Was von den Kämpfen übrig bleibt

Waldgänger: Ten Shimoyamas "Shinobi" feiert den Kampf und das Selbstopfer als inneres Erlebnis

"Romeo und Julia" trifft "X-Men" und japanische Martial Arts- so müsste man wohl formulieren, wollte man "Shinobi" auf eine Formel bringen. Der neueste Film des etablierten Regisseurs Ten Shimoyama vermischt klassische Stoffe der japanischen Filmtradition und die dort seit Akira Kurosawas Werken konstante Wertschätzung für Shakespeare-Motive mit Anregungen durch moderne Videogames und bringt sie auf den neuesten Stand des technisch Möglichen.

Bilder ©Neue Visionen

"Shinobi" hieß bereits ein berühmtes Arcade-Spiel aus den 80-er Jahren, das mit insgesamt zehn Fortsetzungen den Wandel der Computerspiele bis hin zur Playstation 2 spiegelte und gleichzeitig selber vollzog. Der in Japan bereits überaus erfolgreiche Film zehrt vom Ruhm dieser Vorlage und dem allgemeinen Boom der Ninja-Stoffe in der japanischen Popkultur seit den 60-er Jahren - auch wenn die Handlung selbst mit diesen Vorlagen direkt nichts zu tun hat.

Die titelgebenden "Shinobi" bedeuten wörtlich "geheime Person" und verweisen auf jene Epoche der japanischen Geschichte, die "Sengoku", die "Zeit der streitenden Reiche" genannt wird, und mit der Etablierung der absolutistischen Herrschaft der Tokugawa-Shogune, einer gut 200-jährigen Periode des Absolutismus, Anfang des 17.Jahrhunderts ihr Ende fand - recht analog übrigens zu jener Phase der religiösen Bürgerkriege in Europa, auf die schließlich die Epoche des Absolutismus folgte.

Diese zwei Epochen - Sengoku und Tokugawa - liefern den Hintergrund für sehr viele japanische Filme und ihre auch hierzulande bekannten Motive. Ihr entstammen die Samurai, jene aristokratischen Krieger, deren strenger Ehrenkodex auch ihre Kampftechniken ritualisierte und sie im Angesicht militärisch-politischer Modernisierung zunehmend machtlos machte. Und die Ninja, geheime, oft namenlose Partisanen-Kämpfer, die sich, ohne durch ähnliche Einschränkungen gebunden zu sein, "unehrenhafter", aber um so effizienterer Tricks bedienten, wie Sabotage, Spionage, Maskerade.

Kriegerehre vs. Vernichtungskrieg

"Shinobi" spielt exakt im Jahr 1614, als der Tokugawa Shogun die letzten Ninja-Stämme, die unanhängig von seiner Macht in den Bergen existierten, unterwerfen wollte. Der historische Vorgang wird hier märchenhaft überhöht: Die zwei letzten Stämme der Shinobi-Kriegervölker - "Sie lebten nur für den Kampf" - leben "nach 400 Jahren Mord und Feindschaft" distanziert, aber in Frieden weit entfernt vom Hof des Shogun zueinander. Die bunten Farben des japanischen Herbstes, in ihrer Schönheit dem amerikanischen "Indian Summer" verwandt, markieren trotzdem den Herbst dieser unabhängige Lebensweise der Shinobi.

Die erste Szene des Films schildert überaus poetisch die Begegnung von Gennosuke und Oboro, der zwei Enkel der jeweiligen Stammesführer. "Ich habe dieses Zusammentreffen nie bereut." sagt Oboro, die von der Popsängerin Yukie Nakama gespielt wird, deren ätherisches, idealisiertes Modelantlitz ihre Persönlichkeit eher versteckt, denn charakterisiert, während Jo Odagiri, der Darsteller von Gennosuke direkt einer japanischen Punk-Boy-Group entsprungen scheint. Es ist Liebe auf den ersten Blick, die wie gleich zu ahnen ist, überaus tragisch enden muss. Anders als in Shakespeares "Romeo und Julia" streiten beide Stämme nicht nur gegeneinander, ihnen steht mit dem Shogun auch noch ein Fortinbras, eine neue Zeit mit neuen Werten gegenüber, die die Shinobi aufeinanderhetzt, und das, was von den Kämpfen übrig bleibt, vereinnahmt.

Der Shogun und sein erster Minister, der legendäre Hattori Hanzo, locken beide Stämme in eine Fälle. Während deren Repräsentanten zu einem Duell gezwungen werden, dass sie "um der Ehre des Stammes willen" nicht ablehnen können, führt der Shogun mit moderner Technik einen Vernichtungskrieg gegen deren Dörfer.

Dieser Verrat ist aus seiner Sicht legitime, von der Staatsraison gebotene Kriegslist. Nach wie vor verfügen die Shinobi nämlich über individuell verschiedene, übermenschliche Kampftechniken, oder, wie es heißt "geheimnisvolle Fähigkeiten", darin den US-amerikanischen Comic-Figuren der "X-Men" verwandt. Auch diese Superhelden leiden mitunter unter ihrem übermenschlichen Potential, weil es sie andererseits gewöhnlichen Menschen entfremdet, und für den Shogun bedrohlich macht. Es gehört zu den interessanteren Aspekten von "Shinobi", dass der Film unter der Oberfläche des Martial-Arts-Abenteuers auch solche Fragen des Clashs der Kulturen und der Integration des Ungleichen in einen, jedenfalls auf der Ebene der Unterwerfung egalitären, neuen Staat aufwirft.

Vorbereitung zum Kampf

Zugleich kommen einem auch Western-Themen und das verklärte Indianer-Bild vieler späterer Western in den Sinn: Die Shinobi sind ein kriegerisches Naturvolk, das keine Abstriche von seiner Lebensweise machen möchte, der Shogun steht für unaufhaltsame Modernisierung und eine Zivilisation, die die Integration aller Bürger unter ihren frühneuzeitlichen Leviathan fordert, und dafür auch vor dem Einsatz brutaler Mittel nicht zurückschreckt - aber immerhin im Gegenzug den Bürgerkrieg beendet, und den Menschen Frieden und Sicherheit garantiert. Gut und Böse sind bei diesem Film also nur oberflächlich eindeutig verteilt, wenn auch die Sympathien des Films - pro Shinobi - immer klar bleiben.

Etwa die Hälfte des Films besteht dabei aus überaus virtuos, oft poetisch inszenierten Kämpfen mit findungs- und fintenreichen Kampftechniken. Man kennt inzwischen jene Bilder, in denen sich Personen mit Leichtigkeit über Berge und auf Bäume schwingen, in denen das Tempo der Bewegungen während der Kämpfe mal mit Zeitlupe verlangsamt wird, bis zu einem Punkt, in dem die Kämpfer in der Luft zu stehen scheinen, dann wieder rasant beschleunigt, bis das Auge nicht mehr zu folgen vermag. Japanische Martial-Arts unterscheiden sich von chinesischen vor allem darin, dass die Kämpfe selbst nicht allzu elegisch inszeniert werden, sondern schnell und kurz sind. Oft genügt ein Schwertstreich.

Die Elegie gilt hingegen der Vorbereitung zum Kampf. Alle Charaktere verfügen über eine Individualiät, die sich in erster Linie in ihren unterschiedlichen "besonderen Fähigkeiten" ausdrückt: Es gibt einen Wolfsmenschen mit Zottelfell und Krallen, wie an ihn auch von "X-Men" her kennt, und junge Mädchen, die mit Blicken oder Umarmungen töten können. Besonders berührend ist die Figur der tragischen, unglücklichen, schönen Kagero, die zwar fast unbesiegbar ist, aber derart "mit Gift gefüllt", dass sie auch jene die sie liebt, ins Verderben reißt.

So wechseln hier coole Posen, opernhaft überhöhte Tableaus - Rot und Blau gewandte Kämpfer treffen vor gelben Dünen aufeinander; schwarzmaskierte Ninja erscheinen wie Schattenrisse vor einem riesigen Vollmond - und tiefe Gefühle einander ab. Wenn mit Gennosuke und Oboro das Liebespaar und die letzten ihrer Art zum Endkampf aufeinander treffen wird das Töten wie in Liebesakt inszeniert.

"Ich spüre einen unglückverheißenden Wind." oder: Ernst Jünger in Japan

Trotzdem macht der Film im Grunde aus dem Visuellen, aus dem, was er kann, zu wenig. Die meisten Figuren verschwinden, gerade eingeführt, schnell wieder aus dem Film, den Tricks und Stilmitteln - Vogelflug, Farbeffekte, Zeitlupe - ergeht es nicht viel anders. Für einen deutschen Zuschauer ist zweifellos manches an "Shinobi" gewöhnungsbedürftig - falls er sich nicht besonders für fernöstliches Martial-Arts-Kino interessiert. Die deutsche Synchronisation macht es einem dabei zusätzlich schwer: Kindliche Teenager-Stimmen der Hauptfiguren sorgen für unfreiwillige Komik, und ein Satz wie "Ich spüre einen unglückverheißenden Wind." klingt auf Japanisch einfach anders, und weitaus weniger geschwollen, als im Deutschen - gute Synchronisation ist eben weitaus mehr, als nur eine korrekte Übersetzung.

Auch möchte man schon gerne wissen, was einem das alles eigentlich sagen soll in unseren Tagen: Wenn ein alter Krieger, der um die Sinnlosigkeit der bevorstehenden Kämpfe weiß, ihnen trotzdem eine Bedeutung verleiht: "Weil wir nun mal Waffen sind. Wenn es niemanden gibt, er uns benutzt, sind wir wertlos, und wenn kein Feind da ist, ergibt das Leben für uns keinen Sinn. Das ist der Weg der Shinobi." Am Ende dann ist Oboro die einzig Überlebende unter den Kriegern. Fatalistisch hat sie ihrem "Schicksal" gehorcht, und sogar den Geliebten, der sich dem Kampf verweigerte, getötet. Nun mit dem Shogun konfrontiert, blendet sie sich, indem sie sich selbst die Augen ausdrückt, ihre gefährlichsten Waffen. Sie kapituliert, akzeptiert die Unterordnung, die Einordnung der Ungleichheit in Gleichmacherei. Indem sie den Imperator zum Mitleid rührt, verhindert sie zugleich den Untergang ihres Volkes.

So feiert der Film in seiner Konsequenz Verhaltenslehren der Kälte und die Ausblendung von Gefühlen - "Habe ein Herz aus Stahl, dann schaffst Du es. Du darfst keine Skrupel haben" -, eine soldatische Ethik, die den Kampf und das Selbstopfer als inneres Erlebnis begreift, als intensivere Daseinsform. Damit einher geht ein apokalyptisches Bewusstsein und die elitäre Haltung von Charakteren, die lieber untergehen, als sich anzupassen. "Solche Menschen haben in unserer Zeit, in der Welt des Friedens, keine Zukunft."

Das ist übrigens keineswegs "typisch japanisch". Ernst Jünger zum Beispiel hat Ähnliches in seinem antimodernen Archetyp des "Waldgängers" der sich der großen Herrschaft, dem "Empire", das die Welt neu kartographiert, anarchisch entgegenstellt, recht präzis und in analoger Metaphorik für den deutschen Kontext beschrieben.

Aufgewogen wird das Angreifbare solcher politischer Subtexte in "Shinobi" aber zumindest teilweise durch die spürbare Faszination für die Shinobi und ihre wilde Lebensweise, durch die Absicht, sie als untergehende Kultur zu begreifen und bewahren zu wollen. Der Film gefällt überdies mit seiner gefühlvollen Liebesgeschichte, seinen starken und komplexen Frauenfiguren und eine mitreißende Inszenierung. Weniger konsequent und elegant als Meisterwerke des Genres wie Zhang Yimous "Hero" und Ang Lees "Crouching Tiger, Hidden Dragon" erfindet "Shinobi" nichts neu, und ist doch ein außergewöhnlicher, sehenswerter Martial-Arts-Film. (Rüdiger Suchsland)