Wer kommt nach Saddam?

Die Zukunft der irakischen Oppositionsgruppen Teil 1

Wie die ägyptische Wochenzeitung Al-Ahram Weekly in der aktuellen Ausgabe berichtet, wollen sich die Mitglieder der irakischen Opposition Ende März in London treffen, um Pläne zu einer "Übergangsregierung" zu konkretisieren.

Ebenso gab es am Wochenende mehrere Meldungen der iranischen Nachrichtenagentur IRNA und der iranischen Website Iranmania darüber, dass sich die "Führung der irakischen Opposition" am Sonntag im kurdischen Norden des Iraks treffen wolle, um mit Gesprächen über die Bildung einer "Post-Saddam-Interim-Regierung" zu beginnen. Wer jedoch die legitime Führung der irakischen Opposition beanspruchen kann, und vor allem welche irakische Regierung die Unterstützung der Amerikaner finden wird, ist noch völlig unklar.

Bedauerlicherweise kann ich nur feststellen, dass es noch kein irakisches Volk gibt, nur fehlgeleitete Gruppierungen ohne jede nationale Vorstellung

König Faisal

Was der erste moderne, von den Briten eingesetzte Monarch, Mitte der dreißiger Jahre in seinen Memoiren notierte, trifft noch heute den Kern des Problems, mit dem sich jeder Versuch des Neuaufbaus des Landes konfrontiert sieht: das Dilemma widerstreitender Interessen verschiedenster Parteien, ohne die Basis eines verlässlichen Nationalgefühls.

"Die wichtigste Frage", so Al-Mahdi, ein Wirtschaftsprofessor in Exeter, eine Stimme aus dem großen Kreis der intellektuellen Exil-Iraker, "wird sein, welche Sektion der irakischen Opposition das irakische Volk wahrhaftig repräsentiert. Die meisten der Namen, die als potentielle Kandidaten für eine Führungsrolle im Irak ins Spiel gebracht wurden, verfügen weder über politisches Gewicht noch über eine Kenntnis der gegenwärtigen Situation im Land. Obendrein werden sie von außerhalb "geschickt", was in den Augen der Irakis ein großer Nachteil ist."

Bisher ist keinem der schillernden Dissidenten und künftigen Kandidaten gelungen, Gunst und Rückhalt aller oppositionellen Gruppierungen auf seine Person zu vereinigen. Insbesondere gilt das für Achmed Dschalabi, den Führer des Irakischen Nationalkongresses (INC). Der Abkömmling einer wohlhabenden und einflussreichen schiitischen Familie aus Bagdad, der am MIT studierte und in Chikago den Doktorgrad der Mathematik erlangte, galt lange Zeit als Vorzeigekandidat der Amerikaner. Bis sich das Verteidigungsministerium und das Außenministerium, wie eine Reportage über Dschalabi in der Dezemberausgabe der "Vanity Fair" an den Tag brachte, über diesen Kandidaten entzweite.

Aus Kreisen des Außenministeriums und der CIA wurde plötzlich laut, dass Dschalabi nicht über notwendigen Fähigkeiten zur Führung des Iraks verfüge. "Anti-Dschalabi-Artikel in der New York Times nährten allerhand Mutmaßungen über den Streit zwischen State Department und Pentagon zur Person Dschalabi. Die Bürokraten im CIA würden eher mit einem Diktator alten Schlages zurechtkommen als mit einem Mann, der derart ungewöhnlich demokratische Ideale in der Region verwirklichen will wie Dschalabi

Etwas rätselhaft ist es schon, dass sich ausgerechnet die neo-konservativen Hardliner im Pentagon hinter Achmed Dschalabi stellen und nicht etwa die liberaleren Leute im Außenministerium. Denn das Arbeitspapier "The Transition to Democracy in Iraq", an dessen Ausarbeitung Dschalabi und andere Intellektuelle des Irakischen Nationalkongresses maßgeblich beteiligt waren, ist nichts weniger als "revolutionär", wie sogar die linke Zeitschrift "Konkret" findet.

Demilitarisierung, De-"Ba'ath"-isierung (Vorbild hier die Entnazifizierung), Tribunale für Kriegsverbrechen, Wahrheitskommissionen (nach dem südafrikanischen Vorbild), Säkularismus, die Ausarbeitung einer Verfassung, die individuelle und Minderheitenrechte von Gruppen schützt, v o r den ersten Wahlen (damit die Privilegierung einer bestimmten Gruppe mit großen Mehrheiten verhindert wird), eine dezentrale föderale Regierungsform und der Verzicht auf eine ethnische Identität - der Irak würde sich offiziell nicht mehr als "arabisches" Land bezeichnen - so lauten die z.T. sensationellen Stichworte des ambitionierten Arbeitspapiers, das die Arbeitsgruppe für "Demokratic Principles" im Rahmen des "Future Iraq Projects" erarbeitet hat.

Einer der hervorragendsten Köpfe der Arbeitsgruppe heißt Kanan Makiya, dessen aktuelles online-Diary interessante und intelligente Aufklärung über die Hintergründe der irakischen Opposition und deren Schwierigkeiten bietet. Makiya wurde durch sein Buch "Republic of Fear", das er 1989 unter dem Pseudonym Samir Al-Kalil veröffentlichte bekannt. Zunächst blieb das Buch, das die brutale Tyrannei Saddam Husseins erstmalig in aller Deutlichkeit zeigte und analysierte, weithin unbeachtet. Erst nach dem zweiten Golfkrieg wurde es zu einem vielgelesenen Standartwerk über die Vorgänge im Reich des Brutalos, In einer offenen Email macht er auf die besondere Schwierigkeit aufmerksam, auf die alle diejenigen treffen werden, die aus dem Exil kommen - "mit gerümpfter Nase, hoch auf den amerikanischen Panzern reitend, über dem Gestank von allem, ohne im knietiefen Dreck zu waten, den die Baath-Partei aus dem Land gemacht hat", und Illusionen darüber hegen, mit welchem Grad an Zerstörung sie zu rechnen haben.

Jeden Tag in den letzten fünf Wochen meiner Reisen (durch den Irak, T.P.) traf ich auf beschädigte und gezeichnete Menschen; Menschen, die den Nationalismus atmen, das Sektierertum, ohne zu wissen, dass sie es tun, und auf solche, die zutiefst chauvinistisch und voller Misstrauen gegenüber ihren Landsleuten sind. Das sind die Realitäten des Lebens der nächsten Generation in diesem armen, unglücklichen und verwüsteten Land. Denkt noch nicht einmal im Traum daran, nach der Befreiung in dieses Land zurückzukehren, wenn ihr nicht dazu bereit seid, mit solchen Realitäten umzugehen.

(Thomas Pany)