Urbane Utopie eines ölreichen Präsidenten

Vor 10 Jahren hat der kasachische Präsident Nasarbajew mit dem Bau einer neuen Hauptstadt - der "Stadt der Zukunft" - begonnen

Herrscher, die sich für die Ewigkeit im Gedächtnis der Menschen einschreiben und schon bei Lebzeiten mit spektakulären Monumenten Aufmerksamkeit erreichen wollen, gibt es nicht nur in den Emiraten. Was die kapitalistischen Neureichen in meist kleinerem Maßstab machen, scheint nun zu einer fast schon altägyptischen Lust der neureichen Ölherrscher zu werden, die dem absolutistischen Feudalismus nachtrauern oder dem Trieb der Verausgabung frönen. Pyramiden sind daher schwer in Mode. Auch in Kasachstan gibt es einen solchen Herrscher. Zuviel Demokratie fürchten sie allerdings wie ein Dracula den Knoblauch, aber die Künstler und Architekten der freien Länder dienen ebenso gerne den neuen Herren wie die Unternehmer und Investoren.

Die Zentrale von Kazmunaigas in der Hauptstadt Kasachstans

Dass sich die Fürsten von Emiraten wie Dubai (Inselmanie für die Superreichen) oder von Monarchien wie Saudi-Arabien darin gefallen, die höchsten Wolkenkratzer, die größten Siedlungen oder die gewagtesten Bauten in Auftrag zu geben, um damit die Welt zu beeindrucken, ist bekannt. Die Bilder vom Wettlauf zum Größten, Höchsten, Ausgefallensten oder Teuersten in Sachen Urbanität und Architektur sind geläufig (Orientalische Touristen- und Reichengettos). Wirklich um Ästhetik oder Funktionalität geht es nicht, zumindest nicht in erster Linie, eher schon altbiologisch wie in der sexuellen Selektion darum, wer am Auffälligsten ist oder den (das) Größte(n) hat, meist geht beides zusammen.

Nursultan Abischewitsch Nasarbajew, der Monumentalarchitektur zugeneigter Präsident von Kasachstan seit 1991

Auch die neureichen „Fürsten“ der nach dem Zerfall der Sowjetunion (wieder) selbständig gewordenen Länder, die über große Öl- und Gasressourcen verfügen, halten bei der Aufrüstung in Sachen Luxus mit. Am extremsten ist wohl der Schöngeist und Literat Saparmurad Nijasow, der eisern seit 15 Jahren über Turkmenistan herrscht und die Menschen zwar nicht mit Demokratie, wohl aber mit seinen Büchern, seinen allgegenwärtigen Skulpturen und Porträts und zahlreichen Monumenten beglückt. Auch hier gibt es viel Sand wie im Nahen Osten, das scheint zu reizen, kompensativ mit Wasser zu protzen oder der Hitze Schnee- und Eispaläste entgegen zu setzen (Das "Haus der freien Kreativität" in Turkmenistan).

Teil des neuen Astana – die „Stadt der Zukunft“ - am aufgestauten Fluss Ishima

Nicht verwunderlich, wenn sein Kollege aus Kasachstan, auch ein Land mit vielen Bodenschätzen und vor allem Öl und Gas, da nicht hintan stehen will. Die Wirtschaft boomt, Investoren kommen und schließlich hat Kasachstan mit dem Weltraumhafen Baikonur ein wichtiges Pfand. Auch Nursultan Nasarbajew hat die Macht seit 15 Jahren gepachtet und setzt alles daran, dass es auch so bleibt. Oppositionelle werden da nicht nur eingesperrt, sondern schon auch mal Opfer eines Verbrechens.

Bei den letzten Wahlen 2005 hatte Nasarbajew traumhafte 91 Prozent der Stimmen für sich verbuchen können, die Wahlbeobachter von der OSZE äußerten allerdings scharfe Kritik. Die Selbstverherrlichung des autoritären Regimes direkt mit dem Islam verbinden zu wollen, ist freilich in Kasachstan nicht ganz so einfach wie in den Emiraten oder in Turkmenistan, fast die Hälfte der kasachischen Bevölkerung sind Christen – und Christen, gleich ob im angrenzenden Russland oder sonst wo, waren nie frei von Prunksucht, wenn sie sich dies leisten konnten.

Astana mit den noch geplanten architektonischen Prunk- und Aufmerksamkeitsbauten

Nasarbajew hat 1997 die Hauptstadt Kasachstans von Almaty nach Astana („Hauptstadt“) verlegt. Für seine Stadt wurde ein Masterplan von Kisho Kurokawa erstellt, der für den Herrscher damit die angeblichste modernste Stadt mitten in der Steppe ermöglichen wollte – allerdings mit für den Stararchitekten störenden Einflüssen der saudischen BinLadin Group. Seitdem ist die Bevölkerung von 250.000 auf 500.000 angewachsen, sie soll sich in den nächsten Jahren noch verdoppeln.

Das Verkehrsministerium

Der Geist, der in der neuen Hauptstadt herrschen soll, wird durch die Pyramide symbolisiert, die ein anderer Stararchitekt, der Brite Norman Foster, entworfen hat und die im September 2006 nach einer Rekordbauzeit eingeweiht wurde. Sie soll eine Friedenspyramide, ein „Palast des Friedens und der Versöhnung“, sein, weil sie die Form einer vergangenen Kultur übernimmt und so eine religiöse Anspielung auf die Gegenwart vermeidet. Zufällig aber wird wohl nicht sein, dass dem Stararchitekten und dessen Bauherrn die über 60 Meter hohe Pyramide als monumentaler, aber auch toter Ausdruck von Macht imponiert hat. In ihr findet man aber kein Grab wie im geschichtlichen Vorbild, sondern ein modernes Kultur- und Veranstaltungszentrum.

Der „Palast des Friedens und der Versöhnung“ von Foster and Partners

Astana liegt in einer weiten, flachen Steppe und hat lange, kalte Winter, in denen Temperaturen von -30, manchmal auch -40 Grad Celsius nicht ungewöhnlich sind, während im Sommer Temperaturen von +30 oder auch +40 herrschen können. Die neue Stadt erinnert in ihrer Anlage und vor allem in ihrer Architektur an die Fantasien, die auch unter Hitler oder Stalin ausgebrütet wurden, auch wenn durchaus moderne Architektur im Mischmasch ihren Platz findet. Der Präsidentenpalast, den sich der Herrscher mit dem Ölgeld hat errichten lassen, wirkt alles andere als modern. Pompös, verschlossen und massiv, aus Marmor und Granit, 80 Meter hoch und mit einer Grundfläche von 36.000 Quadratmetern. Viele Superprojekte neben den noch im Bau befindlichen hat der Herrscher noch vor, um seine Hauptstadt zu seinem beeindruckenden Erbe zu machen, das dann vielleicht wie die Pyramiden der ägyptischen Gottkönige auch Tausende Jahre später noch die Touristen anlockt.

Das geplante Freizeitprojekt Khan Shatyry von Foster and Partners

Foster, der seine Dienste offenbar gerne dem Herrscher andient, soll nun für eine gewisse Alternative sorgen und darf ein riesiges durchsichtiges Zelt mit einer Höhe von 150 Metern bauen. Das Material soll im Winter das Sonnenlicht aufnehmen, um für Wärme zu sorgen, denn vom Zelt geschützt werden soll auf einer Fläche von 100.000 Quadratmetern eine Freizeit- und Vergnügungsanlage, das Khan Shatyry-Freizeitzentrum, entstehen, mit Straßen, Kanälen, Hügeln, einem tropischen Park mit einem Wasserfall, Bädern, Einkaufszentren, Restaurants, Cafes, Kinos und, natürlich, Golfspielplätzen. Alles das eben in einem angenehmen milden Klima in einer künstlichen Natur, was die Menschen in Astana ansonsten nicht so leicht finden. Brot und Spiele eben. (Florian Rötzer)