"Wir müssen respektieren, dass die Jugendlichen ihren ganz eigenen Weg finden"

Internetforen könnten Kindern und Jugendlichen, deren Geschwister gestorben sind, eine Art Selbsthilfegruppe sein

Eltern, deren Kind durch Mord, Krankheit oder Unfall verstorben ist, sind traumatisiert und benötigen weit über die Trauerphase hinaus die Hilfe von Trauma- oder Opferzentren und Selbsthilfegruppen. Gabriele Knöll, Psychotherapeutin und Vorsitzende des Netzwerks Verwaiste Eltern, erinnert indes ebenso an die Geschwister. Sie hätten nicht nur einen Bruder oder eine Schwester verloren, sondern auch "ein ganzes Stück ihrer Eltern". Sie seien in ihrer eigenen Trauer gefangen. Gerade ältere Geschwisterkinder nutzten auch das Internet, um via Email und über Foren miteinander in Kontakt zu treten.

Im Gästebuch Ihrer Homepage findet sich der Eintrag einer 12-Jährigen, deren Bruder bei einem Verkehrsunfall gestorben ist. Sie schreibt: "Ich vermisse ihn ganz schrecklich doll und suche dringend Kontakt zu anderen Kindern, denen ähnliches widerfahren ist. Bitte schreibt mir doch eine Mail, ich würde mich ganz doll freuen." Wie intensiv reagieren Betroffene auf Hilferufe in Gästebüchern und Foren? Gibt es - quasi virtuelle - Selbsthilfegruppen im Web?

Gabriele Knöll: Einträge in unserem Gästebuch rufen durchaus Resonanzen hervor. Ich denke, dass wir die Jugendliche auf diese Weise genau mit dem Medium erreichen, das ihnen ganz offensichtlich sehr entgegen kommt. Erwachsene etwa rufen an oder schreiben uns einen Brief, wenn sie Kontakt zu Betroffenen oder Gruppen suchen. Jugendliche bedienen sich hierzu auch des Internets. Wir erleben etwa häufig, dass eine Antwort auf ein Hilfegesuch gar nicht mehr öffentlich im Gästebuch steht, sondern sich in einer Email direkt an die Betroffenen selber wendet.

Woher wissen Sie das?

Gabriele Knöll: Betroffene wenden sich oft ebenso an uns. Sollte ein Eintrag ein gravierender Hilferuf sein, dann wenden auch wir uns direkt an die Betroffenen. Das heißt, wir sehen den Eintrag, erkennen die Not - und belassen es nicht dem Zufall, dass irgend jemand sich an das Kind oder den Jugendlichen wendet. Wir nehmen dann von uns aus Kontakt auf und machen Vorschläge, was die Betroffenen tun können. Dank dieser Kontaktaufnahmen haben wir erfahren, dass die Betroffenen in aller Regel zwei bis drei sehr gute E-Mail-Kontakte haben. Das kann aber nicht mit einer Selbsthilfegruppe verglichen werden, da es sich eher um private Einzelkontakte handelt.

Können Sie kurz beschreiben, wie Kinder oder Jugendliche den Tod von Geschwistern erleben.

Gabriele Knöll: Das hängt ganz stark ab von der eigenen Persönlichkeit, der Beziehung, die diese Geschwister zueinander hatten, und ebenso, wie das Geschwisterkind zu Tode gekommen ist. Die Trauer von Geschwisterkindern ist zudem ganz wesentlich davon geprägt, wie ihr soziales Umfeld mit der Trauer umgeht. Oft sind Vater und Mutter in ihrer eigenen Trauer völlig gefangen und mit ihrem eigenen Überleben so beschäftigt, dass sie für die Sorgen und Nöte des überlebenden Geschwisterkindes kaum noch Augen und Ohren haben. Und selbst wenn sie diese Sorgen und Nöte sehen haben sie nur noch in seltenen Fällen die Kraft, um sich damit auseinander zu setzen.

Welche Folgen hat das?

Gabriele Knöll: Das führt sehr häufig dazu, dass die Kinder und Jugendlichen sich sehr zurückziehen und ihre Eltern nicht zusätzlich belasten wollen. Jugendliche haben uns häufig davon berichtet, dass sie sich verantwortlich gefühlt haben für das Wohlergehen der Eltern - sie glauben, deren Schmerz lindern zu müssen. Das führt zu täglichen Frustrationen, da sie feststellen, dass das gar nicht funktioniert. Denn was immer sie tun, die Eltern werden absolut nicht glücklicher, denn das einzige, was diese wollen, ist das verstorbene Kind zurück. Zudem erkennen Eltern oft nicht die Trauerreaktionen der Kinder und Jugendlichen. Sie können diesen nur sehr schwer zugestehen, dass sie einen ganz eigenen Umgang mit der Trauer haben. Diese Missverständnisse führen etwa zu gegenseitigen Vorwürfen, etwa wenn eine Mutter einer Jugendlichen vorwirft, lieber in die Disko zu gehen, als an das Grab des Bruders. Das kann dann zu einer ganz großen seelischen Verletzung dieser Jugendlichen führen und zu einer sehr großen seelischen Einsamkeit.

In einem Gästebuch unter Leben ohne Dich, wo es auch eine Geschwisterseite gibt, las ich, insbesondere in schlaflosen Nächten und wenn man mit niemanden Reden könne, sei eine solche Seite nebst Forum eine Hilfe. Ist seine ständige Verfügbarkeit eine Stärke des Web?

Gabriele Knöll: Ganz besonders für Jugendliche ist das ein großer Vorteil. Sie können sich, auch wenn sie tagsüber keine Zeit hatten, nachts ins Internet begeben und sich mit ihrer Trauer auseinandersetzen. Sie können aber eben auch - und das halte ich für ganz gravierend - gerade dann, wenn sie den Impuls haben, diesem nachgeben. Dann können sie mit jemanden Kontakt aufnehmen, der ähnliches erlebt hat wie sie. Das ist für Jugendliche sehr wichtig. Anders als bei relativ konstant trauernden Erwachsenen kann es sein, dass Jugendliche und Kinder plötzlich total glücklich sind. Dann könnte man denken: Dass ist ja wunderbar, die haben das alles schon längst verarbeitet, denen geht es ja wirklich gut - und das stimmt vielleicht auch für diesen Moment. Aber das kann eine halbe Stunde später schon ganz anders aussehen, und dann trauern sie genauso intensiv, wie sie vorher gut drauf waren.

Kann das Treffen einer Selbsthilfegruppen den Betroffenen dann nicht besser helfen, als das Internet?

Gabriele Knöll: Es kann sein, das Gruppentreffen für trauernde Geschwister zu einem Zeitpunkt stattfinden, wenn es allen Betroffenen gerade gut geht und sie gar keine Lust haben, sich mit ihrer Trauer auseinander zu setzen. Deswegen werden diese Gruppen nicht so angenommen, wie wir das anfangs erwartet haben. Statt dessen wird das Internet unheimlich stark angenommen. Ich denke, wir müssen respektieren, dass die Jugendlichen ihren ganz eigenen Weg finden. Und dann müssen wir sie halt auf diesem Weg beleiten und bestärken.

Ihr Netzwerk Verwaiste Eltern wird ein Forum speziell für Jugendliche einrichten. Was werden Sie dabei beachten?

Gabriele Knöll: Es soll ein moderiertes Forum sein, und das entspräche dann in etwa einer - wie Sie es nannten - virtuellen Selbsthilfegruppe. Anders als bei den Email-Kontakten wären dann alle miteinander im Kontakt. Es gibt ein Forum unter Die Schmertterlingskinder, und das ist schon ein sehr lebendiges Forum für Eltern, die ihre Kinder kurz nach der Geburt verloren haben. Aufgrund der dort gemachten Erfahrungen wollen wir nun etwas Vergleichbares für Kinder, Jugendliche und erwachsene Geschwister anbieten. Geschwister ist man ja auch, wenn man etwa dreißig Jahre alt ist und Bruder oder Schwester verliert. Dann steht man ja noch einmal in einer ganz anderen Problematik. Bislang haben auch diese Betroffenen nur wenig Angebote für sich gefunden. Wir wollen also unterschiedliche Foren anbieten, wo sich die Betroffenen dann, begleitet von einer geschulten Kraft - ähnlich wie eine solche auch Selbsthilfegruppen begleitet -, austauschen können. (Michael Klarmann)