Ukraine-Krieg: Russen wollen Cherson räumen

Es sollte laut Putin von Dauer sein: Russland-Karte inklusive Cherson (hervorgehoben). Grafik: Norge17maii / CC-BY-SA-4.0

Die russische Armee zieht sich offiziell aus der einzigen seit Februar eroberten ukrainischen Gebietshauptstadt zurück. Kiew glaubt nicht an einen echten Rückzug. Putin hatte das Gebiet per Annexion Anfang Oktober offiziell russifiziert.

Cherson war kurz nach Beginn der russischen Invasion am 2. März von Moskaus Truppen besetzt worden. Bis heute ist es die einzige ukrainische Gebietshauptstadt, die Russland besetzt hält - Donezk und Lugansk wurden ja schon vor dem Feldzug von prorussischen Separatisten kontrolliert. Noch im Mai erklärte Andrej Turtschak, Generalsekretär der Kreml-Partei Einiges Russland den Bewohnern der Region, "dass Russland für immer hier ist". Putin selbst besiegelte scheinbar solche Aussagen mit der formellen Annexion des Gebietes Anfang Oktober.

Bereits längerfristig ukrainische Angriffe

Zugleich war bereits eine Offensive der Ukrainer im Gange, die Russen zumindest vom westlichen Ufer des Stroms Dnjepr, der durch die Gegend fließt, zu vertreiben. Diese schien lange mit wenig Erfolg gekrönt und ging wesentlich langsamer vorwärts, als etwa der Blitzsieg der Kiewer Truppen am nördlichen Frontabschnitt bei Charkow - dafür aber mit größeren Verlusten.

Doch letztlich schien der ständige ukrainische Angriff die Lage der Russen westlich der Stadt Cherson immer weniger haltbar zu machen. Vor wenigen Tagen tauchten laut der lettischen Online-Zeitung Meduza Argumentationshilfen für russische Medien auf, wie ein Verlust des umkämpften Gebietes den Zuschauern zu vermitteln sei. Eine freie Berichterstattung über das Kriegsgeschehen ist den News-Anbietern dort aufgrund strenger Zensurgesetze nicht mehr möglich und alles wird von oben vorgegeben. Nahezu gleichzeitig wurde eine russische Evakuierung des befreundeten Teils der Zivilbevölkerung abgeschlossen.

Der inszenierte Abzugsdialog in Moskau

Nach diesen Vorboten wirkte das gestrige Treffen zwischen dem russischen Oberbefehlshaber im Ukraine-Krieg, Sergei Surowikin, und Verteidigungsminister Schoigu wie ein einstudiertes Theaterstück. Surowikin schlug vor, die Truppen abzuziehen, offiziell wegen der Gefahr einer Überflutung infolge einer geplanten ukrainischen Staudammsprengung und der möglichen Isolierung der Truppen. Schoigu stimmte zu. Beide gaben sich in der Szene besorgt über drohende Verluste unter russischen Soldaten.

Dies ist eine Sorge, die den Minister und seinen als Hardliner bekannten General sonst nur selten drückt. Erst vor zwei Tagen kursierte die Meldung, dass eine Einheit aus Russisch-Fernost bei einer weitgehend sinn- und erfolglosen Offensive in vier Tagen etwa 300 Soldaten verloren hatte. Auch von ohne entsprechende Ausbildung an die Front versetzten frisch mobilisierten Reservisten gibt es zahlreiche Berichte mit entsprechenden hohen Verlusten.

Kiew glaubt nicht an sofortigen Rückzug

Unglauben gegenüber den russischen Verlautbarungen kommt ausgerechnet aus Kiew. Die Ukrajinskaja Prawda berichtet aus einem Interview mit dem dortigen Verteidigungsminister Kirill Budanow, dass die Russen sich vielmehr auf eine Verteidigung der Stadt Cherson vorbereiten. Die Meldung über einen vollständigen Abzug bezeichnete der Minister als Täuschung.

Der Abzug aus der Stadt wäre bei aller propagandistischen Verpackung durch den Kreml eine weitere schwere Niederlage für die russische Armee. Es wird jedoch in verschiedenen Medien gemutmaßt, dass der russische General Surowikin hier bereits bei seinem Amtsantritt vor einigen Wochen einen taktischen Rückzug aus der Gegend als unvermeidlich ansah. Er setzt bis zu einer immer wieder angedeuteten Winteroffensive der Russen zum Jahreswechsel auf eine defensive Taktik.

Sollten militärische Erfolge für Russland jedoch auch in den nächsten Monaten ausbleiben, könnte sich eine Entwicklung fortsetzen, die sich laut dem Fachportal Re:Russia bereits in aktuellen Umfragen zeigt. Die Unterstützer der Invasion im Nachbarland in der russischen Bevölkerung werden immer weniger an der Zahl und die Sorgen der Russen über den Kriegsverlauf immer größer. (Bernhard Gulka)