VideoMedeja

Pop~Event

KünstlerInnentreffen in Novi Sad

"VideoMedeja", das zweite internationale Treffen von Videokünstlern in Ex-Yugoslawien wurde vom 5.-7. Dezember 1997 im Theater von Novi Sad abgehalten. Als ein Festival für Video, Installationen und Performances, vornehmlich von Frauen, wurde VideoMedeja gegenüber 1996 um ein dreitägiges Programm mit internationalen Beiträgen und eine durch Gastkuratoren getroffene Auswahl erweitert. Leider konnten die schon vom Vorjahr bekannten technischen Probleme nicht verbessert werden und auch die Diskussionen mit lokalen Autoren über ihre Arbeit fanden nur ansatzweise statt. Für eines der ersten international besuchten Festivals mit jugoslawischen Arbeiten von Frauen seit Jahren fehlte es vor allem an Sensibilität und Feedback!

VIDEOMEDEJA - ZWEITER NEUANFANG

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Stadtwappen von Novi Sad

Neue Medienkunstinitiativen kämpfen genauso wie auch alle etablierten grossen Festivals mit verschiedensten technischen und organisatorischen Schwierigkeiten, egal wo sie lokalisiert sind. Das 1997 zum zweiten Mal in Novi Sad im sogenannten Restjugoslawien abgehaltene VideoMedeja wird in einem der politisch instabilsten Gebiete von Europa realisiert. Das Festival leidet deutlich unter den Kommunikationsschwierigkeiten, politischen Vorurteilen und internen Führungskämpfen. Mit der Finanzierung durch das Open Society Institute Soros in Novi Sad versuchte man ein ehrgeiziges Programm umzusetzen, für das man eigentlich unterbesetzt und unvorbereitet war, insbesondere auch deswegen, weil so viele Künstler aus aller Welt teilnahmen.

VideoMedeja I hatte sich 1996, dank der Energie des Organisationsteams, allen negativen Vorhersagen zum Trotz zu einem bedeutsamen lokalen Ereignis entwickelt (siehe Bericht vom Vorjahr). Und das obwohl nur wenige Monate vergangen waren, seitdem Wirtschaftssanktionen aufgehoben worden waren. Allabendlich fanden noch Studentenproteste und Demonstrationen statt. Sogar unter diesen Umständen brachte das erste VideoMedeja-Festival eine Auswahl von interessanten Videoarbeiten, die die Tradition der Diskussion und der Präsentation von Medienkunst in Jugoslawien, dieses mal mit einem starken Fokus auf Frauen in Osteuropa, erneuerte.

1997 wurde VideoMedeja mit einem dreitägigen Programm mit vielen aussergewöhnlichen Arbeiten und einer grösseren Anzahl von anwesenden Autoren, Kuratoren und Kritikern aus Ost und West gegenüber dem Vorjahr deutlich erweitert. Die Autoren, wie die Videokünstler äusserten vor allem den Wunsch nach stärkerer öffentlicher Diskussion. Dies geschah leider nie wirklich, nachdem die ' runden Tische ' zu nichts mehr als für kurze Einleitungen und eine schnelle Vorstellung der teilnehmenden Gäste zur Verfügung standen. Meist überlappten sie sich auch mit den laufenden Videovorführungen.

Videostill aus "Conversion Sound-Image/Image-Sound", 1996, von Lilia Dragneva aus Moldavien

Was geschah nun bei VideoMedeja II? Zwar gab es immer noch einen starken Fokus auf mittel- und osteuropäische Arbeiten, aber die Hauptzeit für Videoscreenings wurde an das "Ausland" vergeben, und davon wiederum Arbeiten von Männern, besonders aus Großbritannien und Japan, gewidmet. Die technischen und finanziellen Probleme, die 1996 meistens noch mit wohlwollendem Lächeln übersehen worden waren, wurden 1997 von den Gästen und Künstlern, die auf eine professionelle Präsentation gehofft hatten, nicht mehr so großzügig hingenommen. Obwohl es schon 1996 angekündigt worden war, gab es auch 1997 noch keine Webseite für das Ereignis.

Kathy Rae Huffman wurde als gleichzeitige Insider- und Outsiderin als offizielle Teilnehmerin des Festivals im Katalog angeführt. Sie vermisste aber die intensiven Diskussionen und Programmerklärungen, die im Gegensatz dazu die kurz zuvor abgehaltene Ost-Konferenz Ostranenie im deutschen Dessau zu einem Genuss gemacht hatten (siehe dazu Bericht in Telepolis. Einige Programme, die in Dessau gezeigt worden waren, wurden auch in Novi Sad gespielt, wie die 'Crossing Over'-Auswahl und 'Meeting Points'.

Leider gab es in Novi Sad aber keinerlei Übersetzung, unter anderem auch nicht von englischen Programmen für das Serbisch sprechende Publikum. Gäste versuchten vergeblich Information im Festival-Katalog zu finden, der beim Versuch des Gebrauchs selbst eine Art Performance abverlangte. Trotz aller technischen Probleme, wie fehlendem Ton, abgeschnittenen Credits, wellenförmigen Bildern und störendem Lichteinfall auf der Projektionsleinwand mit jedem zuspätkommenden Besucher, muss man aber zugeben, dass Auswahl und Programm gut getroffen waren und beim Publikum, das begierig darauf war, neue Arbeit zu sehen, überaus herzlich aufgenommen wurden.

Einer der Höhepunkte des Osteuropäischen Festivals war Crossing Over, ein "Mixed Gender Programm", wie es die Organisatoren desselben bezeichnen. Dieses zeigte die Ergebnisse eines 1996-97 von Nina Czegledy in Sofia geleiteten Workshops. Von der Kunsthistorikerin Iliyana Nedkova vom SCCA Sofia in Bulgarien wurde auch das starke Interesse daran verlautbart, einen "Crossing Over" Workshop im Juli 1998 in Novi Sad abzuhalten. Ein von Tania Moguilevskaya ausgewähltes weiteres Programm enthielt bemerkenswerte neue Videoarbeiten aus Moskau, St. Petersburg und Moldova. Enes Zlatar präsentierte eine kleine Auswahl der Ausstellung "Meeting Point", der Jahresausstellung 1997 des SCCA, Soros Center for Contemporary Art, Sarajevo.

Auch Studentenarbeiten und Bildungsprogramme wurden gezeigt. Erika Pasteur, eine Künstlerin aus Budapest zeigte ihre persönliche Arbeit und eine eindrucksvolle Selektion von Videos ihrer Studenten der Ungarischen Hochschule der Angewandten Künste. Sie hatte dort einen Kurs für professionelles Nonlineares Editing, Computergrafik und Videonachbearbeitung mit beachtlichen Ergebnissen abgehalten. Ein Programm des Akademischen Zentrums an der Belgrader Universität und Videos der Filmwerkstatt Novi Sad wurden ebenfalls vor grossem begeistertem Publikum gezeigt.

Die nicht osteuropäische Auswahl umfaßte das dreiteilige Programm 'Maniacs of Dissappearance - todays Japan as Disseminator of Video-Messages', kuratiert von Kazunao Abe, Yukiko Shikata und Christophe Charles. Dieses populäre Programm wurde in Nachtvorführungen gezeigt, und stellte vor allem einem jugendlichem jugoslawischem Publikum neue Bilder und Ideen vor. Ein weiteres intensives Programm, das von Mike Stubbs von Hull Time Based Arts zusammengestellt worden war und eine Auswahl der neuen Arbeiten von London Electronic Arts zeigte, gab einen guten Eindruck vom neuen frechen "Brat" Stil und Inhalt der britischen Videokunst.

Videostill aus "X Y Ungelöst", 1997 von Milica Tomic aus Belgrad

Installationen und Performances wurden gleichwertig als einmalige Ereignisse mit fixem Präsentationstermin behandelt. Überwältigend war die Präsentation der Zweikanalprojektionsarbeit von Milica Tomic "X Y Ungelöst", die übrigens auch schon bei Ostranenie gezeigt worden war. Die Arbeit drehte sich um die Ermordung von 33 jugoslawischen Bürgern albanischer Nationalität im Jahr 1989, die an Protesten im Kosovo teilgenommen hatten und über deren Tod nie in den Medien berichtet wurde. Indem die Künstlerin Filmsprache und Performance dazu benutzte, um zu demonstrieren, wie Verbrechen rekonstruiert werden, ist diese Arbeit ein Beispiel dafür, wie künstlerische Umcodierung die Aufmerksamkeit in Richtung Politik und sozialer Inhalte lenken kann. Diese Videoinstalltion, die für die Ausstellung MURDER (1997) erstellt wurde, ist mit Mitteln des Zentrums für Zeitgenössische Kunst Belgrad finanziert worden.

Feminismus in Macho-Jugoslawien

Die abschließende Diskussion am Sonntagmorgen im Ben Akiba Club in Novi Sad wurde von einem Dutzend Frauen der akademischen Gruppe MultiMedeja, aus der VideoMedeja eigentlich erst entstanden ist, bestritten. Sie formulierten für die Zukunft einen starken Fokus auf den Dialog zwischen professionellen Autorinnen, Künstlerinnen und Wissenschafterinnen. MultiMedeja wurde von Marija Gajicki 1994 als ein Ergebnis des Studienprogramms der Frauen an der Universität Novi Sad als ein Theorieprogramm initiiert. Eine der Diskussionsteilnehmerinnen war Dubravka Duric, Herausgeberin von ProFemina, die eine englische Ausgabe dieses feministischen Magazins für 1998 ankündigte. ProFemina ist ein Journal für schreibende und kulturell aktive Frauen. Es wird in Belgrad, Jugoslawien, in vier Ausgaben pro Jahr von Radio B92 veröffentlicht. Es umfaßt das ausgedehnte Feld der Feminist Writings. Jede Ausgabe ist unterteilt in Kapitel für Poesie und Prosa, sowie wissenschaftliche Untersuchungen und andere Informationen, die zur Frauenforschung relevant sind.

Der Vier-Stunden-Dialog zwischen Künstlerinnen und Vertreterinnen von Theater und Literatur thematisierte das Problem, Genderfragestellungen in der postkommunistischen Ära neu zu formulieren. Die lokale Kunsthistorikerin und Kritikerin Biljana Tomic, Leiterin der Galerie des SKUC, Studentisches Kulturzentrum in Belgrad, meinte, dass wir unser Geschlecht in der Vergangenheit durch die Versprechnungen der Technologie verloren haben. Dubravka Duric, Literatin und Editorin von ProFemina, erklärte, dass im vermännlichten Macho-Jugoslawien, das schon im Kommunismus jegliche Geschlechtsunterschiede verleugnete, das Wort "Feminismus" nun wie ein Schimpfwort gebraucht wird. Duric beschrieb die Thematisierung von Gender und Feminismus in künstlerischen Arbeiten. Diese war bei Videomedeja eigentlich nicht behandelt worden. Hier war es eher um die Konzentration auf die Schönheit des Körpers und allgemeine menschliche Themen gegangen.

Leider fand dieses Treffen erst am letzten Morgen des Festivals in Abwesenheit der Festivalsorganisatoren statt, insbesondere da sich hier die Möglichkeit für wichtige Kontakte zur Formulierung einer kreativen weiblichen Position im heutigen Jugoslawien anbot.

Kontakte:

Media Center (for ProFemina)
Knez Mihailova 25/I
YU-11000 Belgrade, Yugoslavia
Phone: (381) 628-984; fax: 628-767
p-femina@opennet.org www.siicom.com/profemina/pfinfoe.htm

VideoMedeja: Second international video summit
Organized by VideoMedeja / Association "Apostrof"
Executive organizer: Elza Vuletic
Secretary: Vesna Rajcic
Curator and catalogue editor: Vera Kopicl
Publisher: Agency Apostrof

VideoMedeja
Jevrejska 4/I
YU-21000 Novi Sad, Yugoslavia
videomed@fodns.opennet.org
phone/fax: 381 (0)21 621.308 (Kathy Rae Huffman)