Über das Projekt der Kurzfristigkeit

Richard Sennetts Phänomenologie des flexiblen Menschen und seine Kritik an der Zerstörung des Charakters.

Mittlerweile gibt es genügend Abhandlungen über die Vorteile und Schrecken der Globalisierung. Meistens bleiben sie relativ abstrakt und sind parteiisch, walzen eine vorgefertigte Ideologie aus oder versuchen, sich irgendwie dialektisch durchzumogeln. Gefehlt hat bislang eine Art Phänomenologie des Lebens unter den ambivalenten Bedingungen der Globalisierung. Richard Sennett, ein Meister der soziologischen und kulturgeschichtlichen Prosa, hat sie in seinem Buch endlich auf wirklich beeindruckende Weise vorgelegt.

"Der flexible Mensch" ist, nicht nur weil es am Ausgang dieses Jahrtausends dieses resümiert, ein wahrhaft epochales Werk, das durch seine Sprache, seine partizipierende Beobachtung von Lebensgeschichten, seine mit Erfahrung und Theorie gesättigte Beschreibung und seinen nüchternen, zugleich neugierigen und skeptischen Blick seinesgleichen sucht - und nicht findet. Es ist ein Roman - und auch ein elegischer Abgesang - unseres kurzen Jahrhunderts, wie ihn ein "normaler" Schriftsteller niemals zustandebrächte und der sich wohl nicht zu einem Hollywood-Drehbuch verarbeiten läßt, weil die Geschichten der Menschen nicht mehr zu einer üblichen Story verdichtet werden können. Es gibt keine fremde Macht dort draußen, wie dies die Medien immer wieder komplexitätsreduzierend und spannungsfördernd für die Zuschauer suggerieren, die flexiblen Menschen unserer Zeit haben keine Wahl, als so zu sein und gleichzeitig es nicht anders wollen zu können. Jetzt handeln wir alle so, wie es uns die Spieltheorien, basierend auf der Perspektive des einsamen "rationalen Egoismus" vorgeführt haben. und wie es in die zellularen Automaten, aus denen dereinst das Künstliche Leben entstehen soll, eingegangen ist.

Auf die Familie übertragen bedeuten die Werte einer flexiblen Gesellschaft: bleibe in Bewegung, gehe keine Bindungen ein und bringe keine Opfer.

Richard Sennett

Flexibel zu sein, ist heute im Zeichen des freien, alternativenlosen und globalen Marktes zum Versprechen auf Erfolg und zur Nötigung für alle geworden. Die Medien haben die erforderliche Beweglichkeit und Ortlosigkeit mit Zappen und Surfen zwischen vielen globalen Optionen schon längst zu ihrem Prinzip gemacht. Ungeduld und die permanente Montage der Attraktionen und Abwechslungen, Innovation genannt, sind ihr Gleit- und Verführungsmittel. Die permanente Baustelle des Internet ist zum Ausdruck einer dynamischen, netzförmigen, flachen und zerstreuten Organisationsform geworden, die die Macht der Orte, der Verbindungen und der Traditionen besser als jedes anderes Medium zuvor sprengt, weil es den Freiheitsraum des Individuums, aber auch den der ortlosen, transnationalen Organisationen stärkt.

"Wer braucht mich?" ist eine Frage, die der moderne Kapitalismus völlig zu negieren scheint. Das System strahlt Gleichgültigkeit aus.

Richard Sennett

Wer oder welche Organisation nicht flexibel ist, also beweglich, anpassungsfähig, ohne Kontinuität, mit jederzeit lösbaren Bindungen und permanent auf dem Sprung, erscheint in einer Welt zum Untergang verdammt, die immer schnellebiger wird, in der sich Innovationen überschlagen und in der die Individualisierung, also die Eigenverantwortlichkeit oder das selbstverschuldete Risiko, zur vorherrschenden Münze wurde. Das alles hat natürlich mit dem Markt zu tun: nicht nur mit dem ökonomischen Markt, auf dem man möglichst in aller Freiheit um Ressourcen, Vorteile und Profite konkurriert, sondern auch mit dem marktmäßigen Lebensstil, in dem gemeinschaftliche Verantwortung, Dauer oder Vertrauen nicht mehr viel zählen, zum Ballast werden. Die flexiblen Chamäleons sind, auch wenn sie selbst darunter leiden mögen, die Gewinner in einer Zeit, in der Kurzfristigkeit und Reaktionsgeschwindigkeit dominieren, während die Verwurzelten und auch die Loyalen erpreßbar sind und zu Verlierern werden. Und das sind auch die "Alten", zu denen jetzt schon die über 40jährigen gehören. Gegenüber der Innovation hat die Erfahrung keinen Wert.

Es war eine Gewohnheit des Marxismus, Verwirrung als falsches Bewußtsein darzustellen; in unseren Umständen ist das eine präzise Widerspiegelung der Realität.

Richard Sennett

Flexibilität als neuer moralischer und existentieller Wert bedeutet auch die Aufgabe und Zerstörung von langfristigen Beziehungen und Verpflichtungen, die schnelle Reaktion auf mögliche Chancen, die durchaus sehr ambivalente Freiheit von sozialen Zwängen und die permanente Bedrohung, beim Scheitern alleine das Risiko tragen zu müssen. Zugerechnet wird jede Verantwortung individuell, auch wenn in den komplexen Systemen und Netzen gerade die individuelle Verantwortbarkeit der Ergebnisse von Handlungen immer schwieriger wird. Kein Wunder, daß diese Legierung von Freiheit und Risiko bei den Verlierern, die sich stets selbst der Schuld bezichtigen müssen, weil ja die Erfolgreichen ihr Glück angeblich auch voraussetzungslos der eigenen Anstrengung verdanken, zum anderen Pol der Gemeinschaftlichkeit und der kollektiven Schuldzusprechung mit blutigen Folgen umschlägt.

Die kosmopolitischen, der Globalisierung offenen Gewinner können über solche Dummheiten nur staunen - womöglich bis zu dem Augenblick, in dem sie selbst plötzlich und unverhofft zu Verlierern werden und den Zufall - etwa von Börsen- und Währungsschwankungen - zu verantworten haben, weil jeder vorgeblich nur Opfer dieser einmal entfesselten Maschinerie des globalen Marktes ist. Wenn jeder freiwillig die Verantwortung für alles auf sich nimmt, dann kann es auch nicht mehr zu einer Revolte kommen, höchstens noch zu einem blindwütigen Umsichschlagen oder zu einer Kultur des ungezielten, möglichst spektakulären Anschlags. Das Gegenüber fehlt, das Böse verschwindet ...

Die moderne Kultur des Risikos weist die Eigenheit auf, schon das bloße Versäumen des Wechsels als Zeichen des Mißerfolgs zu bewerten, Stabilität erscheint fast als Lähmung. Das Ziel ist weniger wichtig als der Aufbruch ... Wer sich nicht bewegt, ist draußen.

Richard Sennett

Sennett führt vor, daß sich mit dem flexiblen Kapitalismus und seiner Ideologie des freien Marktes und der flachen, netzförmigen Organisationen die Macht ungreifbar macht, dabei aber keineswegs verschwindet. Das erkennt man auch daran, daß trotz aller ausposaunten Hoffnung auf die kleinen Start-Up-Unternehmen im digitalen und biotechnologischen Zeitalter die wirtschaftlichen Konzentrationsprozesse zunhemen und sich die Kluft zwischen den Reichen und Armen weiter vertieft.

Natürlich will man uns einreden, daß die neuen, von den globalen Netzwerken unterstützen Organisationsformen mit ihrer Dezentralisierung auch die Macht der einzelnen Menschen erweitern, die in schnell wechselnden Teams zusammenarbeiten. Doch das Re-Engineering, das Out-Sourcing und die Teamarbeit sind natürlich nur Mittel zur Steigerung der Arbeitsproduktivität und führen gleichzeitig zur besseren Überwachung und zur Auslagerung der Arbeit, während die Macht formlos und effizient das wechselnde Gefüge auch ohne durchgängige Hierarchie und explizite Autorität im Griff hat. "Konzentration ohne Zentralisierung" nennt Sennett dies, und sie zeigt sich in abhängigen, scheinbar selbständigen, aber vor allem das Risiko tragenden Firmen und in Zeitarbeitern, die von einem Unternehmen je nach Bedarf und ohne Verpflichtungen benutzt und gefeuert werden können.

"Nichts Langfristiges" desorientiert auf lange Sicht jedes Handeln, löst die Bindungen von Vertrauen und Verpflichtung und untergräbt die wichtigsten Elemente der Selbstachtung.

Richard Sennett

Die über die Erfordernisse des Marktes und damit des Berufslebens hinausgehende Verführung des "flexiblen Kapitalismus" besteht vor allem darin, daß Flexibilität etwas Revolutionäres zu sein scheint, daß sie die Emanzipation des Individuums weiterführt, Hierarchien zersetzt und gegen alles Träge, gegen jede Routine und das Verlangen nach Stabilität angeht. Aber Sennett zeigt auf dem Hintergrund des "alten" Nachkriegskapitalismus mit seiner relativen Sicherheit für die Karriere und seinem Wohlstand, daß selbst die Gewinner darunter leiden und zumindest privat, etwa in der Familie und gegenüber den Kindern, noch so etwas wie Verpflichtung, Verläßlichkeit oder Loyalität zu retten suchen. Niemand will mehr in die alte Welt zurückkehren, aber wir sehen auch, daß die Flexibilisierung der Arbeits- und Lebenswelt nicht auf Dauer durchhaltbar ist und die Integration der Menschen in eine Gesellschaft untergräbt.

Sennett schreibt, daß "eine der unbeabsichtigten Folgen des modernen Kapitalismus die Stärkung des Ortes, die Sehnsucht der Menschen nach der Verwurzelung in einer Gemeinde ist. All die emotionalen Bedingungen modernen Arbeitens beleben und verstärken diese Sehnsucht: die Ungewißheiten, der Flexibilität; das Fehlen von Vertrauen und Verpflichtung; die Oberflächlichkeit des Teamworks; und vor allem die allgegenwärtige Drohung, ins Nichts zu fallen, nichts ' aus sich machen zu können, das Scheitern daran, durch Arbeit eine Identität zu erlangen."

Der fest angestellte Soziologie feiert diese Gemeinschaft durch die Schilderung einer Gruppe von ehemals hochdotierten Computerspezialisten, die durch Restrukturierungsmaßnahmen entlassen wurden und wegen ihres "hohen" Alters von 40 und darüber keinen Job mehr fanden. Er schildert die Versuche dieser typischen Angehörigen der Mittelschicht, die sich mit ihren Kenntnissen auf dem sicheren Pfad der Karriere wähnten, mit dem Scheitern zurechtzukommen, indem sie Geschichten erzählen. Früher, in den Zeiten des Aufbruchs, also in den 60er Jahren, hätte man die dabei entstehenden Rechtfertigungen noch als falsches Bewußtsein beschrieben und - im Bewußtsein der Möglichkeit kollektiven Handelns - auf eine andere politische Organisation der Gesellschaft hingewiesen. Aber diese Zeiten sind vorbei. Mit keinem Wort erwähnt der Soziologe noch die Möglichkeit kollektiven oder bewußt gesellschaftsverändernden Handelns und kehrt in die affirmative Psychologie und Anthropologie von Gemeinschaft und Ortsverbundenheit ein. Insofern ist Sennetts Buch nostalgisch und nicht der Zukunft zugewandt.

Wenn denn schon Flexibilität ein unvermeidbares Schicksal ist, das viele Probleme mit sich bringt und möglicherweise zur individuellen und sozialen Zerreißprobe führt, so wäre doch vielleicht nicht ein in Gemeinschaft und Ort umgewandelter Existentialismus die Lösung. Aber wahrscheinlich reicht unsere Phantasie nicht dazu aus, von dieser Bedingung aus zu anderen, lebbaren und "sozialverträglichen" politischen Lösungen zu kommen. Aber vielleicht ist Sennett - und wahrscheinlich auch der Schreiber dieser Zeilen - schon zu alt, um die Chancen der Flexibilität über deren Markt- und Machtkonformität hinaus wahrnehmen zu können. Verläßlichkeit und Langfristigkeit sind denn auch Tugenden, die mit dem Alter und mit Kindern verbunden sind, für die man Verantwortung übernehmen muß. Kinder lassen sich nicht nach der Devise hire and fire bekommen - und im Alter wird man mit größerer Unbeweglichkeit, Unselbständigkeit und Pflegebedürftigkeit konfrontiert. Die Biologie, ansonsten Legitimation der Flexibilität und des freien Marktes, macht einen Strich durch die Rechnung. Vielleicht steht deswegen die Beherrschung und Manipulation der biologischen Prozesse im Vordergrund, und nicht mehr der Eintritt in den Cyberspace, der unseren Körper und seine Begierden nicht auflöst.

Richard Sennett: Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin Verlag. 224 Seiten. (Florian Rötzer)