Völker, hört die Rauchsignale

Dem Magazin "Die Rote Fahne" zufolge will die "Nichtraucherindustrie" mit dem Rauchverbot in Gaststätten die freie Gastronomie zerschlagen

Wie bekannt, waren die Klassiker des Marxismus allesamt dem Genuss von geistigen Getränken und Nikotin nicht abgeneigt: Karl Marx war leidenschaftlicher Raucher von Zigarren und geriet sogar wegen solcher - einer berühmt-berüchtigten Anekdote zufolge - in einen ernsten Streit mit seinen engsten Kampfgenossen, die ihm anstatt der versprochenen Havanna ein billiges Kraut vorgesetzt hatten: Marx war nicht davon abzubringen ein erlesenes Stümplein geraucht zu haben, woraus sich ein tagelanger Disput erwuchs.

Einige kritische Kenner des Marxismus wussten immerhin daraus seinen grundsätzlich menschenverachtenden Charakter abzuleiten. Zwar waren Lenin und Trotzki beide Nichtraucher, aber der kettenrauchende Josef Stalin machte diese Scharte innerhalb der sowjetischen Führungsriege gleich doppelt und dreifach wett. Von Mao Tse Tung ist bekannt, dass seine Zähne (entgegen den retuschierten offiziellen Bildern) vom Zigarrettenrauch rabenschwarz gefärbt waren und von Che Guevera und Fidel Castro existiert kaum ein Bild, auf dem sie nicht mit einer Havanna zu sehen sind.

"Der heutige Rausch verhält sich zum vorigen wie Calvin zu Shakespeare"

Der Hang zu übermäßigem Tabakkonsum schlug sich auch auf der Ebene marxistischer Theorie nieder. Georg Lukács hat sich an bis zu 20 Zigarren am Tag gütlich getan. Ernst Bloch war passionierter Pfeifenraucher und antwortete als Neunzigjähriger auf die Frage, was er sich weiter noch vom Leben erhoffe: "Dass mir der Tabak auch weiterhin schmecken möge." Überdies hat Bloch mit Walter Benjamin 1928 an einer Serie von medizinisch überwachten Haschisch-Experimenten teilgenommen, dessen Ergebnisse seinerzeit in der "Zeitschrift für Neurologie" veröffentlicht wurden. Bloch gab den Satz "Der heutige Rausch verhält sich zum vorigen wie Calvin zu Shakespeare" zu Protokoll, sprach aber ansonsten eher dem bereitgestellten kalten Buffet zu während Benjamin, das Essensangebot mit den Worten ablehnte: "Nein ich nehme nichts. Selbst wenn Sie sich zu diesem Zweck Jamben vorbinden, werde ich nichts essen."

Auch dem Marxismus kritisch nahe stehende Philosophen wie Jean Paul Sartre haben dem Tabakrauch in praktischer und theoretischer Form ihre Referenz erwiesen. Denn wie (zumindest) jeder (Raucher) weiß, entbehrt die Aufnahme von Nikotin nicht eines befreienden Gefühls und somit eines nahezu utopischen Moments: Mit den angenehmen körperlichen Effekten wie der Senkung des Blutdrucks ist ein Zustand der Entspanntheit verbunden, ein allgemeines Wohlbefinden, welches Gedanken und Gespräche erleichtert und somit über mannigfaltige Vermittlungsschritte mehr oder minder direkt geistige und kulturelle Prozesse befördert.

"In der Gesellschaft der Zukunft wird jedermann Havannas rauchen können"

So ist auch der berühmteste aller marxistischen Künstler, Bertholt Brecht, aber auch z. B sein nicht untalentierter Epigon Heiner Müller, selten ohne Stumpen gesehen worden. Wen sollte es weiter wundern, wenn ein Klassiker der sozialistischen Realismus, das mit dem Dimitroff-Preis 1. Klasse ausgezeichnete neunhundertseitige Opus des bulgarischen Schriftstellers Dimiter Dimow, den Namen "Tabak" trägt? In diesem Sinne ist es auch recht verständlich, wenn der kubanische Dichter Guillermo Cabrera Infante seinem berühmten Roman "Rauchzeichen" das Wort von Herrn Dr. Schütte ("einem früheren Marxisten"), voranstellt: "In der Gesellschaft der Zukunft wird jedermann Havannas rauchen können".

In einem unlängst im Magazin "Rote Fahne" erschienenen Artikel erläutert nun Stephan Steins, der in den Achtziger Jahren das sagenumwobene Lokal "Restaurant Paris Bar" in Berlin mit betrieben hat, seine marxistische Sicht der Dinge, was die aktuelle gesundheitspolitische Entwicklung anbelangt. Der zufolge ist das Rauchverbot in Kneipen und Restaurants, das in nächster Zeit deutschlandweit eingeführt werden soll, auf die "Nichtraucherindustrie", ihre politischen Erfüllungsgehilfen aus den Reihen der Grünen und der Linkspartei, sowie auf den Nichtraucherlobbies hörigen Wissenschaftlern zurückzuführen.

Die Theorie von der "Nichtraucherindustrie"

Die "Nichtraucherindustrie" verfolgt laut Steins das Ziel, die "Kulturgastronomie" zu ruinieren. Sein Gedankengang: Die "Versorgungsgastronomie", die vor allem an einem raschen Verzehr ihrer Speisen und an einer hohen Gästefluktuation interessiert sind, spannt Wissenschaftler (die tendenziöse Expertisen gegen das Passivrauchen verfassen) und willfährige Politiker ein, um mit dem künftigen Rauchverbot den größten Konkurrenten, die "Kulturgastronomie", vom Markt zu fegen.

Die "Kulturgastronomie" nämlich ist noch nicht dem totalen kapitalistischem Verwertungsimperativ unterworfen. Vielmehr bildet sie wegen ihrer Wirte, die "ein kulturelles, spezifisches Angebot" entwickeln und "einem Regisseur gleich ein ihren Ambitionen und Fähigkeiten entsprechendes Statement" definieren

"ähnlich wie die Disziplinen der Kunst und mit diesem korrespondierend Teil des Rückrads gesellschaftlicher Kultur. Im Vordergrund stehen hierbei Kommunikation und sozialer Verkehr der Gäste (...). Diese freie Gastronomie mit ihren vitalen und weitgehend autonomen, unkontrollierbaren Räumen menschlicher Kommunikation, stellen aus der Perspektive staatlicher Herrschaft ein Bedrohungspotenzial dar; die Möglichkeit kollektiver Reflexion kann zur Entwicklung von Keimzellen künstlerischer Initiativen einerseits bis hin zu gesellschaftlichen Prozessen und Widerstand beitragen."

"Faschistiode Ziele"

Was also ist nahe liegender für den Staat, als sich mit der von kulturellen Ambitionen befreiten Versorgungsgastronomie á la McDonalds zusammenzuschließen, dieser mit dem Rauchverbot einen kräftigen Reibach bescheren und damit gleichzeitig die Möglichkeit revolutionärer Zellbildung in Gaststätten zu unterbinden? Allerdings lassen Nichtraucherindustrie und Staat in dem Striplokal "Zur Gesundheitspolitik" sämtliche Hüllen fallen, bis sie nur noch eines tragen: Ihre mächtigen Repressionsorgane:

"Die Absicht (...) der politischen Nichtraucherindustrie trägt faschistoide Ziele: Sie will in das Selbstbestimmungsrecht der Menschen eingreifen und Rauchern verbieten Gaststätten für Raucher zu betreiben."

Tja, wenn man noch dazu in sämtlichen Restaurants den Verzehr von Fleisch verbieten würde, dann wäre das Vierte Reich perfekt. Um diesem verhängnisvollen Fortgang Einhalt zu gebieten, hält der Autor allerdings auch noch ein exzellentes Mittel parat: "Ein landesweiter Streiktag der Gastronomie und daran anschließende Aktionen könnten diese fatale Entwicklung vielleicht noch abwenden."

Wie man sieht, lässt sich mit der großzügigen Verwendung von marxistischen Kategorien und Gedankenversatzstücken einfach alles erklären. Mitunter auch Dinge, bei denen manch einer so gehirngewaschen und unoriginell ist, zu behaupten, dass es sie gar nicht gibt. (Reinhard Jellen)