Tim Schafer im Blutrausch des Heavy Metal

Alle Bilder: EA

Brütal Legend ist erschienen - und durchgespielt

Sie wollten sich schon immer mal in einer Welt herumtreiben, die aussieht wie alle 1980er Heavy Metal Plattencover zusammengerechnet? Diesen von zähnefletschenden Monstern, nietenbehängten Kriegern und schutzbedürftigen, aber gutgebauten, oder aber bösartigen und ebenso gutgebauten Weibern1 besiedelten Höllenpfuhl durchqueren, zu aus dem virtuellen Autoradio erschallenden Klassikern wie Children Of The Grave, Angel Witch oder Leather Rebel? Morgensternschwingenden Orks mit Gitarrensolos das Fürchten lehren? Sich von Ozzy Osbourne persönlich die Karre aufmotzen lassen? Oder einfach nur das neue Werk von Tim Schafer, dem Schöpfer von Klassikern wie Day Of The Tentacle oder Grim Fandango spielen?

Dann heißt die Antwort Brütal Legend - gleichzeitig ein Tribut an die langlebigste musikalische Subkultur schlechthin und ein blutiges Hack 'n' Slay-Abenteuer mit Einflüssen aus dem Strategiegenre. Selbst Guitar Hero hinterließ seine Spuren und auch Autorennen werden ausgetragen.

Da in diversen Sekundärmissionen auch noch in Ego-Perspektive geballert werden darf und das ganze in einer offenen Spielwelt a la GTA 4 oder Just Cause vonstatten geht, bleibt kaum ein aktuelles Genre unberücksichtigt. Dies könnte Schafers Reaktion auf die bisherige Aufnahme seiner früheren Werke sein, die von der Kritik meist überschwänglich gefeiert wurden, die erwarteten Verkaufszahlen jedoch nicht erreichten.

Dieses Crossover-Konzept birgt natürlich das Risiko, dass statt dem angestrebten Massenerfolg nur ein unerquicklicher Bastard entsteht, der zwar alles anbietet, aber nichts davon in befriedigender Qualität umsetzt. Es ist wohl Schafers langjähriger Erfahrung zu danken, dass dieses gefährliche Unterfangen auf ganzer Linie gelungen ist. Trotz der diversen Zutaten wirkt das Spiel wie aus einem Guss. Die Grafik versucht nicht, wie etwa in aktuellen Ego-Shootern üblich, eine möglichst perfekte Wiedergabe der Realität zu schaffen, sondern orientiert sich am comicartigen Stil der entsprechenden Plattenhüllen- oder T-Shirt-Designs.

Auf berauschende optische Effekte wird man hier also nicht treffen, die kreativ genutzte Reduktion ermöglicht dafür aber eine riesige, detaillierte Spielwelt, die komplett ohne Ladepausen bereist werden kann. Nur während der Kampagne (die man je nach Vorliebe am Stück oder von Sekundärmissionen und Spazierfahrten unterbrochen spielen kann) muss man gelegentlich eine (allerdings nur wenige Sekunden andauernde) Ladezeit erdulden.

Die Handlung der Solokampagne besteht amüsanterweise darin, dass Roadie Eddie eine Armee gründet, mit der er den ganzen Landstrich von abweichenden oder konkurrierenden Subkulturen wie Haarspray Rock oder Gothic säubern will. Das macht Spaß, vor allem weil es dabei nicht nur sehr blutrüstig, sondern auch ziemlich skurril zugeht. Natürlich könnte man den Goth Zombies ganz simpel mit der Streitaxt zu Leibe rücken, viel effektiver und lustiger ist es allerdings, dem eitlen Volk mit einem jaulenden Gitarrensolo das Gesicht zu verbrennen. Brütal Legend ist voll von diesem schrägem Humor, der darin gipfelt, dass ausgerechnet Lemmy Kilmister für die Gesundheit der Truppen zuständig ist.

Leider endet die Kampagne recht überraschend, noch bevor man mit Ravern, Coldplay-Fans oder Hip Hoppern aufgeräumt hat - für die meisten Metaller sicher naheliegendere Feindbilder als ausgerechnet die Gothics. Zumindest der weibliche Anteil dieser Szene erfreut sich in Headbanger-Kreisen ja traditionell großer Beliebtheit.

Die Auswahl der aus der virtuellen Auto-Stereoanlage erklingenden Metal-Tracks, die trotz einiger eher überflüssiger Modernismen ein gutes Bild der im klassischen Heavy Metal durchaus anzutreffenden musikalischen Vielfalt präsentiert, zeigt, dass Tim Schafer das Spiel offenbar nicht nur aus kommerziellem Kalkül dem Metal gewidmet hat. Wer Budgie, Riot oder Ostrogoth noch kennt, befasst sich definitiv nicht erst seit dem Beginn der Spieleproduktion mit der lautesten Rockmusik-Variante.

In-Game-Charts

  1. Black Sabbath - Children Of The Grave
  2. Angel Witch - Angel Witch
  3. Metal Church - Metal Church
  4. Budgie - Breadfan
  5. Motörhead - (We Are) The Road Crew
  6. Diamond Head - Am I Evil
  7. Savatage - Hall Of The Mountain King
  8. Ozzy Osbourne - Mr. Crowley
  9. Ostrogoth - Queen Of Desire
  10. Judas Priest - Painkiller

(Claus Jahnel)