt, als die GRU-Agenten Anatoliy Chepiga und Alexander Mishkin entlarvt haben will. Mehr als Bilder von Überwachungskameras über ihren Aufenthalt in Salisbury, aber nicht in der Nähe von Skripals Haus, gibt es nicht. Die letzte Pressemitteilung der Polizei stammt vom 22. November 2018.

Besonders auffällig ist aber, dass Sergei und Yulia Skripal nach der Behandlung im Krankenhaus von den britischen Sicherheitsbehörden weggesperrt wurden und praktisch von der Bildfläche verschwunden sind. Warum sollten in einem solchen Fall, der von der britischen Regierung und dem Westen so aufgebauscht wurde und den Konflikt mit Russland vertieft hatte, die Opfer, auch wenn sie freiwillig und aus Angst untergetaucht und geschützt leben wollen, nicht Medien Interviews geben. Das könnte an einem gesicherten Ort geschehen, die Gesichter, die möglicherweise verändert wurden, müssten auch nicht gezeigt werden? Haben sie nichts zu sagen, was den Verdacht gegen Russland erhärten würde oder was den Tathergang und die Täter näher beleuchten könnte?

Seltsam auch, dass das westliche Medien und Regierungen nicht zu beeindrucken scheint, für die der Fall wohl aufgeklärt und der Täter im Kreml klar ist. Nach dem großen Aufschrei ist der Fall nun ad acta gelegt, die anfangs mit enormen Aufwand betriebenen polizeilichen Ermittlungen scheinen auch nicht weiter voranzukommen - vielleicht sollen sie auch im Sand verlaufen.

Julia Skripal war zuletzt auf einer Video-Aufnahme am 23. Mai 2018 zu sehen und zu hören, in der sie einen Text ablas, also eine vorformulierte Stellungnahme. Zuvor hatte sie vielleicht unbewacht (?) kurz mit ihrer Kusine Viktoria ein Telefongespräch führen können, gefolgt von einer Erklärung des Krankenhauses, dass Julia für sich bleiben wolle, und der Polizei, die in ihrem Namen sprach, dass sie ihre Privatsphäre wahren wollte. Am 11. April gab es eine weitere Mitteilung der Polizei, die angeblich weitergibt, was sie authentisch gesagt haben soll. Es ging wieder darum, dass sie angeblich nicht an die Öffentlichkeit will, aber auch darum, dass sie wünscht, dass Viktoria sie nicht besuchen soll. Sie hoffe, eines Tages ein Interview geben zu können, betonte aber, dass bis dahin "niemand für mich oder für meinen Vater sprechen soll als wir selbst" (Was ist los mit Julia Skripal?). Die Formulierungen wirkten wie behördliche Verlautbarungen. Kein Wort dazu, wer hinter dem Anschlag stand oder was dieser bewirken sollte.

Sergei Skripal soll dreimal 2019 seine Familie in Russland angerufen haben

Seitdem ist sie verstummt. Von Sergei Skripal war lange Zeit nur bekannt gegeben worden, dass er länger als seine Tochter zur Genesung brauchte und dass er am Leben sei. Es tauchten im vergangenen Jahr drei Telefonanrufe mit seiner Nichte Viktoria, die mit seiner Mutter zusammenlebt, auf: am 4. März, am 9. Mai und am 26. Juni. Viktoria bestätigte die Echtheit seiner Stimme. Allerdings hat sie erst am 24. Mai erstmals von den beiden vorhergehenden Telefongesprächen berichtet, am 26. Juni von dem dritten.

Nur einer der Anrufe wurde unvollständig veröffentlicht, der am 9. Mai, dem "Tag des Sieges". Viktoria gab Ria Nowosti im August über die Gespräche kurze Interviews, wo sie berichtete, dass sie die Aufzeichnungen der Staatsanwaltschaft übergeben habe. Viktoria hatte den Hörer nicht abgenommen, Sergei sprach auf den Anrufbeantworter, wünschte zum Feiertag alles Gute und berichtete, bei ihm und Julia sei "alles in Ordnung". Seit dem 26. Juni 2018 habe er aber nicht mehr angerufen. Seine Mutter warte auf einen Anruf, sagte Viktoria gegenüber Ria Nowosti, die davon ausgeht, ihn nie mehr zu sehen.

Im Dezember 2919 sagte der damalige britische Botschafter in Russland, Laurie Bristow, die Skripals würden sich nicht mit Vertretern der russischen Botschaft in Großbritannien treffen wollen. Von der Botschaft waren wiederholt Anfragen gekommen. Beide würden leben. Anfang Februar erklärte die britische Botschafterin Deborah Bronnert gegenüber Kommersant, dass die Skripals leben würden. Sie dürfe aber ihren Aufenthaltsort nicht mitteilen, man respektiere das Recht der Menschen, eigene Entscheidungen zu treffen. Wann die Ermittlungen abgeschlossen seien, konnte oder wollte sie nicht beantworten.

Weiter gibt es nur Gerüchte, die von Medien verbreitet werden. Zuletzt hat die Daily Mail mit Verweis auf angebliche "Sicherheitsinsider" berichtet, die Skripals würden gerne Großbritannien, wo sie seit dem Verlassen des Krankhauses unter Hausarrest stünden, verlassen, um in Australien oder Neuseeland unterzutauchen. Möglicherweise seien sie schon dorthin gereist, um zu erkunden, wo sie dort leben könnten. Die Skripals würden dann neue Identitäten erhalten, aber weiter unter Schutz stehen.

Das klingt, als wären Vater und Tochter fast wie ein Paar eng verschweißt. Zuvor gab es andere Gerüchte, dass die Skripals bereits in einem der anderen Five-Eyes-Länder untergetaucht seien, gehandelt wurden vor allem die USA. Weiterhin ist jedenfalls unklar, ob die Skripals aus Sicherheitsgründen und aus eigenem Entschluss untergetaucht sind, ob man sie von der Öffentlichkeit fernhält, was natürlich Raum für viele Spekulationen bieten würde, oder ob es eine Mischung aus beidem ist.

Der Mirror verbreitet die Story, dass angeblich Sergei dafür sorgen konnte, dass Blumen und ein Herz aus Stöckchen auf dem Grab seiner Frau und seines Sohns in Salisbury gelegt wurden, um festzustellen: "Das Paar bleibt unter Schutz an einem unbekannten Ort in Großbritannien ... TRagischwresie ist es für die noch zu unsicher, ihr Andenken persönlich zu zeigen."

(Florian Rötzer)