Ukraine-Krieg: Vogelperspektive gegen Ameisenperspektive
Screenshot Talkshow Maischberger, Sendung am 14.06.2023
Mediensplitter (26): Die Sicht vom Feldherrenhügel und die Sicht aus dem Schützengraben - Sahra Wagenknecht und Nato-Beraterin Florence Gaub im Duell bei Maischberger. Wie sieht der richtige Umgang mit dem Krieg aus?
Was bringt die sogenannte "Gegenoffensive" der Ukraine? Nicht viel, wenn man Sahra Wagenknecht Glauben schenkt: "Ich glaube nicht, dass es viele Militärs gibt, die ernsthaft glauben, dass diese Offensive große Teile des Donbass zurückerobern kann."
Nur Hohn und Spott hat der Star der Linken für die Kriegsberichterstattung der deutschen Mainstream-Medien übrig. Dort verschwämmen die Perspektiven, es werde Tendenzjournalismus betrieben:
Es kommt ja jetzt fast schon jedes Dorf in die deutschen Nachrichten, das zurückerobert wurde.
Sahra Wagenknecht
"Bachmut, das ist doch Wahnsinn!"
Die tatsächlichen Vorgänge würden aus dem Blickfeld geraten: "Bachmut, das ist doch Wahnsinn!" – man durfte Sahra Wagenknecht ihre Fassungslosigkeit abnehmen.
Mehr Zermürbung geht doch nicht. Der Krieg ist ruinös. Die Ukraine ist doch schon zerstört, der Krieg ist auch für Russland ruinös.
Drei Tage nachdem ihr der Vorstand der eigenen Partei den Stuhl vor die Tür gestellt und nahegelegt hatte, Die Linke zu verlassen, saß Sahra Wagenknecht gestern Abend bei Sandra Maischberger im Talkstudio und hielt sich mit den innerparteilichen Grabenkämpfen nicht lang auf.
Es sollte schließlich um größere Konflikte, um die Ukraine gehen. Und Maischberger hatte Wagenknecht mit Florence Gaub, einer Nato-nahen Politologin, eine passende Antagonistin eingeladen.
Präzise setzte Maischberger ihre Fragen, konzentriert und ernsthaft hielt Wagenknecht dagegen. Nur manchmal rutschte sie in die bekannte Süffisanz: "Ich finde es beeindruckend, wie schnell wieder viele wissen, wie es war", sagte sie zu den Diskussionen über den gesprengten Staudamm. Um dann an die Nord-Stream-Sprengung zu erinnern:
"Deutschland gibt Milliarden dafür aus, die Ukraine zu unterstützen, als Gegenleistung sprengen sie einen Teil unserer Infrastruktur."
"Was wir nicht sehen, sind die Bilder der toten Soldaten, der zerfetzten Körper"
Ansonsten brachte sie nüchtern ihre Argumente vor, versuchte längere Gedankenlinien zu entwickeln: "Ich glaube nicht, dass eine Offensive den Krieg deeskaliert. Eine Offensive befördert eher den Krieg."
Um dann humanitär zu argumentieren:
Ich sehe überhaupt nicht, wieso eine Verlängerung dieses Sterbens jetzt die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass eines Tages das Sterben zu Ende ist. Wie lange soll das dann noch so weitergehen? Wir sehen Bilder von zerstörten Panzern. Was wir nicht sehen, sind die Bilder der toten Soldaten, der zerfetzten Körper. Jeden Tag sterben dort Hunderte von Soldaten. Von beiden Seiten ist es ein völlig sinnloser Abnutzungskrieg.
Sahra Wagenknecht
Wagenknecht verwies darauf, dass die Länder der Südhalbkugel ("China, Brasilien, die Afrikanische Union haben Versuche unternommen, den Krieg zu beenden") sich um Verhandlungen und einen Waffenstillstand bemühen würden. Während der Westen die Ukraine eher ermuntern würde, auf illusorischen Kriegszielen zu beharren. Dabei habe der Westen "natürlich" eine Mitverantwortung, "ohne die westlichen Waffenlieferungen würde das Sterben enden".
Es müsste hingegen deutlich werden, dass der Westen sich einen Friedensschluss wünscht, dass die Rückeroberung der Krim und die Nato-Mitgliedschaft der Ukraine keineswegs Voraussetzungen für einen Friedensschluss seien. "Es geht schon darum, dass wir, am besten, dass auch die Amerikaner deutlich machen: Wir wollen diesen Krieg beenden."
"Manchmal muss es erst richtig hochgehen …"
Die Politikwissenschaftlerin Florence Gaub gab Wagenknecht recht, Russland werde im Westen falsch eingeschätzt. Zugleich variierte sie an dem Abend mehrfach das Argument, Wagenknechts Position sei primär "naiv" und "ein bisschen zu einfach".
Es gehe eben nicht darum, den Krieg zu deeskalieren, sondern darum, den Konflikt zu beenden.
Jeder kennt das, der sich schon mal mit seinem Vater gestritten hat: Manchmal muss es erst richtig hochgehen, bis die andere Seite bereit ist einzuschränken.
Florence Gaub
Statistisch gesehen hätten die erfolgreichsten Friedensverhandlungen dann stattgefunden, "wenn der schwächste Akteur gewisse Erfolge hat". Als Beispiel nannte sie Ägypten im Jom-Kippur-Krieg 1973 und die Bosnier im Jugoslawienkrieg.
Wagenknechts humanitäre Perspektive sei demgegenüber "eine Ameisenperspektive". Man müsse aber "die Vogelperspektive behalten", sagte Daub, ohne die Metapher genauer zu erklären.
Nicht fehlen durfte erwartbar auch das bekannte Argument, es sei "paternalistisch", die Ukraine zu Verhandlungen zu drängen.
Die Ukraine möchte kämpfen.
Florence Gaub
Worauf Wagenknecht dagegenhielt: "Wir haben eine Mitverantwortung. Die jungen Männer, die dort sterben, die entscheiden das doch nicht!"
"Die Polen werden mit Sicherheit nicht aufhören, Waffen zu liefern"
Vor allem geht es jenen, die zu Verhandlungen drängen, genau genommen nicht so sehr darum, die Ukraine in ihrem Handeln zu beeinflussen. Sondern es geht darum, für die eigene Politik bestimmte rote Linien zu definieren und zu halten.
Das wurde deutlich, als Daub auf Wagenknechts Forderung, man solle die Waffenlieferungen stoppen, erwiderte:
Die Polen werden mit Sicherheit nicht aufhören, Waffen zu liefern.
Florence Gaub
Genau das ist der Punkt: Die polnische Regierung tut, was sie für richtig hält und für das Interesse Polens. Vielleicht muss sich der Westen fragen, ob die Osterweiterung der Nato auf das Gebiet einer Nachkriegs-Restukraine wirklich mehr in seinem Interesse liegt als eine Stabilisierung der Nato-Ostflanke durch eine dauerhafte Verständigung mit Russland.
Gerade die von Daub erstrebte Vogelperspektive könnte diesen Schluss ergeben.