US-Arbeitsmarkt: Jobless-Recovery

Während die Langzeit-Arbeitslosigkeit dramatisch ansteigt, soll dieses Jahr ein Viertel der US-amerikanischen Kinder unter die Armutsgrenze fallen

Zuerst die gute Nachricht: Im jüngsten Arbeitsmarktbericht der US-Regierung wurde neuerlich ein Rückgang der Neuanmeldungen zur Arbeitslosigkeit gemeldet, was bei einigen Experten als wichtigste Voraussetzung für das Ende einer Rezession gilt. Freilich hatte dieser Indikator bereits im Mai derartige Link auf blogs/8/137403 geschürt, nur um im Folgemonat dann doch wieder anzusteigen.

Darüber hinaus zeichnet der offizielle Arbeitsmarktbericht des Bureau of Labor Statistics ein düsteres Bild, dass kaum auf einen bevorstehenden Aufschwung am Arbeitsmarkt hoffen lässt. So stieg die Zahl der Arbeitslosen außerhalb der Landwirtschaft im August um 466.000 auf 14,9 Millionen an, was zwar um gut ein Drittel weniger war, als im Schnitt des 1. Halbjahres, aber dennoch mit 9,7 Prozent die höchste US-Arbeitslosenquote seit 22 Jahren ergab. Die Gesamtbeschäftigung ist dabei zwar nur um 216.000 Stellen zurückgegangen, allerdings benötigen die USA jeden Monat 127.000 zusätzliche Arbeitsplätze, nur um das Bevölkerungswachstum auszugleichen. Seit dem Ausbruch der Krise im Dezember 2007 gingen damit jedenfalls bereits 6,9 Millionen Jobs verloren.

Immerhin ist die Zahl der Freisetzungen zuletzt quer durch alle Wirtschaftsbereiche etwas zurückgegangen. Aber obwohl die Baukonjunktur im August den Höhepunkt erreicht hat, gingen im Bausektor, wo im 1. Halbjahr im Monatsschnitt rund 100.000 Jobs abgebaut wurden, neuerlich 65.000 Jobs verloren, wobei die Jobverluste – entsprechend dem Vordringen der Krise - sich vom Wohnbau auf Industrie-, Kommerz- und Infrastrukturbauten verlagert haben.

Die produzierende Industrie baute ebenso 65.000 Stellen ab, wobei die Kfz-Industrie, die aufgrund des Cash-for-Clunkers-Programs im Juli noch 31.000 Mitarbeiter neu aufgenommen hatte, im August wieder 15.000 vor die Tür gesetzt hat.

Grafik: Clevelandfed

Wie die Ökonomen Heidi Shierholz und Lawrence Mishel vom Economic Policy Institute feststellen habe die Arbeitslosigkeit damit zwar noch keinen historischen Höchststand erreicht, bei keiner Rezession nach dem 2. Weltkrieg wurde jedoch ein derartig steiler Anstieg beobachtet.

Grafik: EPI

Besondere Sorgen bereitet den EPI-Autoren dass bereits rund ein Drittel der Arbeitslosen länger als ein halbes Jahr arbeitslos ist. Deren Chancen, Arbeit zu finden, schätzen sie zudem als eher gering ein, denn während im Dezember 2007 noch 4,4 Millionen Arbeitsplätze neu geschaffen wurden, waren es im Juli 2009 nur noch 2,2 Millionen, die den Astellenstreichungen gegenüberstanden. Somit entfällt statistisch nun eine offene Arbeitsstelle auf sechs Arbeitssuchende, dreimal mehr als am Anfang der Krise. Insgesamt fallen daher allein im September rund eine halbe Million Langzeitarbeitslose aus der Arbeitslosenversicherung, so dass der Kongress wohl demnächst eine Verlängerung der maximalen Bezugsdauer der Arbeitslosenunterstützung beschließen wird müssen.

Dies kommt mittelbar dann hoffentlich auch einer weiteren Bevölkerungsgruppe zugute, die besonders schwer unter der Krise leidet: die Kinder. So meldet ein aktueller Bericht des Census Bureau dass die Zahl der Kinder, die unter der Armutsgrenze leben, bereits 2008 um einen Prozentpunkt auf 19 Prozent angestiegen ist. Demnach lebten im reichsten Land der Welt im Vorjahr 14,1 Millionen Kinder in Armut. Dieses Jahr dürften es wohl kaum weniger geworden sein. Vielmehr erwartet das Census Bureau dass im Laufe des Jahres bereits ein Viertel der US-amerikanischen Kinder unter die Armutsgrenze fallen wird.

Bemerkenswert ist zudem, dass die offizielle US-Statistik sowohl jene nicht zählt, die zwar einen Job suchen, die Jobsuche aber bereits aufgegeben haben (“marginally attached”), als auch jene, die nur einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen, aber eine Vollzeitstelle suchen (“involuntary part-time workers”). Würden diese Gruppen in die Statistik aufgenommen, ergäbe sich eine Gesamtzahl von immerhin 26,4 Millionen, so dass eine von sechs US-Arbeitskräften (16,8%) aktuell tatsächlich arbeitslos oder unterbeschäftigt ist. Zum Vergleich: In den 1930er Jahren wurde die Arbeitslosigkeit generell nach diesem breiteren Maßstab gemessen und lag ein Jahr nach dem Ausbruch der „Großen Depression“ bei rund 15 Prozent. Erst weitere zwei Jahre später erreicht sie mit 25 Prozent ihr Maximum.

Viele nach wie vor Beschäftigte sind zudem mit Kurzarbeit und unbezahltem Urlaub konfrontiert, die in 17 Prozent der Unternehmen eingeführt wurden. Darüber hinaus haben 20 Prozent der Unternehmen auch die Zahlungen in die staatlich geförderten privaten Pensionspläne eingestellt.

Grafik: EPI

US-Unternehmen profitieren von der angespannten Situation am Arbeitsmarkt

Da die Zahl der insgesamt geleisteten Arbeitsstunden zuletzt stärker gefallen ist als jemals zuvor seit dem 2. Weltkrieg, wurden selbst im relativ produktionsstarken Juli um 8,8 Prozent weniger Arbeitsstunden geleistet bzw. bezahlt, als am Beginn der Krise. Da die Stundenlöhne seither stagnierten und die Wirtschaftsleistung insgesamt deutlich weniger stark zurückgegangen ist, müssten die Unternehmen erheblich von der gestiegenen Arbeitsproduktivität profitiert haben und dürften stattliche Gewinne ausweisen können.

Das im Frühjahr beschlossene Konjunkturprogramm wird den Unternehmen gleichfalls nicht geschadet haben. So dürfte laut den meisten US-Analysten der American Recovery and Reinvestment Act (ARRA) im 2. Quartal für zwei bis drei Prozentpunkte an zusätzlichem Wachstum verantwortlich sein, was laut EPI im 2. Quartal eine halbe bis eine dreiviertel Million Arbeitsplätze erhalten oder geschaffen haben soll.

Bis zum 1. August sind demnach bereits 14 Prozent (114 Mrd. USD) des 787 Mrd. Dollar schweren Konjunkturprogramms ausgegeben worden, wovon 22,5 Milliarden an Bundesstaten, Städte und Gemeinden ausgezahlt wurden, um deren erheblich angestiegene Sozialleistungen finanzieren zu helfen. 27 Milliarden gingen in der Form von Arbeitslosenunterstützung, Essensmarken usw. direkt an Privatpersonen während für Infrastrukturinvestitionen hingegen erst fünf Milliarden Dollar ausgegeben wurden.

Der Löwenanteil entfiel mit 37 Milliarden bisher auf Steuererleichterungen, auf die rund ein Drittel des Gesamtpaketes entfällt. Privatpersonen erhielten davon bisher allerdings nur ein Drittel, hingegen entfielen zwei Drittel auf Unternehmen, wo sie laut EPI jedoch kaum stimulierende Wirkung entfaltet, sondern vor allem die Unternehmensgewinne gefördert haben dürften. Erst im letzten Quartal 2009, wenn sich die Steuererleichterungen auf die Arbeitnehmer konzentrieren, sei laut EPI aus den Steuererleichterungen eine stärkere Wirkung auf die Gesamtnachfrage zu erwarten.

Dann sollten zudem die öffentlichen Investitionen wirksam werden, wobei beispielsweise bereits 16,7 Mrd. Dollar für den Autobahnbau und 3,5 Mrd. für Energieeffizienz- und Klimaschutzinvestitionen konkret zugesagt, aber noch nicht bezahlt wurden. Entsprechend dürfte bei vielen Projekten der Baustart unmittelbar bevor stehen oder bereits erfolgt sein. (Rainer Sommer)