Ukraine-Krieg: Infrastruktur als Angriffsziel

Zivile Gebäude und Infrastruktur werden immer wieder getroffen. Foto: National Police of Ukraine / CC-BY-4.0

Vor allem Zivilisten leiden unter den russischen Angriffen auf Energie- und Wasserversorgung sowie Verkehrsinfrastruktur. Zum Einsatz kommen dabei auch iranische Drohnen. Ukrainer greifen weiter russische Grenzregionen an.

Die großen Nachrichten im Verlauf des Ukraine-Krieges handeln in den letzten Wochen, anders als im September, nicht von großen Offensiven und Änderungen des Frontverlaufs. Heute meldete die russische Seite lediglich die Einnahme eines Dorfs in der Region Charkow. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Kampfhandlungen zum Erliegen gekommen sind.

Raketen- und Drohnenangriffe auf Energieversorgung

Zunehmend konzentrieren sich große Meldungen über das Kampfgeschehen auf Bombardements des Hinterlands, bei dem immer vor allem Zivilisten die Leidtragenden sind. So melden heute sechs ukrainische Großstädte Beschuss durch die Russen - Kiew, Charkow, Dnipro, Kriwoy Rot, Nikolajew und Schytomyr. Die Rede war vor allem von Raketen- und Drohnenangriffen. Zum Einsatz kommen dabei auch iranische Drohnen – eine Frage danach wurde jedoch von Kreml-Sprecher Peskow in einem Pressebriefing nicht beantwortet.

Im ukrainischen Nikolajew wurden ein Blumenmarkt und ein Wohnhaus getroffen, wobei es auch einen Toten gab. In Dnipro sowie in Schytomyr brachen die Strom- und Wasserversorgung zusammen, da hier vor allem die Energieinfrastruktur Ziel von Attacken war. Vom Kreml werden derartige Angriffe als Antwort auf die mutmaßlich ukrainische Attacke auf die Krimbrücke am 8. Oktober bezeichnet. Auch in Kiew war eine Energieversorgungsanlage Ziel der russischen Attacke.

Es muss mittlerweile sicher davon ausgegangen werden, dass die russische Seite vorsätzlich versucht, die Energie- und Wasserversorgung an so vielen Orten wie möglich im ukrainischen Hinterland zum Zusammenbruch zu bringen, sowie wichtige Verkehrsknotenpunkte zu zerstören.

Der britische Geheimdienst sieht hierbei vor allem die Energieversorgung als Ziel. Die Energieanlagen als Angriffsschwerpunkte werden vom russischen Verteidigungsministerium als Hauptziele ebenfalls nicht bestritten, diese sogar als "Präzisionsschläge" bezeichnet. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte seine Landsleute vor bevorstehenden großflächigen Strom-, Wasser- und Heizungsausfällen. 30 Prozent der ukrainischen Kraftwerke sind durch die gezielten Attacken mittlerweile zerstört, schrieb Selenskyj auf Twitter.

Auch ukrainische Angriffe auf russische Grenzregionen gehen weiter

Bei der Motivation für den aktuellen Angriffsschwerpunkt der russischen Truppen sind verschiedene Punkte denkbar: Die Auslösung einer neuen Flüchtlingswelle der Ukrainer nach Westen oder eine Überzeugung der aktuell aufgrund jüngster Erfolge nicht verhandlungsbereiten Führung in Kiew. In jedem Fall ist großes menschliches Leid die Folge, das weniger die ukrainische Armee, als die ukrainische Bevölkerung trifft.

Ähnliche Attacken, wenn auch im geringeren Umfang, gibt es jedoch auch von ukrainischer Seite auf die russischen Grenzregionen Belgorod und Kursk. So wurde in Belgorod der Zugverkehr nach dem Beschuss eines Bahnhofs vorübergehend eingestellt. Auch in einem Dorf in der Region Kursk fiel nach einem Angriff der Strom aus. (Bernhard Gulka)