Todestanz eines Galaxien-Quartetts

Hubble fotografiert intergalaktische Katastrophe in spe - In mehreren Milliarden Jahren verschmelzen vier Galaxien zu einer elliptischen Welteninsel

190 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt bahnt sich eine intergalaktische und stellare Massenkarambolage ungeahnten Ausmaßes an. Vier Galaxien liefern sich förmlich einen im wahrsten Sinne des Wortes auf- und zerreibenden Todeskampf. Dass der Crash unvermeidlich ist, der lautlos über die kosmische Bühne geht und erst in Milliarden Jahren seinen Showdown hat, dokumentiert ein unlängst vom Hubble-Weltraumteleskop eingefangenes Bild auf ausdrucksstarke Weise.

Einmal mehr ist das Weltraumteleskop Hubble Augenzeuge eines ungewöhnlichen kosmischen Schauspiels geworden, das sich vor langer Zeit in den Tiefen des Kosmos einmal dergestalt zugetragen hat, wie es das orbitale NASA-Fernrohr kürzlich eingefangen hat. Auf dem eindrucksvollen Bild präsentiert sich eine Gruppe von Galaxien, die Astronomen gemeinhin als Seyfert's Sextet (HCG 79, NGC 6027) bezeichnen und auch entsprechend klassifiziert haben.

Intergalaktische Katastrophe vorprogrammiert

Benannt ist die Galaxiengruppe nach ihrem Entdecker, dem US-Astronomen Carl K. Seyfert (1911-1960), der die Zusammenballung in dem späten 40zigern erstmals beobachtete. Den langsamen Tanz, den die von der Erde zirka 190 Millionen Lichtjahre (58 Megaparsecs) entfernten Exo-Milchstrassen scheinbar zelebrieren, darf man getrost als Todestanz bezeichnen, kann doch die sich anbahnende intergalaktische Katastrophe durch nichts mehr aufgehalten werden.

Mittlerweile liegen die im Sternbild Serpens ("Schlange") eingebetteten Galaxien so dicht beieinander, dass infolge ihrer gegenseitigen Schwerkraft schon viele Sterne förmlich aus ihrem Umfeld weg gerissen und etliche davon in ihrer Struktur bereits zerstört wurden. In einigen Milliarden Jahren werden die gewaltigen Gravitationskräfte der Galaxien sogar dafür sorgen, dass sich das Welteninseln-Quartett zu einer einzigen vereinen und dabei vielen Sterne ein stellares Desaster bescheren wird.

Zwar suggeriert der Name der Galaxiengruppe Seyfert's "Sextet", dass an dem Geschehen sechs Galaxien beteiligt sind. Aber in Wahrheit handelt es sich nur um vier kosmische Materie-Oasen, die in fernster Zukunft miteinander und ineinander zu einer weitaus größeren "Exo-Milchstrasse" verschmelzen werden. So gehört die in der Bildmitte befindliche gut erkennbare Spiralgalaxie, die fünf Mal weiter von der Erde entfernt ist als die anderen Galaxien, beispielsweise nicht zum "Quartett". Dass sich dieses Gebilde förmlich in den Mittelpunkt drängt und eine derart zentrale Position einnimmt, ist nur auf einem optischen Zufall zurückzuführen. Was im Übrigen unten rechts auf dem Bild abgelichtet ist, ist keine Galaxie, sondern bloß ein so genannter Gezeitenarm, der von einer der anderen Galaxien losgelöst wurde.

Quellen intensiver Radiostrahlung

Ein Blick auf das am 26. Juni 2000 mit der Hubble-Wide-Field-and-Planetary-Camera-2 (WFPC) mit einer Belichtungszeit von 4,1 Stunden aufgenommene Bild lässt erahnen, welche enormen Auswirkungen die Gravitationskräfte zwischen den Galaxien haben. Nicht nur einzelne Sterne geraten wie Spielbälle zwischen den "Fronten" der Galaxien und werden aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen, sondern auch das gesamte Erscheinungsbild der Galaxien respektive deren Struktur verändert sich deutlich - wie beispielsweise die Halos aus Sternen rund um die elliptische Galaxie in der Bildmitte und die beiden Spiralgalaxien im unteren Bildbereich verdeutlichen, wovon die Spiralgalaxie im oberen Bildbereich Weit gehend verschont zu sein scheint.

Nach Carl K. Seyfert sind im übrigen auch jene Arten von aktiven Galaxien benannt worden, die vorwiegend spiralförmig sind, einen sehr hellen, optisch nicht aufgelösten, nahezu sternförmigen Kern aufweisen und aus dessen Umgebung Astronomen Strahlung mit hoch angeregten breiten Emissionslinien empfangen. Hauptsächlich emittiert dieser Galaxientyp, der im All in zwei Unterarten sein Dasein fristet und etwa zehn Prozent aller Galaxien im Kosmos ausmacht (von dem bis dato einige Tausend bekannt sind) sehr stark im ultravioletten und infraroten Spektralbereich. Aufgrund der intensiven Radiostrahlung, die diese Gebilde abgeben, vermuten die Astronomen im Zentrum solcher Objekte supermassive Schwarze Löcher, die in ihrer Intensität nur noch von Quasaren (vgl.Das Universum ist vielleicht viel älter als 15 Milliarden Jahre) übertroffen werden.

Relativ kleines Quartett

Während bei anderen Galaxienkollisionen stets hell leuchtende blaue Regionen mit jungen Sternhaufen auszumachen sind, was damit zusammenhängt, dass infolge solcher Kollisionen oft heftige Sternentstehungsausbrüche entstehen, konnten die Astronomen diesen Vorgang beim Seyfert's Sextett bislang nicht beobachten. Dies könnte nach Ansicht der Forscher daher resultieren, dass der heutige Beobachter das "historische" Abbild des Seyfert's Sextetts zu einem Zeitpunkt sieht, als der Sternentstehungsausbruch noch kurz bevorstand. In ferner Zukunft wird das Bild ohnehin ein anderes sein: spätestens in mehreren Milliarden Jahren, wenn alle vier Galaxien zu einer neuen elliptischen Galaxie verschmolzen sind.

HCG 79/NGC 6027 hat insgesamt gesehen "nur" einen Durchmesser von lediglich 100.000 Lichtjahren, wobei jede der abgelichteten vier relevanten Galaxien einen Durchmesser von immerhin noch 35.000 Lichtjahren aufweist. Zum Vergleich: Unsere Milchstrasse kann mit einem Durchmesser von 100.000 Lichtjahren aufwarten, zählt damit aber beim weitem noch nicht zu den größten Galaxien im Universum. Die größte, die im New General Catalogue unter der Katalognummer NGC 262 verzeichnet ist, besitzt gar einen Durchmesser von 1,3 Millionen Lichtjahren.

Seyfert's Sextet eignet sich auch gut als Desktop-Hintergrund. Verschiedene Auflösungen des Bildes siehe (Harald Zaun)