Von der Computerunterstützung zur Computerabhängigkeit

Der Computer ist für manche Berufsgruppen keine Hilfe, sondern möglicherweise ein Instrument für deren Abschaffung. Das könnte auch bei den Architekten der Fall sein, wie Martin Pawley meint.

"Wissen ist Macht" ist eine ziemlich vertraute Allerweltsweisheit, aber wo Wissen in Computersystemen steckt und die Macht von Architekten ausgeübt wird, kann man noch immer einiges von ihr lernen.

Eine der Hauptängste in der Architektur sind heute die künftigen Computerkosten. Gegenwärtig gibt es kaum ein nennenswertes Computerbüro, das nicht intensiv damit beschäftigt ist, die Arbeit mit dem Computer auf den neuesten Stand zu bringen, neu zu organisieren, auszubauen, an eine andere Firma abzugeben oder verzweifelt zu versuchen, sie zu beherrschen. In den USA ist während der Wochenendausflüge mit Kollegen, die bei leitenden Architekten so begehrt sind, das heiß diskutierte Thema nicht mehr eine mögliche Rückzugsstrategie aus China, sondern es sind die Kosten, die durch das Schritthalten mit der Computerisierung entstehen.

Der Grund dafür ist, daß sich in den letzten Monaten eine Revolution der Erwartungen in der Computerwelt vollzogen hat, nachdem klar geworden ist, daß fallende Preise nicht mehr für lange Zeit gleichbedeutend sind mit billigeren Betriebskosten. Designfirmen mögen noch immer über die wachsende Zahl von Druckern, Monitoren, Scannern und anderem Schnickschnack begeistert sein, die billiger als letztes Jahr gekauft werden können, aber die wirkliche Herausforderung des Computers kommt erst noch. Am Horizont des Verbrauchermarktes sieht man bereits den billigen Supercomputer auftauchen, den größten Anschlag der Künstlichen Intelligenz seit den 50er Jahren, als Firmen zum ersten Mal primitive Bendix G-15 Computer kauften, um ihre Abrechnungen zu handhaben - und dann bemerkten, daß sie damit ihre Buchführungsabteilungen auflösen konnten. Im Unterschied zu damals hat die Künstliche Intelligenz jetzt vor, das computergestützte Design in ein computerabhängiges Design umzuwandeln: ein Trick, den sie bereits in so unterschiedlichen Bereichen wie der Verteidigung oder der Hochfinanz angewandt hat.

Wie viele andere Turbulenzen im gegenwärtigen technologischen Universum ist der billige Supercomputer Teil der Friedensdividende. Während des Kalten Krieges gab die US-Regierung ungefähr vier Billionen Dollar für Systeme zur Sammlung von geheimen Daten, zum Knacken von Codes und zur Computersteuerung von Waffen aus - weit mehr Geld, als jede Unternehmensgruppe, ganz zu schweigen von einzelnen Berufsständen, für irgendeine zivile Aufgabe aufbringen konnte. Doch als die konkurrierenden Parteien des Kalten Krieges ihren Konflikt einstellten, verlor das in Verteidigungsaktivitäten verkörperte Wissen über Nacht seinen geschützten Status und wurde zivil. 1996 wurde als Teil dieses Prozesses Cray Research, dessen Gründer Seymour Cray die Control Data 6600 und 7600 Supercomputer gebaut hatte, um Nuklearexplosionen zu simulieren und feindliche Codes zu knacken, von der Firma Silicon Graphics aufgekauft, die ankündigte, daß sie den Cray-Computer, ein für die Bedürfnisse individueller Kunden "maßgeschneidertes" Produkt, zur Grundlage einer Reihe von Supercomputern machen werden, die jeder kaufen kann.

Bislang wuchs der Sektor der Supercomputer nur langsam. Das war das Ergebnis der von Kosten unabhängigen Steigerung der Rechenkapazität. Supercomputer führten nicht nur eine astronomisch große Zahl von Rechnungen pro Sekunde aus, sondern sie verbanden auch unterschiedliche Datenmengen aus Dutzenden verschiedener Disziplinen, um eine unmittelbare Synthese herzustellen, die auf andere Weise nur völlig unökonomisch oder mit zuviel Zeit zu gewinnen gewesen wäre. Supercomputer überprüften Hypothesen über die Natur des Universums, entwickelten das Design von Überschallflugzeugen und führten neue meteorologische Untersuchungen aus. Verständlicherweise war der für ihre Leistung offene Markt beschränkt auf Regierungsbehörden, militärische Einrichtungen, Universitäten und große Unternehmen. Deswegen gibt es noch heute so wenige Supercomputer. Nach Auskunft der Oak Ridge Laboratories gibt es heute in den USA nicht mehr als 500. Aber so selten sie sind, so wertvoll sind sie auch. Das Ergebnis jedes Projekts zu kennen, bevor es verwirklicht ist, gleich ob es sich um die Elastizität bei einem Verkehrsflugzeug oder um die Verifikation eines weiteren Meilensteins der fortschreitenden globalen Erwärmung handelt, ist wirklich Macht. Die Aussicht auf einen freien Markt und geringere Kosten, die eine solche außergewöhnliche Synthesemacht relativ kleinen Organisationen wie jenen zugänglich macht, die für die Konstruktion von Gebäuden verantwortlich sind, stehen heute im Mittelpunkt des Interesses.

Die Architektur selbst gilt als ein kleiner Bereich des Computermarktes, bei dem man bis vor einem oder zwei Jahren dachte, daß sechs PCs in einem LAN der Gipfel der Ausrüstung sein würden. Jetzt wird sie bald mit einem Computer konfrontiert, der dem Meister des Universums gleichkommt, mit einer Maschine, die alle ihre vermeintlich geheimnisvollen Variablen, alle ihre Komplexitäten und ihre ästhetischen Kriterien verarbeiten kann und noch genügend Rechenkapazität besitzt, um sich um die Baukonstruktion, die Baufirmen, die Aerodynamik, die Spezifizierungen, Kosten, Codes, Rechnungen und Verträge zu kümmern und noch dazu die Löhne auszurechnen. Wer also wird die Millionen aufbringen, um zum Besitzer dieses synchonisierten Wissens zu werden?

Schön wäre es, wenn man sagen könnte, daß die Architekten es sein werden, aber das würde vermutlich nicht stimmen. Die meisten Architekten sind nicht nur relativ arm, sie setzen ihre Computerkapazitäten auch weniger koordiniert als jede andere Branche in der Bauindustrie ein. Konstruktions-, Bau- und Umweltingenieure geben Millionen für eine koordinierte Computerausrüstung aus. Manche verfügen über ein eigenes Softwarehaus, und alle haben eine bessere und neuere Computerausstattung als Architekturbüros vergleichbarer Größe. Genauso investieren große internationale Baufirmen mehr in die Computerisierung der Verwaltung von Verkäufen, Verträgen und Kosten als jeder andere. Diese spezialisierten Branchen sind miteinander vergleichbar, und die Architekten stützten sich auf sie. Nur wenige Architekten verfügen über 3D CADD mit Konfliktwarnung für Bauzeichnungen. Die meisten geben ihr Geld nicht für Computer, sondern für Visualisierung aus, um beeindruckende Effekte und faszinierende Bilder herzustellen. Sie modellieren kaum ganze Projekte in 3D und benutzen selten dieselbe Software wie andere Berufsgruppen.

Wer also wird die Kapazitäten der neuen Supercomputer erwerben, die jedes Büro dazu befähigt, die gesamte Baukonstruktion zu realisieren? Mit großer Wahrscheinlichkeit werden das nicht viele Architekten sein. Wenn sie nicht vorsichtig sind, werden sie sich Baufirmen und Ingenieurberatern gegenübersehen, die nach architektonischen Dienstleistungen Ausschau halten, um sie natürlich auf ihren eigenen Supercomputern zu verarbeiten.

Aus dem Englischen übersetzt von Florian Rötzer (Martin Pawley)