Wie Uncle Sam den deutschen Michel verputzte

Deutscher Antiamerikanismus als Ergebnis enttäuschter Hoffnungen

Viel deutet daraufhin, dass man mit den USA hierzulande ein mentales Problem hat, das durchaus die Bezeichnung "Ressentiment" verdient. Nur woher kommt es? Konservative Verachtung der Moderne? Linker antikapitalistischer Reflex? Oder gibt es psychologische Gründe?

Henryk M. Broder schrieb sechs Tage nach dem 11. September:

Warum also hassen so viele Deutsche die Amerikaner? Weil sie ihnen so viel verdanken. Erstens haben die Amerikaner die Deutschen vom Nationalsozialismus befreit, zweitens haben sie den Morgenthau-Plan nicht umgesetzt, drittens haben sie den Marshall-Plan durchgeführt, viertens haben sie Care-Pakete geschickt und fünftens haben sie Berlin zur Zeit der Blockade versorgt. Zusammengenommen bedeutet das alles eine gewaltige Demütigung.

Horst-Eberhard Richter vermutete dagegen, dass der bundesdeutsche Antiamerikanismus eine Art "Selbsthass" sei, weil wir alle längst "Halbamerikaner" geworden sind. Eine enttäuschte Hoffnung sieht nun der am Wartmouth College lehrende Michael Ermarth als historische Wurzel des Antiamerikanismus an - und blickt dafür ins 19. Jahrhundert zurück.

Schätzungsweise sechs bis acht Millionen Deutsche bestiegen damals ein Auswandererschiff gen Westen. Die Heimat setzte große Hoffnungen daran, dass in den USA eine mächtige deutsche Kolonie heranwachse, ein transatlantisches New Germany, dem es gelänge, die deutsch-amerikanische Freundschaft zu garantieren, wenn nicht sogar die Vereinigten Staaten zu dominieren. Die Hoffnungen erfüllten sich nicht.

Amerikanischer als die Amerikaner seien die Deutschen geworden, berichteten Reisende aus der Neuen Welt. Und Otto von Bismarck schimpfte 1884 vor dem Reichstag: "Ein Deutscher, der sein Vaterland abstreift, wie einen alten Rock, ist für mich kein Deutscher mehr." Fünf Jahre später während der Samoa-Krise berichtete der deutsche Konsul aus Cincinnati, dass die Deutsch-Amerikaner durchaus bereit seien, die Waffen gegen ihr altes Vaterland zu erheben. "Viele Einwanderer sind unsere erbitterten Feinde geworden." Er sollte Recht behalten.

Hatte der damalige Reichstagsabgeordnete und spätere Außenminister Gustav Stresemann noch kurz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs die Deutsch-Amerikaner als einen deutschen "Wachturm am Hudson" bezeichnet, garantierten diese letztlich nicht einmal die Neutralität der USA: Jeder sechste amerikanische Soldat, der gegen das Kaiserreich kämpfte, war direkter deutscher Abstammung.

Wie aber konnte es dazu kommen? Warum assimilierten sich die Deutschen in den USA schneller als die Polen in den deutschen Industrierevieren, fragte verunsichert der Soziologe Johann Plenge 1912. Das Verflüchtigen der so hoch geschätzten deutschen Kultur traf das nationale Selbstbewusstsein zutiefst. Es konnte doch nur eine gewisse Mangelhaftigkeit des deutschen Wesens dafür verantwortlich sein.

Noch immer lebe der alte deutsche Michel fort, lautete eine populäre Erklärung, der einst verschlafen und verschnarcht unter der Hut von 34 Monarchen gelebt hatte, wie Heinrich Heine spottete. Mit seiner Neigung zum "Nachäffen" war er dem übermächtigen "Uncle Sam" und seinem "Melting Pot" hilflos ausgeliefert. Hatte nicht Präsident Theodore Roosevelt 1894 erklärt, die amerikanische Nation brauche keine "Bindestrich-Amerikaner", also auch keine Deutsch-Amerikaner, sondern allein Amerikaner?

Aus der deutschen, vom darwinistischen Kampf der Mächte geprägten Perspektive ging es zudem darum, so der Verdacht, einer anderen Bindestrich-Kultur zum Sieg zu verhelfen, nämlich der anglo-amerikanischen. "Des Briten Weltherrenwahn" war hier am Werk.

Um das junge, aufstrebende deutsche Reich am Boden zu halten, war man bereit, es auf jede nur erdenkliche Weise zu schwächen. Als das Kaiserreich am Vorabend des Ersten Weltkriegs von einer schweren Ausreisewelle heimgesucht wurde, sahen darin nicht wenige eine konzertierte Aktion britischer, amerikanischer und jüdischer Reedereien. Die Auswanderung war nicht nur ein "Aderlass", ein Abgang an Talenten aus Deutschland, sondern durch deren rasche "Hyper-Amerikanisierung" ein direkter Zugewinn für die stärksten Gegner Deutschlands - und wie es der Weltkrieg zeigte nicht nur als deren "Kulturdünger".

Besonders bedrohlich wurde dies, so die zeitgenössische Wahrnehmung, weil der Auswanderung nach Westen die Unterwanderung aus dem Osten durch Juden und Polen gegenüberstand. Selbst Persönlichkeiten wie Walther Rathenau und Maximilian Harden sprachen von der drohenden "Entgermanisierung". Und für Kulturpessimisten wie Paul de Lagarde stand außer Frage, dass die deutsche Nation nicht nur in der Diaspora gefährdet war, sondern durch ihre innere Zerrissenheit auch im Reich selbst. Dies war das Substrat, auf dem Oswald Spengler seine Vision vom "Untergang des Abendlandes", dem des deutschen Volkes inklusive, entwickelte.

Um die deutsche Kultur zu schützen, bedurfte es fester Bandagen, die ihre Auflösung in die Formlosigkeit verhinderten. Eine konkrete Maßnahme dazu war das neue Staatsbürgergesetz von 1913. Das auf dem "Blut" beruhende Abstammungsrecht ("Ius Sanguinis") ermöglichte es deutschen Auswanderern, jederzeit heimzukehren und auch ihre in den USA geborenen Nachkommen einzubürgern. Den "Eindringlingen" aus dem Osten, jener "Schar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge" aus der "unerschöpflichen polnischen Wiege", hingegen blieb das verwehrt, damit sie nicht, wie Heinrich von Treitschke fürchtete, "dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen" beherrschten.

Der endgültige Verlust Deutsch-Amerikas nach dem Bindestrich vernichtenden Akt - nach der Versenkung der Lusitania durch ein deutsches U-Boot gab es nur noch Deutsche oder Amerikaner - ließ auf der rechten Seite des politischen Spektrums die vermeintliche Einsicht in eine "harte Lektion" reifen. Alle Anfeindungen seitens der Zivilisation mussten ausgeschaltet, das Eindringen amerikanischer Unkultur mit aller Kraft verhindert werden. Mit "Eiseskälte" war eine rassistisch begründete Herrschaft durchzusetzen.

Adolf Hitler, der zweimal mit dem Gedanken gespielt hatte, in die USA auszuwandern, bringt diese Paranoia auf den Punkt:

Rückblickend kann man nur Bedauern äußern beim Gedanken an die Millionen guter Deutscher, die nach den Vereinigten Staaten ausgewandert sind und die jetzt noch das Rückgrat dieses Staates bilden. Sie sind ja nicht nur als Deutsche dem Mutterland verloren gegangen; sie sind sogar seine Feinde geworden, und zwar schlimmere Feinde als die andern,

schrieb er 1945 in seinem "Politischen Testament".

Verpflanzt einen Deutschen nach Kiew und er bleibt ein vollkommener Deutscher. Verpflanzt ihn nach Miami, und ihr macht aus ihm einen Entarteten ... einen Amerikaner!

Michael Ermarth: "Hyphenation and Hyper-Americanization: Germans oft the Wilhelmine Reich View German-Americans, 1890-1914", in: Journal of American Ethnic History, 21 (2002), S. 33-58. (Kai Michel)