US-Agentur feuert Journalisten: Ups, wir haben fast einen Weltkrieg provoziert!

Raketeneinschlag in Polen: Zwei Tote, eine Entlassung, viele offene Fragen

In dieser Kolumne hatten wir am Dienstag über eine potenziell verheerende Falschmeldung der US-Nachrichtenagentur AP berichtet. Dort war am Dienstagabend der Vorwoche ein russischer Angriff auf das Nato-Gebiet gemeldet worden.

Die AP gab auf Basis der anonymisierten Aussage eines US-Geheimdienstvertreters bekannt, eine Rakete, die im ostpolnischen Grenzgebiet zu Polen eingeschlagen war, sei von der russischen Armee abgefeuert worden. Am Tag darauf war die Fakenews korrigiert worden, nun wurde einer der Verantwortlichen, James LaPorta, gefeuert.

Dabei wirft die Sache grundlegende Fragen auf: Wie konnte eine derart schwerwiegende Nachricht auf Basis nicht belastbarer Quellen veröffentlicht werden? Wie ist das mit dem journalistischen Handwerk vereinbar? Wie mit der Berufsethik?

In sozialen Netzwerken habe sich Panik breitgemacht, schreibt rückblickend Bastian Brauns, der für t-online aus Washington berichtet. Wie zu keinem Zeitpunkt seit der Kuba-Krise habe sich die Welt am Rande einer internationalen und womöglich nuklearen Eskalation befunden.

Und das alles soll der Fehler eines Mitarbeiters gewesen sein? Zumal die AP dessen Arbeit nicht einmal grundsätzlich nicht infrage stellt. In der Korrekturmeldung heißt es:

In früheren Versionen einer am 15. November 2022 veröffentlichten Geschichte berichtete The Associated Press fälschlicherweise auf der Grundlage von Informationen eines hochrangigen amerikanischen Geheimdienstmitarbeiters, der unter der Bedingung der Anonymität sprach, dass russische Raketen nach Polen eingedrungen seien und zwei Menschen getötet hätten. Nachfolgende Berichte zeigten, dass die Raketen in Russland hergestellt und höchstwahrscheinlich von der Ukraine zur Abwehr eines russischen Angriffs abgefeuert wurden.

Die Quelle wird also bestätigt, auch ihre Aussage. LaPorta hat es sich also nicht relotiusmäßig ausgedacht. Er selbst äußerte sich bislang nicht zu den Hintergründen, über die hier auch nicht spekuliert werden soll – zumal auch die Agentur sich in Schweigen hüllt. Sie möchte offenbar vor allem Schaden von sich selbst abwenden.

"Wir überprüfen jeden schweren Fehler, der gemacht wird", sagte AP-Chefredakteurin Julie Pace: "Wir nehmen unsere Standards sehr ernst. Wenn wir unseren Standards nicht gerecht werden, haben wir keine andere Wahl, als Maßnahmen zu ergreifen. Das Vertrauen in die AP und das Vertrauen in unseren Bericht ist von größter Bedeutung."

Wie zuvor erwähnt, da bleiben viele Fragen offen. Denn natürlich wird LaPorta, ein renommierter Rechercheur mit guten Kontakten, die Story nicht eigenmächtig online gestellt haben. Der Ablauf legt nahe, dass die redaktionell Verantwortlichen sie durchgewinkt haben.

Die erste Meldung nämlich trug den Titel: "Russische Angriffe in der Ukraine stürzen das Land ins Dunkel". Erst drei Stunden später hieß es in der zuspitzenden Aktualisierung: "US-Beamter: Russische Raketen dringen in Polen ein und töten zwei Menschen". Eine willkommene Dramatisierung, um Klicks abzugreifen? Eine fehlgeleitete ukrainische Luftabwehrrakete – das klingt natürlich viel dröger.

Durch die Entlassung LaPortas wird das strukturelle Versagen des Medienkonzerns nicht aufgeklärt; es wird geradezu verschleiert. Offenbar nämlich haben in diesem Fall alle Kontrollmechanismen versagt.

Hier scheint eine Mischung aus der allgemein herrschenden perversen Lust an der Eskalation und einer Der-Russe-wird’s-schon-gewesen-sein-Attitüde gewirkt zu haben, die auch andernorts journalistische Standards beschädigt. Aber klar: Im Krieg stirbt die Wahrheit bekanntlich zuerst.

Und die AP hätte fast dafür gesorgt, dass ihr ein paar Millionen Menschen folgen. Gut, dass es nicht so gekommen ist.

(Harald Neuber)

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