Von Gebärmaschinen, Gotteskriegern und Ganoven

Die darwinistische Erklärung kultureller Vielfalt

Degradieren die Pläne der Bundesregierung Frauen zu "Gebärmaschinen", wie der Augsburger Bischof Mixa argwöhnt? Werden die Bundesbürger bis 67 oder noch darüber hinaus arbeiten müssen? Warum verabschiedete das britische Parlament 1807 ein Gesetz, welches den Handel mit Sklaven unter Strafe stellte? Warum gibt es zur Weihnachtszeit in Istanbul mehr Weihnachtsschmuck als in München? Ist die Demokratisierung des Nahen Ostens endgültig gescheitert? Wie ist die periodische Wiederkehr früherer, längst überwunden geglaubter Trends und Moden zu erklären - vor einiger Zeit die "coolen Achtziger"? Warum starb der niederländische Regisseur Theo van Gogh?

Derartige Fragen münden regelmäßig in erregte Diskussionen, ob man überhaupt und wie man kulturelle Äußerungen bewerten kann oder soll. Verbietet schon die bloße Fremdheit kultureller Äußerungen jede kritische Auseinandersetzung mit diesen? Wenn ja, mit welcher Begründung? Und wenn nicht, wie ist dann eine solche Kritik theoretisch zu führen? Den Gegenstand einer solchen Auseinandersetzung bilden die Beweggründe, Mittel und Ergebnisse einer Handlung. Ein neuerer theoretischer Ansatz, die Bestandteile einer Handlung zu begründen, lehnt sich unmittelbar an die biologische Evolutionstheorie an.

Bestandteile einer sozialwissenschaftlichen evolutionären Handlungstheorie

Wie in der Biologie besteht dieser Ansatz aus den drei Komponenten Variation, Vererbung und Auslese: Erfindungen und Modifikationen von schon Bestehendem bewirken zunächst eine Veränderung oder Variation der ursprünglichen Beweggründe, Mittel und Ergebnisse bestimmter Handlungstypen. Diese Variation wird "kulturell vererbt": Im Gegensatz zur sozialen Transmission, die man bei bestimmten Primatenarten beobachten kann (Waschen von Süßkartoffeln mit Wasser, Verwendung von Stöcken als Werkzeug, um sich Bananen zu angeln usw.), gibt es beim Menschen nicht nur die bloße Nachahmung von Verhaltensweisen, sondern überwiegend gesteuerte und kontrollierte "Lernumgebungen" wie Familie, Schule, Kirche, Universitäten, Gangs, Banden, Vereine usw. Wir alle sind ausnahmslos zeit unseres Lebens in solche und andere Institutionen eingebettet. Entscheidender Unterschied zur sozialen Transmission: Es gibt in solchen Institutionen immer jemand, der die Macht hat, festzulegen, was wir lernen sollen. Es gibt Lehrpläne, offene und verborgene (für ein unkonventionelles Beispiel vgl. Polemisches Anti-Islam-Video wurde gelöscht).

Die Stabilisierung evolutionärer Trends schließlich wird mit dem Konzept der kulturellen Auslese begründet, welche bei einigen Handlungstypen nach und nach zu einer höheren kulturellen Fitness führt. Wir alle beobachten, dass manche Handlungstypen oder Bestandteile dieser noch verbreitet sind, während andere dies nicht mehr sind (VHS siegte über Betamax, Windows über OS/2 usw.). Immer noch ungelöst ist die Frage, ob die Fülle rezenter kultureller Äußerungen mehr das gewünschte Ergebnis rationaler Entscheidungen oder das unvorhersehbare Resultat ziellos operierender Kräfte ist.

Darwins Blick auf die kulturelle Vielfalt

Warum also tötete der Marokkaner Mohammed Bouyeri den niederländischen Regisseur Theo van Gogh? Oder, anders gefragt: warum gibt es in einigen Gesellschaften den Handlungstyp "Tötung aus religiösen Motiven" häufiger als in anderen Gesellschaften? Die Antwort, welche die Evolutionstheorie bereit hält, lautet: weil die Instantiierung solcher Handlungen von bestimmten Institutionen in irgendeiner Form belohnt wird.. Diese Belohnung kann in Form von materiellen (mehr Gehalt) oder immateriellen Gütern (Ehre und Prestige) oder in beiden bestehen. Analog dazu entspricht dieser Belohnung in der Biologie ein Mehr an Nahrung oder Schutz vor Unbill der Witterung oder auch ein Mehr an Sex. Folglich werden solche Handlungstypen bewahrt und kulturell vererbt, welche eine Belohnung erwarten lassen. Umgekehrt werden Handlungstypen verworfen, die Sanktionen nach sich ziehen. Nach einer Generation erfahren bestimmte Handlungstypen auf diese Weise eine größere Akzeptanz unter den Mitgliedern einer Gemeinschaft als andere - sie haben eine höhere "kulturelle Fitness" als andere. Nicht nur bei den Vertretern der Freien Marktwirtschaft erfreut sich diese Sichtweise großer Beliebtheit, lässt sich mit ihrer Hilfe doch leicht das Verdrängen kultureller Alternativen als quasi-natürlichen Prozess interpretieren.

Kritik

Erklärungen solchen Typs setzen auf die eine oder andere Weise voraus, dass es die untersuchten Handlungstypen und Werte bereits gibt: Wie diese selbst entstanden sind, wird in der Regel nicht erklärt. Zwar wird die Rolle von Innovationen nicht verschwiegen, aber vermutlich weiß man viel mehr darüber, unter welchen Umständen genetische Mutationen auftreten, als darüber, welche Bedingungen Innovationen begünstigen oder was Innovationen überhaupt sind. Soll man nur Erfindungen vom Range des Rades als Innovation bezeichnen oder liegen Innovationen auch dort vor, wo eine Firma einfach den Schriftzug ihrer Werbung modifiziert? Vielleicht hilft hier eine Prise "Lamarck": Handlungstypen verdanken ihrer Entstehung der zu erwartenden Belohnung. Damit steht man vor dem nicht minder großem Problem, zu erklären, wie Belohnungen entstehen - und damit wie Werte entstehen.

In der Biologie ist die Sache einfacher, weil eindimensional: Nahrung ist ein Wert an sich, da muss man nicht lange danach suchen, warum Nahrung wertvoll ist. Aber wie ist es mit Ehre, Stolz? "Fuck the pride, pride only hurts!" lässt der Regisseur Quentin Tarantino den Gangster Marsellus Wallace in "Pulp Fiction" dem Boxer Butch entgegnen, als dieser versucht, seine Weigerung, beim kommenden Boxkampf zu betrügen, eben damit zu begründen versucht. Künftige Handlungen werden nicht nur von verschiedenen Institutionen unterschiedlich bewertet (was in der Familie nicht erlaubt ist, funktioniert dafür in der Clique), sondern sie werden vielfach auch innerhalb ein- und derselben Institution unterschiedlich geschätzt. So wäre es naiv anzunehmen, dass eine bestimmte Handlung in einem bestimmten institutionellen Rahmen immer und ausnahmslos honoriert wird. Wer eine Handlung ausführt ist mindestens ebenso wichtig wie die Kenntnis der zugrunde liegenden Wertordnung.

Bisher hat noch keine Theorie die Komplexität menschlicher Institutionen in vollem Umfang erfasst. Dieser grundsätzlichen Schwierigkeit ist es vielleicht zu verdanken, dass manche Autoren mehr der Biologie zuneigen, wenn sie soziale Phänomene erklären. Gefragt wird nun nicht mehr danach, welche gesellschaftlichen Werte eine Handlung "konserviert" und für ihre Tradierung gesorgt haben, sondern, inwieweit eine Handlung oder ein Handlungstyp für eine höhere Fitness sorgen - diesmal im biologischen Sinn. Man fragt sich also beispielsweise, ob Lügner (ein menschlicher Handlungstyp) mehr Nachkommen haben. Oder ob Reiche mehr Nachkommen haben. Oder Arme. Oder Dicke. Oder Dünne. Das Problem multipler, gegensätzlicher kultureller Werte wird so umgangen und auf eine Antwort reduziert: "Gut" ist, was den Bauch der Frau dick macht, zum Beispiel bestimmte Betreuungskonzepte der Bundesregierung. Bleibt in dieser schönen Theorie lediglich der eingangs zitierte Augsburger Bischof Mixa als "Störenfried" übrig.

Von Alexander Bierstedt erschien das Buch "Darwins Erben und die Vielfalt der Kultur. Zur Kausalität kulturellen Wandels aus darwinistischer Sicht"

(Alexander Bierstedt)