"Was wir jetzt erleben, ist der Zusammenbruch der Diplomatie"

Eskalationsbereitschaft; militärisch, aber auch energiepolitisch

Vor gut zwei Jahrzehnten hat Putin dem Westen im Bundestag auf Deutsch Kooperation angeboten, auch später noch war er in Berlin zu Gast. Woher der Wandel?

Christian Hacke: Der Krieg begann am 24. Februar, aber wir dürfen die Vorgeschichte nicht vergessen: Die Erweiterung der Nato um 1.300 Kilometer und die der EU haben Putin erzürnt. Putin entwickelte eine unbändige Wut gegenüber der Arroganz des Westens. Also, wer Russlands Sicherheitsinteresse derart herausfordert, muss mit allem rechnen und sich deshalb rechtzeitig warm anziehen. Sonst wird er kalt erwischt. Das passierte am 24. Februar.

Putin glaubt bis heute, dass der Westen dekadent ist und sich im Kräfteringen nicht behaupten kann. Darin könnte er sich ebenso verschätzen, wie er den bisherigen Kriegsverlauf eklatant falsch eingeschätzt hat.

Aber, und das ist derzeit das Entscheidende: Er hat, wie zuvor erwähnt, die Eskalationsbereitschaft; militärisch, aber auch energiepolitisch. Da hat er das Besteck noch gar nicht ausgepackt.

In militärischen Kreisen ist wiederholt gewarnt worden, und zwar von unterschiedlichen Seiten, ein Andauern dieses Krieges über den Winter hinaus in Kauf zu nehmen, mit diesem Konflikt in den kommenden Winter zu gehen. Für wen spielt der Faktor Zeit?

Christian Hacke: Das ist ganz schwer einzuschätzen. Aber Sie sehen schon angesichts der Ereignisse in Tschechien …

… in Prag hatten am Samstag nach Polizeiangaben rund 70.000 Menschen gegen steigende Energiepreise demonstriert.

Christian Hacke: Daran sehen Sie, dass wir nicht so geduldig sind. Wir haben nicht diese Leidensfähigkeit der Russen. Und wir leben zugleich in einem freiheitlichen System, in dem Proteste möglich sind, anders als in Russland.

Es kommt hinzu, dass sich bei uns die Leute zunehmend fragen: Wozu leiden wir? Und auch, wenn unsere Lage nicht mit der Lage der Menschen in der Ukraine zu vergleichen ist, so wird diese Frage ja immer lauter gestellt.

Ich würde auch gerne wissen, wie viel der Ukraine-Krieg bislang den Westen gekostet hat.

In Deutschland sind bislang drei Entlastungspakete auf den Weg gebracht worden, wobei auch der letzte Maßnahmenkatalog auf ein sehr geteiltes Echo gestoßen ist. Wie gut sind wir gewappnet?

Christian Hacke: Mit Blick auf die Tschechei und die Proteste am Wochenende könnte es sein, dass wir vor Wellen stehen, im Herbst und im Winter. Vor Protesten, bei denen die Leute fragen: Warum diese Einbußen, wenn es in der Ukraine noch immer keine Perspektive für Frieden gibt?

Oder: Unsere Sanktionen haben offensichtlich weit weniger Wirkung als die russischen auf uns? Oder:

Jeder weitere Tag Krieg zerstört Land und Leute dermaßen, dass es nicht länger mit anzusehen ist. Es muss diplomatisch eingegriffen werden und wir müssen Kiew ehrlicherweise auch sagen: Leute, wir geben euch keinen weiteren Freibrief, sondern ihr müsst endlich Kompromissbereitschaft zeigen, sonst wird euer Land völlig zerstört werden.