The Infiltrator: Geldwäsche für den guten Zweck
© Broad Green Pictures
"I just love this shit!" - Die wahre Geschichte vom FBI-Mann, der für den berüchtigten Drogenbaron Pablo Escobar Millionen wusch
Seit dem Skandal um die Panama Papers (vgl. Die Entschlüsselung der Panama Papers) ist das gleichnamige Steuerparadies in aller Munde als ein Ort, an dem im ganz großen Stil äußerst zwielichte Geschäfte abgewickelt werden. Aber nicht erst seit den Machenschaften der ominösen Anwaltskanzlei Mossack Fonseca und deren florierendem Geschäft mit Scheinfirmen ist Panama ein Ort, den auch Kriminelle besonders zu schätzen wissen.
Bereits der berüchtigte kolumbianische Drogenbaron Pablo Escobar hatte Millionen in dem kleinen Staat in Mittelamerika waschen lassen. Dieser hatte hierfür auch einen stark erhöhten Bedarf: Immerhin soll Escobar mit dem Schmuggel von Kokain in die USA zu Hochzeiten 1,5 Millionen Dollar am Tag verdient haben. So war Escobar 1989 laut dem Forbes Magazine mit einem Vermögen von 2,7 Milliarden Dollar der siebtreichste Mann der Erde, der zu dieser Zeit 80 Prozent des internationalen Kokainmarktes kontrollierte.
Das Drogenkartell als Geldwäscher infiltriert
Jetzt erzählt der US-Regisseur Brad Furman die auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte von dem FBI-Agenten Robert "Bob" Mazur (Bryan Cranston). Dieser dringt 1986 tief in Pablo Escobars Drogenkartell ein, indem er in die Rolle des aalglatten Geschäftsmannes Bob Musella schlüpft, der zu einem der wichtigsten Geldwäscher des skrupellosen kolumbianischen Drogenrings wird.
Zu diesem Zwecke tut sich Mazur mit dem straßenerfahrenen Agenten Emir Abreu (John Leguizamo) und der noch unerfahrenen Agentin Kathy Ertz (Diane Kruger) zusammen, wobei Letztere die Rolle von Bobs Verlobter spielt. Auf diese Weise gelingt es Mazur mit der Zeit, sich mit dem hochrangigen Escobar-Vertrauten Roberto Alcaino (Benjamin Bratt) anzufreunden und immer näher an Escobar selbst heranzukommen.
Dies ist ein höchst gefährliches Unterfangen, bei dem schon der geringste Fehler tödliche Konsequenzen haben kann. Doch Mazur gelingt es, so umfangreiches Beweismaterial zusammenzustellen, dass auf dessen Grundlage schließlich über 100 Drogenbarone und korrupte Banker verurteilt werden. Ebenso führen seine Untersuchungen zum Zusammenbruch der in Panama ansässigen Bank of Credit and Commerce International - der damals siebtgrößten Privatbank der Welt.
Der beste Drogenthriller der letzten Jahre
Filme über den Kokainschmuggel und über Pablo Escobar gibt es mittlerweile wie Sand am kolumbianischen Meer. So war der legendäre Drogenbaron zuletzt in Andrea Di Stefanos Thriller "Paradise Lost: Escobar" (2014) auf der großen Leinwand zu sehen und auch die beiden ersten Staffeln der 2015 angelaufenen Netflix-Serie "Narcos" basieren auf dem Leben des kolumbianischen Kokainkönigs. Doch The Infiltrator sticht deutlich aus der Masse heraus und ist der beste Drogenthriller der letzten Jahre.
Das Thrillerdrama vereint eine sehr spannende auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte mit einer für einen Genrefilm ungewöhnlich tiefen charakterlichen Ausleuchtung und besitzt zudem ein großes Plus in Form seiner ganz besonderen Atmosphäre, die mit dem gelungen eingefangenen Zeitkolorit der 1980er Jahre nur unzureichend beschrieben ist.
Einen solchen Film hätte man von Brad Furman nicht unbedingt erwartet. Zwar war dessen auf einem Roman von Michael Connelly basierender Anwaltsthriller "Der Mandant" (2011) ebenfalls ein Genrefilm mit starken Charakteren, aber von der Tiefe und der besonderen Patina von "The Infiltrator" war der Film weit entfernt. Richtig schlimm war zudem Furmans letzter Film: der sowohl ästhetisch, als auch von der inhaltlichen Flachheit her an einen Werbeclip erinnernde Zockerthriller "Runner Runner" (2013).
Unter der Oberfläche liegt ein tiefes Charakterdrama
Doch während sich die Wahl des Regisseurs für diese Verfilmung eines Buchs von Robert Mazur unverhofft als ein wahrer Glücksgriff entpuppt hat, sind die Hauptdarsteller in "The Infiltrator" von vornherein ideal besetzt: Der Undercoveragent Bob Mazur wird von dem Charakterdarsteller Bryan Cranston verkörpert. Dieser ist am besten bekannt als der krebskranke Chemiker Walter White aus der Kult-TV-Serie "Breaking Bad" (2008-2013), der zur Versorgung seiner Familie nach seinem Tode, in seinem heimischen Labor wie ein Wilder Drogen zusammenköchelt und verkauft.
Ihm ist in "The Infiltrator" der selbst in Kolumbien geborene John Leguizamo in der Rolle des umtriebigen Undercoveragenten Emir Abreu zur Seite gestellt. Leguizamo wiederum ist jedem genreaffinen Cinephilen unvergesslich seit seiner Rolle als der Dandy-Mafioso Benny Blanco in Brian De Palmas Latino-Mafiafilm-Klassiker "Carlito’s Way" (1993). Diese Rollen haben sich tief ins filmische Gedächtnis des kundigen Zuschauers eingebrannt und schwingen in "The Infiltrator" mehr als nur unterschwellig mit. Deshalb nimmt man den beiden FBI-Agenten die Nähe zu dem von ihnen infiltrierten Milieu jederzeit ab.
Dies ist die Grundlage für das ausgezeichnete Funktionieren der zweiten Ebene des Films. Denn unter dem gekonnt mit bekannten Genreversatzstücken jonglierenden Gangsterfilm verbirgt sich eine Tiefenschicht, in der sich zermürbende innere Konflikte abspielet: Zwar geht Emir Abreu über weite Strecken eher unreflektiert an seinen Job heran und unterscheidet sich in seinen Methoden oftmals kaum von den kolumbianischen Koks-Killern. Doch Bob Mazur befindet sich permanent in großen Loyalitätskonflikten - zuerst mit seiner Familie und später zusätzlich mit den von ihm Infiltrierten. Mit diesen Konflikten verbunden ist Bobs Ringen mit seiner eigenen Identität.
Über allem schwebt wie ein Damoklesschwert Pablo Escobar
Anders als zuletzt in "Paradise Lost: Escobar", in dem Benicio Del Toro in der Rolle des charismatischen Ungeheuers Pablo Escobar glänzte, taucht der kolumbianische Kokainbaron in "The Infiltrator" gar nicht persönlich auf. Doch in Brad Furmans Film machen einzelne Details, wie die Zusendung eines in Blut getränkten Minisargs, unmissverständlich klar, dass mit dem obersten Boss in Kolumbien keineswegs zu spaßen ist. So hängt dessen unheilvolle Präsenz ständig wie ein Damoklesschwert über den gefährlichen Operationen der wagemutigen FBI-Undercoveragenten.
Dies funktioniert, weil Escobar längst ein Mythos der Unterwelt ist, dessen Bekanntheit heute fast an die des berüchtigten Mafioso Al Capone heranreicht. Auch der einstige Boss der Chicagoer Italo-Mafia ist längst zu einem Phänomen der Popkultur avanciert und aus einer Vielzahl von Filmen bekannt. Zudem gilt Al Capone als der Erfinder der Geldwäsche im zweifachen Sinne: Seine Einnahmen aus illegalen Aktivitäten wusch Capone bevorzugt durch Investitionen in profane Waschsalons rein.
Doch während Al Capone - abgesehen von seiner geschickten Selbstdarstellung - im Wesentlichen ein Gangsterboss, wie viele andere war, ist Pablo Escobar einzigartig: Der Kolumbianer ist nicht nur für seine gnadenlosen Gewaltexzesse und für seinen grotesken Reichtum, sondern ebenfalls für seine Exzentrik berühmt. So kaufte er 1979 für 63 Millionen US-Dollar eine 3.000 Hektar große Ranch und verwandelte diese in einen luxuriösen Landsitz mit einem Flugplatz, einem Hubschrauberlandeplatz, einer Stierkampfarena, sechs Swimmingpools, künstlichen Seen für Wasserski und einem Zoo. Darüber hinaus ließ er für seinen Sohn große Dinosaurierfiguren errichten.
Trotz unzähliger von ihm angeordneter brutalster Morde, gilt Escobar in Kolumbien vielen Menschen als eine Art moderner Robin Hood und wird insbesondere in seinem Heimatviertel Envigado in Medellín bis heute als ein echter Volksheld verehrt. Diese Sympathie innerhalb der Bevölkerung hat sich Escobar geschickt durch Maßnahmen, wie dem Sponsoring des Fußballvereins Atlético Nationalin Medellín erschlichen.
Escobars Legendenstatus zeigt sich daran, dass für 2018 schon wieder ein Film mit ihm geplant ist. Der Thriller "El Patron" wird sich direkt mit dem Leben des kolumbianischen Kartellbosses beschäftigen. Der Regisseur steht noch nicht fest, jedoch der Darsteller für Escobar: John Leguizamo. Dass dieser nach seiner Rolle als FBI-Undercoveragent in "The Infiltrator" endgültig die Seiten wechselt, verwundert nicht. Denn wie sagt seine Figur Emir Abreu in Brad Furmans Film zur Motivation für seinen Job: "I just love this shit!"
(Gregor Torinus)