Weihnachtsmarkt-Terror: Möglicher Komplize wird verhört

Anis Amri versendete am Steuer des LKW Chat-Botschaften, die auf einen Mitwisser hindeuten

Mehr als eine Woche nachdem ein tunesischer IS-Terrorist einen LKW in einen Weihnachtsmarkt fuhr und dabei 12 Menschen tötete und über 50 weitere verletzte, liegen immer noch mehr als 20 Schwerverletzte in Krankenhäusern - elf davon auf der Intensivstation. Lukasz Urban, der LKW-Fahrer, den der Islamist erschoss, um ihm das Fahrzeug abzunehmen, soll morgen in seinem polnischen Heimatdorf Banie beerdigt werden, wie sein Arbeitgeber und Vetter Ariel Zurawski heute auf Facebook bekannt gab. Britische LKW-Fahrer haben über 88.000 Pfund für seine Ehefrau und seinen 17-jährigen Sohn gesammelt, denen der über Italien eingereiste Mehrfachstraftäter nicht nur den Ehemann und Vater, sondern auch den Ernährer genommen hat. Auch in Deutschland gibt es Spendenaufrufe.

Deutschen Medienberichten nach, die sich auf Leaks aus der Forensik berufen, wurde Urban noch am Nachmittag des 19. Dezembers so in den Kopf geschossen, dass er nicht mehr in das Lenkrad greifen konnte, um Schlimmeres zu verhindern, wie anfangs gemeldet worden war. Ihnen zufolge ist es nicht dem Fahrer, sondern einem automatischen Aufprall-Bremssystem zu verdanken, dass der LKW zum Stillstand kam, bevor der Terrorist noch mehr Menschen töten konnte. Gerichtsmediziner im polnischen Stettin, die die Leiche ebenfalls obduzierten, sind da allerdings anderer Meinung: Aldona Lema, die Sprecherin der Stettiner Staatsanwaltschaft bezeichnete Meldungen, dass Urban bereits am Nachmittag gestorben sei, als unzutreffend.

Deutsches Terrorismus-Abwehrzentrum stufte einen Anschlag durch Amri noch fünf Tage vor dem Terrorakt als "unwahrscheinlich" ein

Der Süddeutschen Zeitung nach wusste das Gemeinsame Terrorismus-Abwehrzentrum (GTAZ) in Berlin vor der Tat nicht nur von Amri, sondern beschäftigte sich sogar relativ intensiv mit ihm: In den letzten zehn Monaten mindestens acht Mal. Noch am 16. Dezember soll das GTAZ Erkenntnisse, dass sich der in Italien zu vier Jahren Gefängnis verurteilte Brandstifter im Februar dem IS als Selbstmordattentäter anbot und im Internet nach Anleitungen zur Herstellung von Explosivstoffen suchte, konsequenzlos diskutiert worden sein, weil man aus nicht näher genannten Gründen einen Anschlag für "unwahrscheinlich" gehalten habe.

Der Focus berichtet währenddessen, dass Amri zehn Minuten vor Beginn seiner Jagd auf Weihnachtsmarktbesucher Sprach-, Foto- und Textnachrichten verschickte. Das gehe aus einem am Tatort gefundenen Mobiltelefon hervor. Aufgrund der auf diesem Telefon gefundenen Daten wurde gestern ein 40-Jähriger Berliner tunesischer Staatsangehörigkeit festgenommen, mit dem Amri kommuniziert haben soll. Außerdem wurden dessen Wohn- und Geschäftsräume durchsucht. Ob er als Mittäter oder Mitwisser angeklagt wird, steht nach Auskunft der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe noch nicht fest.

Gratis-SIM-Karte führt in die Niederlande

Aus einer Vodafon-Gratis-SIM-Karte, die zu Werbezwecken am 2., 21. und 22. Dezember in Zwolle, Breda und Nijmegen verteilt wurde, schließen italienische Ermittler der Zeitung La Repubblica zufolge, dass Amri nicht - wie zuvor angenommen - von Deutschland aus nach Frankreich und Italien fuhr, sondern einen zusätzliche Umweg über die Niederlande machte, wo er die nicht benutzte Karte am Bahnhof Nijmegen geschenkt bekam. Überwachungskameraaufnahmen bestätigen das angeblich. Im unmittelbar hinter der deutschen Grenze gelegenen Nijmegen soll der IS-Anhänger dann einen Fernbus nach Lyon genommen haben, wo ihn ebenfalls eine Überwachungskamera filmte.

Anschließend reiste er über Chambery nach Turin, wo ihn eine Kamera am 22. Dezember um 22.14 Uhr mit über den Kopf gezogener Kapuze, Rucksack und schwarzer Kleidung aufnahm. Endstation der Flucht des "Flüchtlings" war Mailand, wo er bei einer Kontrolle auf einen Polizisten schoss, der besser zielte als er. Ob die Waffe, die Amri dort benutzte, diejenige ist, mit der Urban getötet wurde, steht noch nicht fest. Die Ermittlungsbehörden prüfen derzeit mit Hausdurchsuchungen, ob der Tunesier in Italien, wo er von 2011 bis 2015 lebte und in mehreren Gefängnissen einsaß, Komplizen hatte.

Islamverbände fordern stärkeres Einschreiten gegen Extremistenmoscheen

In Nordrhein-Westfalen, wo Amri mit mehreren Identitäten betrügerisch Sozialleistungen bezog, besuchte er dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) nach mindestens ein Dutzend Moscheen. Für eine Dortmunder Moschee soll er sogar einen Schlüssel gehabt haben.

Burhan Kesici, der Generalsekretär des Verbandes "Islamrat", sieht im Zusammenhang mit dem Fall Amri Handlungsbedarf und fordert, dass Polizei, Justiz und Behörden "stärker gegen Moscheen vorgehen, in denen Gewalt gepredigt und für angeblich heilige Kriege geworben wird". Auch Aiman Mazyek, der Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, meinte bezüglich der Schließung solcher Einrichtungen: "Wer für den IS rekrutiert, gehört hinter Schloss und Riegel und kann sich nicht auf Religionsfreiheit berufen". (Peter Mühlbauer)

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