Tödlicher ärztlicher Kunstfehler

Ein mexikanisches Mädchen hat den Kampf verloren: zwei Herz-Lungen-Transplantationen innerhalb einer Woche, weil die Ärzte schludrig waren

Es hätte eine Soap Opera werden können. Jésica Santillán, jetzt 17 Jahre alt, und ihre Eltern schmuggelten sich vor drei Jahren über die Grüne Grenze von Guadalajara (Mexiko) nach North Carolina. Inzwischen als Emigranten anerkannt, wurde offensichtlich, dass Vater und Tochter ärztlicher Hilfe bedürfen: der Vater wegen einer Herzmuskelerkrankung (Kardiomypathie), die ohne Herztransplantation vorzeitig zum Tode führen wird, und die Tochter mit ihren lebhaften großen Augen und ihrem kindlichem Körperbau durch eine angeborene Deformation ebenfalls am Herzen morbid.

Ein Zeitungsartikel, der beschrieb, dass die Familie in einem fensterlosen Wohnwagen haust, berührte Mack Mahoney, einen 55jährigen Bauunternehmer aus Texas und machte ihn zum Samariter, der bis hin zur Webseite Jésica's Hope Chest vieles unternahm, um das Mädchen auf die Liste der Transplantationsbedürftigen für den Ersatz von Herz und Lungen zu bringen und für die Operation das nötige Geld zusammenzutragen.

Heute empfindet Mack Mahoney, als wäre seine eigene Tochter gestorben. "Es ist entsetzlich," schluchzt er, "der kleine Körper hat mehr durchgemacht als erträglich ist."

Ein offensichtlicher Fehler. Gibt es nicht genügend Filme, in denen wir miterleben, wie fieberhaft nach einem Blutspender mit der richtigen Blutgruppe gesucht wird? Lange vor den Transplantationen war bekannt, dass sich die Blutgruppen A, B, AB und 0 keineswegs friedlich zueinander verhalten. Verwechslungen waren dennoch keine Seltenheit. In Deutschland haben schon vor Jahren die Gerichte die Notbremse gezogen. Der Arzt muss vor der Bluttransfusion Flasche für Flasche durch den unmittelbaren Vergleich von Spender- und Empfängerblut trotz der vorangegangenen Labortests noch einmal auf Verträglichkeit (Kompatibilität) prüfen.

Die Ärzte am Duke University Hospital weisen den Vorwurf des ärztlichen Kunstfehlers zurück. "Wir wissen nicht, wo sich der Fehler eingeschlichen hat," erklärt William Fulkerson, der ärztliche Leiter mit bedrückter Miene. "Ich und unser Chirurg James Jaggers sind erschüttert." Das United Network for Organ Sharing, die staatlich finanzierte Agentur für Organtransplantationen, ist sich ebenfalls keiner Schuld bewusst. Üblicherweise werden die anfallenden Organe mit den potentiellen Empfängerlisten verglichen. Rechts stehen Qualitätsmerkmale, Blutgruppe, sowie weitere immunologische Informationen. Links die Liste der potentiellen Empfänger mit denselben Kriterien, dazu Schweregrad des Krankseins, Aufenthaltsort, u.a.. "Als am 7. Februar Herz und Lungen verfügbar wurden, war Jésica Santillán wegen ihrer Blutgruppe 0 zum Transplantat inkompatibel," erklärte kürzlich Anne Paschke vom United Network for Organ Sharing, "wir verstehen nicht, warum sie die Organe erhielt." Die Carolina Donor Services, als letzter Zuträger, haben "unmissverständlich die Blutgruppenzugehörigkeit ans Krankenhaus weitergegeben," sagt Jane Corrado, die Sprecherin der Organisation. Als Antwort auf ein Untersuchungsteam, das den Vorfall nun aufklären soll, schreiben der ärztliche Direktor und der leitende Chirurg vom Duke University Hospital in einem Brief an das United Network for Organ Sharing: "Der kritische Fehler entstand durch die positive Zuordnung der ABO Kompatibilität zwischen Empfänger und Spender." Fassungslos macht die Erkenntnis: irgendwo müssen sich die Informationen gekreuzt haben.

Und so geschah, was kommen musste: die Abstoßungsreaktion, der Aufschrei von Mack Mahoney, der einen ärztlichen Kunstfehler witterte und ihn überhaupt erst ins Gespräch brachte, dann unter den Schlagzeilen der Presse die hektische Suche nach einem neuen Transplantat, und jetzt: zweite Operation geglückt, aber keine Hirntätigkeit mehr bei Jésica Santillán. Am Samstag wurden die Maschinen abgestellt.

Aus der Traum. In diesem Fall ein Medienereignis. Eines von knapp 100.000 ärztlichen Kunstfehlern, die jährlich in der USA auftreten und von Ärzten und Pflegepersonal zumeist verheimlicht oder den Angehörigen als unabwendbarer schicksalhafter Verlauf vorgegaukelt werden.

Bei Jésica Santillán kommen betrüblicherweise zwei Aspekte zusammen.

Zum einen geht es um die Transplantation mit dem chronischen Mangel an Spenderorganen. Im vergangenen Jahr suchte jeder zweite Kranke vergeblich nach einem gesunden Organ. Aus dem Missverhältnis zwischen Nachfrage und Angebot folgt die stille Regel: Falls das Organ abgestoßen wird, gibt es keinen Ersatz. So sehr man die Entscheidung der Ärzte, nachzubessern, verstehen kann, haben sie allerdings zugunsten der gesundheitlich bereits erheblich angeschlagenen Jésica Santillán gegen diese Regel verstoßen. Die Entscheidung ist das Todesurteil für einen zweiten unbekannten Menschen. Ihm oder ihr fehlt das schwierig zu erhaltende Organensemble, um im operablen Zustand überhaupt noch transplantiert werden zu können.

Der zweite Aspekt ist der ärztliche Kunstfehler. Jeder der betroffenen Ärzte weiß um die Bedeutung der richtigen Blutgruppe. Nachlässigkeit oder Schludrigkeit sind der vermeidbare Grund der Misere. Wir wissen, dass Ärzte auch nur Menschen sind, gelegentlich mit schlechter Laune, übermüdet, oberflächlich oder in Gedanken mit anderem beschäftigt. Hinzu kommen die Missverständnisse, die kein Team ausspart: der eine nimmt stillschweigend an, dass der andere es schon gerichtet hat. Was hat gefehlt? Die Qualitätskontrolle und konkret die Checkliste, wie sie jeder Pilot abhaken muss, bevor er sein Flugzeug überhaupt in Bewegung setzen darf. Statt dessen hat der Transplantationschirurg James Jaggers seine Hände gewaschen und sich dem aktuellen Tun zugewandt, weil ihm zugeraunt wurde, es sei alles in Ordnung.

Könnte so etwas auch in Deutschland passieren? Dazu müsste man Gerichtsurteile durchsuchen. Über ärztliche Kunstfehler wird der Mantel des Schweigens gedeckt und viel zurecht gezupft, damit es nicht an die Öffentlichkeit dringt. Gleichwohl nimmt die Zahl der gerichtlichen Auseinandersetzungen um ärztliche Kunstfehler seit geraumer Zeit geradezu sprunghaft zu. In den USA sorgte vor drei Jahren eine gründlich recherchierte Monographie für Aufsehen: "To Err Is Human: Building a Safer Health System", heißt die Dokumentation vom Committee on Quality of Health Care (vgl.Der Arzt als Quelle des Krankseins) .

Die Autoren folgern, dass an den US Kliniken jährlich so viele Menschen an ärztlichem Missmanagement versterben wie durch Verkehrsunfälle, Brustkrebs und Aids zusammengenommen. Die erschreckende Erkenntnis ließ den damaligen US Präsidenten Clinton eine Sonderkommission bilden. Seitdem steht das Thema regelmäßig auf der Tagungsordnung des amerikanischen Kongresses, während das staatliche Gesundheitswesen intensiv um Schadensbegrenzung bemüht ist. Deutschland hingegen hält sich an die drei weisen Affen: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. (Cecilia Schreiber)