Telearbeit in Osteuropa

Die Prognosen über das Wachstum von Telearbeitsplätzen schwanken, aber für die westlichen Länder wird ein schnelles Wachstum vorhergesagt. Manche sorgen sich, daß über Telearbeitsplätze die Arbeit erst recht in Billiglohnländer verlagert werden könnte. Zentral- und Osteuropa wären solche Billiglohnländer, aber Telearbeitsplätze gibt es hier noch kaum. Telepolis-Korrespondent John Horvath aus Budapest berichtet über die Situation in Osteuropa.

Telearbeit ist eine der vielen Versprechungen, die das Internet für die Zukunft zu eröffnen scheint. Die sogenannte "Informationsgesellschaft" soll nicht nur neuen Arbeitsformen den Weg bereiten, sondern es wird auch erwartet, daß sie die beschleunigte Dynamik des Arbeitsmarktes sowie die veränderten Beziehungen zwischen Auftraggeber und Augtragnehmer widerspiegelt. Verbunden mit wachsender Flexibilität und Arbeitsproduktivität wurden auch weitere Auswirkungen wie sinkende Verkehrsstaus versprochen, da weniger Menschen zwischen ihrer Wohnung und dem Büro pendeln müssen.

In vielen Ländern mit einer hohen Internet-Nutzung ist eine Tendenz zur Telearbeit bereits sichtbar. Sogar in Zentral- und Osteuropa gibt es bereits Telearbeiter, auch wenn es noch nicht viele sind. Der Großteil der Telearbeiter arbeitet hier für ausländische Firmen und im Bereich der Computertechnik und Programmierung. Für österreichische Firmen ist es beispielsweise einfacher und kostengünstiger, Arbeitsstellen nach Ungarn auszulagern. Viele der Telearbeiter sind selbst Ausländer, die bereits mit der Telearbeit vertraut sind.

Außerhalb dieser kleinen Gruppe gibt es jedoch praktisch keine Telearbeit, weil vielen osteuropäischen Unternehmen und deren Manager trotz der Internet-Begeisterung eine genauere Kenntnis der Netztechnologien und ihrer Möglichkeiten fehlt, während die Arbeitsnehmer weder die notwendige Ausbildung und die erforderlichen Ressourcen besitzen. Überdies ist die Verbreitung von Computern, geschweige denn die eiens Internetzugangs, nicht so hoch wie im Westen. Viele der Computer sind zudem alt und die Internetanschlüsse langsam und unzuverlässig.

Die Tschechische Republik ist gegenwärtig das Land mit dem größten Potential für die Einführung von Telearbeit. Ungefähr ein Drittel der Tschechen haben von Zuhause aus Zugang zum Internet (siehe vip.fce.vutbr.cz/pruzkum/survey.htm). In den anderen Ländern sind die Bedingungen für Telearbeit nicht so günstig. Im Durchschnitt haben 80 Prozent der Nutzer hier über Universitätsnetze Zugang.

Der größte Beschränkung für die Einführung von Telearbeit stellen allerdings die Kosten dar. Telearbeit ist für die Einheimischen eine ziemlich teure Option und daher ein Luxus. In Ungarn wird die Arbeit beispielsweise durch zeitbasierte Gebühren nicht nur teuer, sondern die Internet Provider denken wegen der Gebühren für Durchsatzraten auch zweimal darüber nach, was sie alles anbieten wollen. Zumindest in Ungarn sieht es nicht so aus, als würde sich diese Situation bald verbessern. Nächstes Jahr werden die Tarife für die Ortszonen um 20 Prozent steigen. Ironischerweise wird dies zur selben Zeit stattfinden, in der die EU ihre Telekom-Märkte offiziell liberalisiert. Hinzukommen Kostensteigerungen für Strom.

Trotzdem ist die Grundlage für Telearbeit vorhanden. Im Zentrum einer jeden Telearbeitsumgebung steht ISDN (Integrated Services Data Network), das bereits in bestimmten Regionen Osteuropas vorhanden ist. In der Tschechischen Republik gibt es gegenwärtig in Prag, Brno und Ostrava ISDN. Am Ende des Jahres sollen weitere zehn Orte angeschlossen werden (siehe ISDN). In Rußland, Rumänien und Bulgarien existieren digitale Verbindungen mit einer Übertragungskapazität von 2 Mb/s und 64 kb/s. Slowenien hat, wie das einstige Jugoslawien, ISDN als wirtschaftlichen Standard übernommen. Auch in Mazedonien ist ISDN verfügbar, während in Kroatien ein Pilotprojekt in Rijeka durchgeführt wird, bei dem man einen uneingeschränkter Zugang Ende des Jahres erwartet.

Leider sind die ISDN-Kosten noch für die Telearbeit hinderlich. In Ungarn kostet der billigste ISDN-Anschluß DM 1500.- bei einer monatlichen Grundgebühr von DM 25.- Ein derart lächerliches Preissystem ist nicht nur hier verbreitet, sodnern überall in Europa. Osteuropa scheint aber schnell aufzuholen. "Die Zahl der gegenwärtig existierenden und geplanten Verbindungen zum Internet", sagt Scott McQuade, "stellt die osteuropäischen Unternehmen an die Spitze der Technologieanwender, denn die Steigerungsraten sind hier höre als bei den US-amerikanischen Firmen."

Einige osteuropäische Länder arbeiten zusammen mit EU-Partnern daran, ihre Hochgeschwindigkeitsinfrastruktur für Datenübertragung zu verbessern. Am bekanntesten ist derzeit das TEN-34-Projekt (siehe Ten 34). Selbst wenn in dessen Zentrum ein Universitätsnetz steht, ist es dennoch ein großer Schritt. Die meisten westlichen Länder verfügen über Hochgeschwindigkeitsnetze für die Forschung mit einer Kapazität von 34 Mb/s, manche wie SuperJANET in Großbritannien oder B-WIN in Deutschland Übertragungskapazitäten von 155 Mb/s erreichen. Das Ziel des TEN-34-Projekts ist der Ausbau der internationalen Verbindungen mit diesen Netzen innerhalb Europas durch eine Steigerung der Übertragungskapazität von 2 Mb/s auf 34 Mb/s. Die Tschichische Republik, Ungarn und Slowenien nehmen an diesem Projekt teil. Ungarn hat kürzlich seine Verbindungen erneuert und hat deswegen einen viel schnelleren Zugang zu den nationalen Netzen Westeuropas.

Neben den technischen Bedingungen darf man nicht vergessen, daß es auch einige äußere Faktoren gibt, die das Konzept und die Praxis des Telearbeitens in Osteuropa beeinflussen. Erstens werden Computer und das Internet noch immer als Unterhaltungsmedium hoch geschätzt und verwendet. Zweitens sind die Menschen gegenüber Telearbeit zögerlich eingestellt, weil sie eine Veränderung mit sich bringt, die mit wirtschaftlicher Unsicherheit gleichgesetzt wird. Und drittens sind die Arbeitnehmer nicht so selbstmotiviert wie die in Nordamerika oder in der EU. "Ich habe allgemein festgestellt", sagt etwa Steven Carlson, Web Designer und Marketingmanager der iSYS Hungary Ltg., "daß ich als Amerikaner meine Aufmerksamkeit viel mehr auf Zeit und Geld richte, als ich das zuvor geglaubt hätte. Wenn ich einen Auftrag habe, möchte ich, daß er gut und rechtzeitig ausgeführt wird. Die Menschen, mit denen ich in diesem Teil der Welt zusammengearbeitet habe, besitzen andere Vorstellungen darüber, was es heißt, einen Auftrag gut auszuführen, und Termine sind oft ein Witz."

Ganz ähnlich sind die Firmen unsicher, wie sie das Netz einsetzen sollen. Ein beträchtliche Anzahl der führenden Manager kennen überdies die grundlegenden Entwicklungen der Informations- und Kommunikationstechnologien nicht. Bevor daher Telearbeit bedeutsam werden wird, müssen die Firmen zuerst klar definierte Verantwortlichkeiten, Budgets und Betriebssysteme, gut strukturierte und miteinander kommunizierende Systeme der Marktplanung, der Geräte und der Kontrolle, der Betriebsabläufe, der Schulung der Angestellten und der Investitionen in Technik einführen.

Bislang läßt sich beobachten, daß die wenigen Firmen, die Telearbeit anbieten, daraus einen großen Marktvorteil erzielen. Die Telearbeiter scheinen auch unmittelbar mit denjenigen im Westen zu konkurrieren. Man kann vermuten, daß dies ein Bestandteil der strategischen Planung vieler westlicher Unternehmen ist, die sich dislozieren wollen. Besonders im Bereich der Computerentwicklung und der Programmierung haben russische und ungarische Heimarbeiter bereits einen großen Einfluß auf die westlichen Arbeitsmärkte.

Andererseits wird Telearbeit in Osteuropa von der gegenwärtigen ökonomischen Landschaft der Region behindert, die sich nicht so stark wie im Westen auf Dienstleistungen hin orientiert. Firmen aus Nordamerika und die EU verlagern gerade deswegen ihre Produktionen nach Osteuropa, weil deren Arbeitskräfte eine außergewöhnliche Goldmine darstellen: sie sind gut ausgebildet und vor allem billig.

Telearbeit befindet sich daher in ganz Zentral- und Osteuropa noch im Anfangsstadium. Es ist keineswegs sicher, daß sie jenseits der Strategie der Arbeitsplatzverlagerung in voraussehbarer Zukunft hier groß zum Tragen kommen wird. Zentral- und Osteuropa werden wahrscheinlich eher zum verschobenen industriellen Rückgrat Westeuropas. (John Horvath)