Wer weiß, was wird?

Warum die Mischung aus Mensch und Technik Sicherheit über die Zukunft gibt. Philosophie für Nerds - Teil 3

Jeder würde gern in die Zukunft schauen können, und manche, wie Wetterdienste und Meinungsforscher, verdienen damit ihr Geld, Aussagen über eine mögliche Zukunft zu machen. Aber wie sicher können solche Aussagen sein, wann kann man sagen, man weiß, was kommen wird, und wie kann man es begründen?

Überzeugungen, für die ich keine Gründe angeben kann, die auch anderen plausibel und ausreichend sein können, werden von niemandem als Wissen akzeptiert: Nehmen wir einmal an, ich wäre überzeugt davon, dass Deutschland bei der nächsten Europameisterschaft als Gewinner aus dem Turnier hervorgeht.

Wenn ich nun bei Twitter schreibe: "Deutschland wird Europameister", dann wird niemand, der das liest, der Ansicht sein, dass ich über irgendein Wissen verfüge, das anderen verborgen ist. Und selbst wenn Deutschland dann wirklich Europameister wird, dann wird man mich nur müde anlächeln, wenn ich den alten Tweet erneut verlinke und triumphierend mitteile: "Ich hab es gewusst!" Man wird sagen, ich hätte vielleicht richtig geraten oder es wäre schlicht Zufall gewesen. Der Grund ist, dass ich für dieses zukünftige Ereignis nicht genug plausible Gründe angeben kann, die meine Überzeugung als Wissen rechtfertigen.

Kann man über die Zukunft etwas "wissen"?

Aussagen über die Zukunft werden nur selten als Wissen akzeptiert. Selbst wenn ich sehr genaue Kenntnisse über die Spielstärken der verschiedenen Teams habe und daraus mit messerscharfer Logik den Turnierverlauf vorhersage, wird kaum jemand, auch nachdem sich meine Vorhersage als zutreffend herausstellt, davon reden, dass ich diese Tatsache schon zuvor gewusst habe.

Wissen, so sagen die Philosophen seit 2.500 Jahren, sei wahre, gerechtfertigte Überzeugung. Genau genommen lässt diese Definition von Wissen gar nicht zu, dass man etwas über die Zukunft weiß. Denn in dem Moment, in dem ich eine Überzeugung über die Zukunft habe, ist der Sachverhalt ja noch nicht wahr. Deutschland ist noch nicht Europameister. Das zeigt aber nur, dass alle Definitionen nur ziemlich schlichte Hilfsmittel sind, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun haben, zumal in der Philosophie.

Eine Definition schafft immer Klarheit über irgendetwas, was es so in der Wirklichkeit nicht geben kann. Denn es gibt ja durchaus Dinge, die ich über die Zukunft wissen kann. Das fängt mit einfachen Dingen an. Ich weiß, dass der Akku meines Smartphones spätestens morgen leer ist. Allen Menschen gegenüber, die ebenfalls ein solches Gerät besitzen oder denen wenigstens die Begriffe "Smartphone" und "Akku" irgendetwas bedeuten, bräuchte ich diese Überzeugung kaum zu rechtfertigen – und man kann Aussagen ohnehin nur gegenüber Menschen begründen, die den Satz verstehen. Wer versteht, was es bedeutet, dass der Akku eines Smartphones leer ist, der kann auch beurteilen, ob meine Behauptung, ich wüsste, dass der Akku meines Smartphones spätestens morgen leer sein wird, wahr ist oder nicht.

Ein wenig komplizierter wird es wenn ich sage: "Dieser Zug fährt nach München." Erst einmal fällt auf, dass die Bedeutung dieses Satzes nicht ganz klar ist. Als Satz über die Gegenwart kann er bedeuten, dass ich weiß, dass der Zug nach München fahren soll, dass er dafür vorgesehen ist, nach München zu fahren, dass er zu diesem Zweck auf die Schiene gestellt und in Bewegung gesetzt wurde. Diese Überzeugung kann ich mit einem Hinweis auf den Fahrplan, auf die Anzeige am Bahnsteig oder die Beschriftung am Zug rechtfertigen. Falls der Zug irgendwo unterwegs kaputt geht oder wegen einer Bombendrohung nicht in München ankommt, würde ich immer noch sagen, dass ich Recht hatte.

Ich könnte den Satz aber auch als Aussage über die Zukunft meinen, also behaupten dass ich weiß, dass ich mit diesem Zug wirklich nach München komme. Die meisten Menschen, die hin und wieder selbst mit Zügen fahren, würden diese Aussage wohl akzeptieren, wenn ich wiederum auf den Fahrplan, die Beschriftung, die Lautsprecherdurchsagen am Bahnsteig verweisen würde. Aber so ganz sicher bin ich mir da nicht, weil ich natürlich weiß, dass – im Gegensatz zur Entladung des Smartphone-Akkus – hier auch etwas dazwischen kommen könnte.

Noch schwieriger wird es, wenn ich sage, dass ich morgen in München einen Bekannten treffen werde, mit dem ich mich dort verabredet habe. Im Alltag werden die meisten Menschen wohl akzeptieren, wenn ich sage, dass ich weiß, dass ich diese Person dort treffen würde, aber spitzfindige, philosophisch veranlagte Zeitgenossen werden darauf hinweisen, dass der Bekannte es sich noch anders überlegen oder verhindert sein könnte, ganz zu schweigen davon, dass ich ja nicht mal genau weiß, ob mein Zug wirklich in München ankommt und dass ich meinen Bekannten verpassen könnte, weil mein Smartphone-Akku vorher den Geist aufgibt, ich deshalb Ort und Zeit der Verabredung nicht nachsehen und den Bekannten auch nicht anrufen kann.

Mit den Behauptungen über die Zukunft, die wir als Wissen akzeptieren, kommen wir also ziemlich schnell an ein Ende. Es ist nicht so, dass man überhaupt keine Überzeugungen über Zukünftiges als Wissen akzeptieren könnte, aber umso mehr Abhängigkeiten bestehen, desto unsicherer werden wir, insbesondere dann, wenn die Zukunft von Menschen abhängig ist.

Die Zuverlässigkeit der Technik

Wenn ein zukünftiges Ereignis nur vom Funktionieren der Technik abhängt, dann sind wir eher dazu bereit, die Aussage, dass dieses Ereignis eintrifft, als Wissen zu akzeptieren, als wenn auch noch Menschen im Spiel sind.

Offenbar gehört zu unseren Grundüberzeugungen: Das Verhalten der Technik haben wir im Griff, wir können es kontrollieren und berechnen. Deshalb können wir uns ziemlich sicher sein, dass ein Ereignis, das nur von Technik abhängt, auch eintritt. Wir sind dann oft bereit zu sagen, dass wir "wissen" dass dieses Ereignis stattfinden wird. Die Handlungen von Menschen hingegen sind nicht berechenbar, Menschen sind "unberechenbar", deshalb reden wir bei zukünftigen Ereignissen, die von Handlungen von Menschen abhängen, ungern von Wissen.

Ein wenig sicherer fühlen wir uns in unseren Annahmen über die Zukunft, wenn die Menschen, von denen das weitere Geschehen abhängt, in klare Verfahren, Vereinbarungen, Verträge, gesellschaftliche Zwänge eingebunden ist. Genau genommen sind diese Verfahren, nach denen sich Menschen richten und denen sie gehorchen, ebenfalls Technik, wir sprechen ja auch von Kulturtechniken.

Womit sind diese Grundüberzeugungen gerechtfertigt? Wenn Wissen wahre gerechtfertigte Überzeugung ist, dann müssen auch die grundlegenden Überzeugungen, die zumeist unhinterfragt oder sogar unbewusst als richtig akzeptiert werden, begründet und gerechtfertigt werden können. Schon wenn ich mir diese impliziten Annahmen, die ich mir im Alltag gar nicht bewusst mache, einmal vor Augen führe, wird sehr fraglich, ob sie selbst gerechtfertigt sind.

Man sagt, diese Annahmen seien durch Erfahrungen gerechtfertigt. Dabei spricht man allerdings nur selten von den eigenen Erfahrungen, ganz selbstverständlich werden die Erfahrungen anderer mit einbezogen. Wir verlassen uns tagtäglich darauf, dass Technik funktioniert und kommen damit eigentlich ganz gut zurecht. Natürlich erlebt jeder im Alltag auch das Gegenteil: Die Lokomotive des Zuges fällt aus oder die Klimaanlage im Abteil. Die Netzwerkverbindung bricht zusammen, der Rechner stürzt ab. Die Kaffeemaschine und das WC sind defekt. Eigentlich begegnet uns ständig Technik, die nicht funktioniert. Das führt dazu, dass die Aussagen, die wir über die Zukunft machen, nicht zutreffen werden. Wenn ich gerade an einem langen, wichtigen Auftrag arbeite und sage: "Ich weiß, dass ich das Manuskript an dem Tag abliefern werde, der im Vertrag vereinbart ist", dann kann es sein, dass ich mich irre, weil eine Woche vor der Abgabe das Notebook, auf dem ich meinen Text speichere, kaputt geht, sodass vielleicht die Arbeit eines Monats verloren ist. Gerade wenn ich mich auf Technik verlasse, werden die Aussagen über die Zukunft ungewisser.

Beim genaueren Hinsehen stellt sich heraus: eine Aussage über die Zukunft kann sicherer werden, wenn sie dadurch begründet wird, dass ich mich gerade nicht auf Technik, sondern auf Menschen verlasse, z.B. auf mich selbst und die Tatsache, dass ich aus schlechten Erfahrungen und bösen Überraschungen mit der Technik gelernt habe.

Wenn ich über längere Zeit an einem Text arbeite, speichere ich ihn nicht nur auf diesem Computer, sondern zugleich auch in der Cloud, irgendwo auf Servern in der Welt, deren Funktionieren besser überwacht wird als das meines Notebooks, die nicht herunterfallen oder gestohlen werden können und auf denen regelmäßig eine Datensicherung durchgeführt wird. Damit verlasse ich mich wieder auf Technik, könnte man sagen, nur, dass diese Technik eben zuverlässiger sei als mein Notebook. Aber das ist nicht ganz richtig, denn vor allem verlasse ich mich nun auf mein eigenes Urteil über die Zuverlässigkeit verschiedener technischer Systeme.

Es könnte auch sein, dass ich selbst auch noch nie das Problem gehabt habe, dass mein Notebook kurz vor irgendeinem Projektschluss den Geist aufgegeben hat (ich erinnere mich nicht an einen solchen Fall), aber andere Menschen, denen ich vertraue, haben mir von solchen Fällen erzählt und haben mir das Problem, welches ich in so einem Fall haben könnte, vor Augen geführt. Da mir diese Leute als vertrauenswürdig vorkamen, habe ich mich entschieden, meine Arbeit auf einem fremden System zu speichern. Eigentlich verlasse ich mich in diesem Moment nicht auf die Technik sondern auf das Urteil anderer Menschen.

Meine Sicherheit über die Zukunft, die mich zu der Aussage verleitet, ich wüsste schon heute, dass das Manuskript fristgerecht fertig wird, wächst also dadurch, dass ich mich nicht nur auf die Technik verlasse sondern auch auf mein Urteil über die Verlässlichkeit der Technik und auf das Urteil anderer vertrauenswürdiger Menschen.

Weder die Technik allein, noch die Zuverlässigkeit von Freunden oder Geschäftspartnern, denen ich vertraue, sorgt dafür, dass ich eine sichere Aussage über die Zukunft machen kann. Es ist vielmehr eine ganz spezielle Mischung aus beidem. Menschen, die ohne Technik arbeiten, d.h., die keine standardisierten Verfahren und Werkzeuge beherrschen und benutzen, sind unzuverlässig. Technik hingegen kann versagen, aber Menschen, die ihre Techniken kennen, können sich darauf vorbereiten und eingreifen. Diese Symbiose aus Technik und Mensch schafft Vertrauen – d.h. aber auch, dass überall, wo diese Symbiose gestört ist, Misstrauen berechtigt ist.

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(Jörg Friedrich)