Verluste 2022: Ein Jahr der Extreme

Nördlicher Schneeferner im September 2009. Bild: Svíčková / CC-BY-SA-3.0

Steigende Meeresspiegel, versalzene Äcker, schmelzende Gletscher: Erstmals räumten die Industriestaaten in diesem Jahr ihre Schuld für weltweite Klimaschäden ein. Das könnte ein Meilenstein in der Klimadiplomatie sein. (Teil 2 und Schluss).

Es ist gerade einmal 200 Jahre her, da bedeckte Deutschlands größter Gletscher an der Zugspitze noch 300 Hektar – eine Fläche, so groß wie 420 Fußballfelder. Doch dann begann der Klimawandel und mit ihm die große Schmelze; der Schneeferner zerbrach in einen nördlichen und einen südlichen Teil.

Aber auch das hat keinen Bestand, die Schmelze setzte dem Südlichen Schneeferner 2022 derart zu, dass er verschwunden ist. Aufgrund seiner geringen Eisdicke sei am südlichen Schneeferner keine Eisbewegung mehr zu erwarten, teilte die Bayerische Akademie der Wissenschaften mit. Damit ist die Eisfläche nicht länger als Gletscher zu betrachten, statt fünf gibt es nun nur noch vier Gletscher in Deutschland.

An anderen Schauplätzen auf der Welt sorgt die Gletscherschmelze für wesentlich mehr Aufmerksamkeit als hierzulande. Zum Beispiel in Lima: Perus Hauptstadt liegt mit 13 Millimetern Niederschlag pro Quadratmeter und Jahr in einer der trockensten Gegenden der Welt. Zum Vergleich: In der Sahara beträgt der durchschnittliche Niederschlag 45 Millimeter.

Es gibt drei Flüsschen, die das Trinkwasser aus den Anden nach Lima transportieren, den Rio Chillón im Norden, den Río Rímac im Zentrum und den Rio Lurin im Süden. Gespeist werden diese Lebensadern Limas von Andengletschern. Aber die sind wegen der steigenden Temperaturen in spätestens zehn Jahren weg getaut. Stellt sich die Frage: Wie werden die neun Millionen Einwohner Limas dann versorgt?

In der Versicherungswirtschaft werden solche Fragen unter dem Begriff "Loss and Damage" behandelt, übersetzt "Schäden und Verluste". Und in der Debatte um die Folgen der Klimaerhitzung spielen Versicherungsfragen eine zunehmende Rolle.

Steigende Temperaturen lassen Gletscher schmelzen, die Meeresspiegel ansteigen, weshalb Inseln versinken, tief liegende Äcker versalzen. Städte wie Alexandria, Basra oder Bangkok müssen umgesiedelt werden, es muss in Deiche, Bewässerungssysteme, zerstörte Infrastruktur investiert werden.

In Peru haben Durchschnittsmenschen einen klimaverträglichen Ausstoß

Etwa in Pakistan, das in diesem Jahr nach einer verheerenden Monsunsaison Schäden in Höhe von 30 Milliarden Euro zu verkraften hatte. Nach dem Verursacherprinzip stellt sich die Frage: Wer ist schuld an diesen "Schäden und Verlusten"? Wer muss für den verlorenen Gletscher haften?

Peruaner:innen haben einen Pro-Kopf-Ausstoß von 1,3 Tonnen Treibhausgas pro Jahr, 1,5 Tonnen pro Kopf und Mensch gelten als klimaverträglich. Peruaner:innen haben also zum Problem nichts beigetragen, sind aber die Leidtragenden. Die Deutschen waren 2021 dagegen für 11,17 Tonnen pro Jahr und Kopf verantwortlich. Deshalb – so argumentieren die Staaten des globalen Südens – müssen die Verantwortlichen für diese Schäden zahlen, über den Mechanismus Loss and Damage. "Wir können beim Punkt Loss and Damage nicht weiter auf der Bremse stehen", hatte Bundesaußenministerin Annalena Baerbock beim Treffen der sieben größten Wirtschaftsnationen im Frühjahr 2022 erklärt.

Tatsächlich sind die großen Industriestaaten für 81 Prozent aller weltweiten Treibhausgase verantwortlich.

Genau deshalb fürchten die G20 dieses Thema wie der Teufel das Weihwasser: Zahlen sie einmal für einen abgetauten Gletscher, eine untergegangene Insel, könnte das juristisch als Schuldeingeständnis aufgefasst werden und einen Präzedenzfall schaffen. Die Indonesier, die ihre Korallenriffe und damit ihre Lebensgrundlage verlieren, die Bauern im Mekong-Delta, deren Äcker im Meer versinken – ab sofort könnte jeder, der durch den Klimawandel etwas verliert, die Industriestaaten zur Kasse bitten, so ihre Befürchtung.

Und tatsächlich laufen einige Musterklagen, bei denen Vertreter des Südens versuchen, Verantwortliche des Nordens zur Rechenschaft zu ziehen.

Wie genau aber berechnet man aber den Wert eines Inselstaates, zum Beispiel Kiribatis, einer Republik im Pazifik auf 33 Korallenatollen und Hauptinseln, die nur wenige Meter aus dem Meer ragen? Im August 2022 erschien eine Studie des Geologischen Dienstes Dänemarks und Grönlands (GEUS), die nahe legt, dass der Grönländische Eisschild bereits unwiederbringlich schmilzt.

Das ist brisant, denn dieser Eispanzer ist ein Kipp-Element im Weltklimasystem, das – einmal angeschoben – nie wieder gestoppt werden kann. In den Spitzen ist der Eispanzer 3.300 Meter hoch. Wenn er anfängt zu tauen, fällt die Oberfläche nach unten in immer wärmere Schichten. Selbst wenn wir sofort alle Emissionen weltweit stoppen würden – 110.000 Kubikkilometer Eis tauen danach trotzdem mindestens ab und heben den weltweiten Meeresspiegel um mindestens 27 Zentimeter an.

"Das Neue an der Studie: Die Kollegen haben nicht mit Klimamodellen in die Zukunft geschaut, sondern nachgemessen, was sich in den letzten zehn Jahren auf Grönland abgespielt hat", sagt Olaf Eisen, Professor für Glaziologie am Alfred-Wegener-Institut AWI. Demnach schmilzt der Eispanzer doppelt so schnell wie bislang angenommen.

Der Sommer 2012 war besonders warm auf Grönland, Meteorologen gehen davon aus, dass sich durch die Klimaerhitzung derartige Sommer häufen werden. Die GEUS-Forscher haben einen solchen Sommer als Maßstab für die Entwicklung genommen: Bis Ende des Jahrhunderts würden dann 10 Prozent der grönländischen Eisfläche unumkehrbar verloren gehen, der Meeresspiegel um 78 Zentimeter steigen.

Das Grönlandeis ist aber nur ein Grund für den steigenden Meeresspiegel. Mitte des Jahrhunderts werden die Alpen gletscherfrei sein, das geschmolzene Inlandseis wird ähnlich zum Anstieg der Meere beitragen. Dazu kommt die Schmelze in der Antarktis. So viel steht bereits heute fest: Viele, der knapp 120.000 Einwohner Kiribatis, verlieren ihre Heimat.

Verursacherprinzip vor wenigen Wochen eingestanden

Dafür müssen auch wir, die deutschen Verursacher, in Zukunft zahlen: Die Industriestaaten haben im November auf der Weltklimakonferenz COP 27 im ägyptischen Scharm al-Scheich erstmals das Verursacherprinzip eingestanden. Und sie haben der Gründung eines neuen Fonds für Loss and Damage zugestimmt, in den die Industriestaaten einzahlen müssen. Das könnte eine Zeitenwende sein.

Unklar ist freilich noch, wer wie viel in den Fonds einzahlen muss. Das US-Außenministerium erklärte nach dem Beschluss zu Loss and Damage sofort, der Fonds werde sich allein darauf konzentrieren, akut etwas gegen Klimaschäden zu tun, eine juristische Haftung oder Entschädigung bleibe ausgeschlossen.

Und allzu hoffnungsvoll sollten die Staaten des Südens nicht sein, denn der Norden kommt bereits heute seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nach. Die Weltbank hatte 2009 den Bericht "The Economics of Adaptation to Climate Change" vorgelegt, der besagt, dass die Staaten des globalen Südens ab 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar brauchen, um sich an die Folgen der Erderwärmung anzupassen.

Dafür wurde auf der Klimakonferenz COP 16 im mexikanischen Cancún der "Green Climate Fund" gegründet, der Grüne Klimafonds, über den ein Großteil des zugesagten Geldes ausgeschüttet werden soll: 100 Milliarden US-Dollar jedes Jahr.

Nach Angaben der Industrieländerorganisation OECD lagen die Klima-Transfers 2020 aber insgesamt nur bei rund 83,3 Milliarden Dollar. (Nick Reimer)

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