Telearbeit

Der Anfang vom Ende der Arbeit?

Telearbeit auf europäisch. Ein Gespräch mit Horace Mitchell vom European Telework Development
Arbeit im digitalen Zeitalter. Andreas vom Bruch im Gespräch mit Uwe Heuser
Zukunft der Arbeit. Ein Gespräch mit Meinhard Miegel

Jeden ersten Mittwoch im Monat lauscht ganz Deutschland gespannt den Meldungen der Bundesanstalt für Arbeit: die einen, weil sie sich zumindest in der "guten Gesellschaft" von vielen anderen Millionen sehen wollen, die anderen in der unbestimmten Freude, noch Arbeit zu haben. Doch schon am nächsten Tag geht man wieder zum Alltag über und verdrängt die sich mit den Mittwochszahlen anbahnende Entwicklung, derzufolge sich Erwerbsarbeit in den Händen einer immer kleiner werdenden Schar von immer mehr arbeitenden, höchstqualifizierten "Wissensarbeitern" konzentriert, während sich gleichzeitig für den Großteil der heute noch fest Angestellten ein Abstieg auf der Stufenleiter von der (Schein-) Selbständigkeit zur Arbeitslosigkeit abzeichnet.

Man hofft auf die Kräfte des Marktes, die unsere Schlaraffenlandschaft durch neue Wirtschaftswunder schon irgendwie erhalten werden, auch wenn die ökonomische Basis der Gesellschaft von Industrie auf "Information" umgestellt wird. Allerdings scheint vielen "Machern" in Unternehmen und in der Politik klar zu sein, daß Arbeit ein sensibles Thema geworden ist, das von den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Brüchen nicht unberührt bleiben kann. Geeinigt hat man sich im öffentlichen Verständnis nun scheinbar auf die Zwischenlösung, daß Telearbeit die Zukunft der Erwerbstätigkeit sowie die Lösung fast aller unserer momentanen arbeits- und gesellschaftspolitischen Fragen sei.

Und noch ein Hype: Telearbeit!

"Telearbeit wird Tausende neuer Arbeitsplätze schaffen", prophezeit Wirtschaftsminister Günter Rexrodt (FDP). "Telearbeit verbindet das Beste von Stadt und Land", verspricht die Telekom in einer Werbebroschüre. Und ihr Vorstandsmitglied Hagen Hultzsch legt den Entscheidern nahe: "Wenn wir den Standort Deutschland erhalten wollen, gibt es zur Telearbeit keine Alternative." Neue Freiräume werden der neuen Generation von Heimarbeitern versprochen, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf: "Anstatt die Menschen zur Arbeit, werden wir künftig die Arbeit zu den Menschen bringen", verkündet Werner Zorn, Projektleiter für Telearbeit bei IBM.

Auch für die Unternehmen bleiben in den offiziellen Verlautbarungen Vorteile: sie können beispielsweise Bürokosten sparen und durch ihre zu Hause hochmotiviert und ungestört werkelnden Mitarbeiter Produktivitätseffekte zwischen 5 und 30 Prozent erzielen. Das macht sie fit für den globalen Wettbewerb auf dem Weltmarkt. Auch die Gesellschaft als Ganzes sowie die Umwelt soll profitieren: Weniger Pendelverkehr soll es geben, Verkehrsspitzen werden ab- und neue Jobs im Service-, Computer- und Telekommunikationsbereich aufgebaut, so die Verheißungen. (Vorteile der Telearbeit)

Auch ein paar Nachteile der Telearbeit werden in der gängigen Debatte nicht verschwiegen: Mitarbeiter könnten sich etwa im trauten Heim von den Firmenvorgängen isoliert und von Karrierechancen ausgeschlossen fühlen. Noch kritischere Stimmen warnen vor einer (Selbst-) Ausbeutung der Teleheimarbeiter, da Workoholics nun endlich unbemerkt und bis in die Nacht hinein ihrer Sucht frönen könnten. In den Unternehmen machen sich manche Manager darüber Gedanken, wie sie die Identität ihres (virtuellen) Betriebes noch nach außen aufrecht erhalten können; und das mittlere Management sorgt sich, wie die sonst so beliebten Kontrollbesuche in den Zimmern der Angestellten noch zu bewerkstelligen seien. Angesichts der Fortschritte der digitalen Techniken im Bereich des "Monitoring", beispielsweise durch die lückenlose Aufzeichnung des Einloggens in den betrieblichen Webserver, erwarten Kritiker wie der Arbeitsrechtler Peter Wedde dagegen eher die "Anbindung" der Beschäftigten an eine "digitalisierte Leine".

Größtenteils werden allerdings die positiven Aspekte des Teleworkings hervorgehoben, und allerorten suchen potentielle Heimarbeiter sowie Firmenvertreter deswegen Aufklärung über die neue Arbeitsform und ihre Realisierung. Zum "Leitfossil der aktuellen Beschäftigungsdiskussion" hat sich Telearbeit für Werner Dostal vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung entwickelt. Die Beachtung des Themas quer durch alle Medien sowie auf einer Reihe von Fachkonferenzen in München, Bonn oder Berlin - dort konnte man sich Ende Juni gleich zweimal, auf einer vom Senat ausgerichteten Veranstaltung mit nationalem Schwerpunkt sowie auf einem international ausgeweiteten, von der ICEF GmbH durchgeführten Kongreß, über Telekooperation aufklären lassen - scheint dies zu bestätigen. In einem disproportionalen Verhältnis steht diese Beachtung jedoch zur tatsächlichen Umsetzung neuer Beschäftigungsformen - zumindest in Deutschland. "Telearbeit wird derzeit zwar intensiv diskutiert, aber nur wenig realisiert", schätzt Dostal die Lage ein. Und auf europäischer Ebene sieht es nicht viel anders aus (Siehe Gespräch mit Horace Mitchell).

So mancher Praktiker sieht das Thema Telearbeit bereits vor seiner eigentlichen Entfaltung zu Tode geforscht. "Mit deutscher Gründlichkeit versuchen wir in Pilotstudien Chancen und Risiken auszuloten, bevor wir uns auf das Abenteuer praktischer Experimente einlassen", sorgt sich Zorn. Seine Firma sei da schon die vielbeachtete Ausnahme, da bei IBM immerhin ein Test mit 2600 Telearbeitern - allerdings fast alles Außenmitarbeiter, die auch vor der Ausrüstung mit Laptops schon aus der Ferne gearbeitet haben - laufe. Insgesamt gebe es in Deutschland wohl rund 150.000 bis 180.000 Telearbeiter, abhängig von der zugrundegelegten Definition. Und die variiert sehr stark: Enthalten ist in dem Begriff allein, daß eine Beschäftigung nicht am Ort des Arbeitgebers, sondern eben "aus der Ferne" ausgeführt wird. Ob sie allerdings rein in den eigenen vier Wänden, abwechselnd zu Hause oder im Betrieb, beim Kunden selbst oder in Satellitenbüros erfolgt, ist ebenso Frage der Interpretation wie das Beschäftigungsverhältnis zwischen Telearbeiter und Unternehmen. In den meisten Definitionen wird nur davon ausgegangen, daß für die moderne Form der Telearbeit ein Computer notwendig ist, sich die Arbeit also in irgendeiner Form digital auf Informationsbits reduzieren lassen muß, und daß die Distanz zum Unternehmen medial per Telefon, Modem oder ISDN überbrückt wird.

Vom Reengineeren und Outsorcen: Die Geburt des virtuellen Unternehmens aus dem Netzwerk

Die tatsächlichen "Potentiale" der Telearbeit werden in den Pilotprojekten großer deutscher Unternehmen momentan noch nicht ausgeschöpft. Ob bei der Telekom, der Deutschen Bank oder bei Siemens - überall wird offiziell nur alternierende Telearbeit erprobt, bei der die Firma 150 bis 400 qualifizierten Angestellten zu Hause und im Unternehmen einen voll ausgestatteten Computerarbeitsplatz zur Verfügung stellt. In diesen Fällen kommt man den vielbeschworenen paradiesischen Zustände der neuen Arbeit tatsächlich sehr nahe.

Allerdings können und wollen die "Tests" von den Betrieben nur im kleinen Maßstab und nur "für eine Übergangsphase", so Detlef Garbe von der Telekom, verwirklicht werden. Das eigentliche Ziel sei das virtuelle Unternehmen, das Serviceleistungen mit einer wechselnden Zahl von Projektarbeitern verwirkliche. "Wir sprechen von Unternehmen im Angesicht der Globalisierung, von strukturellen Umbrüchen", verdeutlicht Marcus Miller von Siemens. Es gehe nicht allein um Dezentralisierung und schon gar nicht "um Frauen mit Kindern und Computern".

Der Arbeiter an der elektronischen Nabelschnur ist die ideale Konstruktion, um sich elegant aus den kostenträchtigen Zwängen traditioneller Beschäftigungsverhältnisse zu befreien.

Der Spiegel (5/97) über den "wahren Reiz der Telearbeit"

Vielen Firmen scheinen die Argumente der Globalisierung und des zunehmenden Kostendrucks gerade zur rechten Zeit zu kommen. In einer Phase des Neoliberalismus', des sozialen und politischen Umbruchs und des kaum hinterfragten Triumphs des Marktes geht es nun darum, die Verpflichtungen der sozialen Marktwirtschaft ad acta zu legen. Während in den Boomjahren nach dem Zweiten Weltkrieg das bereits von Bismarck und Sozialtheoretikern des 19. Jahrhunderts ausgearbeitete Modell der Sozialpartnerschaft zwischen Unternehmen und Beschäftigten griff und Aufgaben wie soziale Absicherung und Weiterbildung der Arbeitnehmer zum Teil auf die Wirtschaft übertrug, gehen wir nun erneut in eine neue Phase des Kapitalismus in Reinform über, bei der immer weitere Teile der Lebenswelt dem Diktat der Ökonomie unterworfen werden (vgl. Andreas Boes: Zukunft der Arbeit in der "Informationsgesellschaft") und die "Konsenssoße" (BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel) der sozialen Abfederung in der Nachkriegsära endgültig zerrinnt. Als Katalysator in diesem Prozeß wirken die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien (IuK-Technologien), die zum einen die Produktivität der Industrie permanent erhöhen und zum anderen durch ihre Zeit- und Raumüberwindung den globalen Markt weiter erschlossen haben.

Wenn es Hochrechnungen für Millionen von Telearbeitern gibt, dann heißt dies zunächst nur, daß die Firmen keine unbefristeten Arbeitsverhältnisse mehr eingehen wollen.

Dieter Klumpp, Geschäftsführer der Alcatel SEL Stiftung für Kommunikationsforschung

Der erste Schritt auf dem Weg in die neue Form der kapitalistischen Informationsökonomie führt über das Reengineering von Unternehmen und den entsprechenden Arbeitsverhältnissen. Von den Theoretikern der (amerikanischen) Betriebswirtschaftslehre sind die Vorgaben längst aufgezeigt worden, nun werden sie dank weiterer Fortschritte in der IuK-Technik für immer mehr Unternehmen nachvollzieh- und machbar. Outsorcing geht bei einer wachsenden Anzahl informationsverarbeitender Unternehmen über Telearbeit meist ganz einfach; und ist man erst einmal die langfristigen Beschäftigungsverhältnisse los, kann das "lean enterprise" auf dem globalen Arbeitsmarkt projektbezogen und je nach Auftragslage die nach ihrem Preis-/Leistungsverhältnis aussortierten freischaffenden Spezialisten anheuern.

The reorganization of corporate structures along logical, computational lines is certainly creating a much more "efficient" economy and higher growth. But it is also accompanied by a more polarized distribution of incomes and, in many cases, a drastic reduction of jobs.

David Brown (Autor des Buches "Cybertrends")

Just-in-time-Produktion findet so ihre informationsökonomische Ergänzung in der Just-in-time-Beschäftigung. Eine vom betriebswirtschaftlichen Standpunkt in sich logische Entwicklung, durch die mit Hilfe der telearbeitenden "Belegschaft" ein im "fortgeschrittensten" Fall rein inter- und hypermedial inszeniertes virtuelles Unternehmen "internationale Wertschöpfungsketten aufbauen" kann, wie Professor Franz Josef Radermacher von der Universität Ulm ausführt. In der Praxis heißt das, daß "man z.B. preiswerte intellektuelle Kapazität in Ländern wie Indien mit leistungsfähigen Kapazitäten bei uns koppelt."

Jeden Tag setzen wir uns erneut an den heimischen, vertrauten Computer und bewerben uns spontan um neue Aufgaben, im Wettstreit mit den Kolleginnen und Kollegen, die von ihrem Heimarbeitsplatz aus dasselbe tun, bringen unser virtuelles Unternehmen voran mit neuen Ideen und Produkten. Die Zeit der Rabenmütter und Rabenväter haben wir weit hinter uns gelassen. Unsere Kinder toben fröhlich durch den Raum, in dem auch wir sitzen und singend die Heimarbeit verrichten.

Cornelia Brandt von der Deutschen Angestellten Gewerkschaft

Die betriebswirtschaftliche Logik könnte für manche "etablierte" Volkswirtschaft verheerende Folgen haben. "Unterwertige Beschäftigung und Massenarbeitslosigkeit werden möglicherweise zu einem Massenphänomen werden", orakelt Werner Korte von der Beratungs- und Forschungsfirma Empirica, die aufgrund der Verunsicherung auf dem Arbeitsmarkt "Millionen" am steigenden Interesse an der Telearbeit verdient. Auch der Bündnisgrüne Manuel Kiper fürchtet, daß "Tagelöhnerei, Saisonarbeit und in jeder Form unwürdige Arbeitsverhältnisse unter neuem Namen wieder möglich" werden. In der spätkapitalistischen Informationsgesellschaft, in der eine kleine Gruppe hochqualifizierter Tele-Nomaden "frei flottierend" (Wirtschaftswoche 15/97, S. 41) von Auftrag zu Auftrag "surft" und der große Rest bei McDonalds Tüten klebt, telespielt statt telearbeitet oder sich sonst irgendwie zu beschäftigen sucht, könnte sich so ein "explosives Gemisch" divergierender sozialer und ökonomischer Interessenlagen zusammenbrauen.

Zukunft für die soziale Marktwirtschaft?

Vor allem das Netz sozialer Absicherungen wie der allgemeinen Kranken- und Rentenversicherung, das seit dem Ende des 19. Jahrhunderts mit einem festen Arbeitsplatz gekoppelt war, aber auch das Prinzip der gemeinsamen Verpflichtung von Staat und Betrieben zur Weiterbildung der arbeitenden Bevölkerung wird durch die Selbständigkeit der Noch-Arbeitenden sowie durch die Arbeitslosigkeit der Anderen vollkommen ausgehebelt. Gerade für die sozialen Marktwirtschaften Deutschlands und vieler anderer europäischer Länder stellen sich damit komplexe Herausforderungen.

Bundespräsident Roman Herzog auf die Frage der Wirtschaftswoche (24/97), ob "wir nicht den Begriff der sozialen Marktwirtschaft neu definieren" müßten:

"Das tun wir ja - allerdings in tastenden Versuchen. Das Soziale der Marktwirtschaft stand auf vier Beinen. Erstens die Arbeitsmarktpolitik, zweitens die Lohnpolitik, drittens das soziale Netz und viertens das kostenlose Infrastrukturangebot des Staates, Straßen und Sicherheit, Kultur und Bildung. Diese vier Säulen müssen neu austariert werden und insbesondere in ein neues Verhältnis zur unternehmerischen Tätigkeit gebracht werden."

Um auf dem weltweiten Arbeitsmarkt noch mithalten zu können, wären drastische Umstellungen nötig. Denn während in den USA Staat und Betriebe generell einen hohen Anteil der sozialen Absicherung zur Privatsache jedes Einzelnen erklären, gesellschaftlich Eigeninitiative und pragmatisches Denken hoch im Kurs stehen und dadurch projektbezogene Unternehmenskulturen schon vom Ansatz her eine größere Chance haben, werden die deutschen Tugenden Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Genauigkeit allein sicherlich nicht wettbewerbsfähig sein.

Deswegen werden momentan auf bundesdeutscher wie auch auf europäischer Ebene eine Reihe von Initiativen gestartet, um die allgemeine Trägheit auf dem alten Kontinent zu verscheuchen und die Kompetenzen für Selbständigkeit und Telearbeit zu befördern.

Die Europäische Kommission hat das Programm European Telework Development aufgelegt, das von Großbritannien aus, dem Land mit den meisten Telearbeitern in Europa, auch online den Einsatz von Telearbeit propagiert (Gespräch mit Horace Mitchell) und neben zahlreichen Konferenzen jedes Jahr im November eine europäische "Woche der Telearbeit" organisiert. In Deutschland haben sich sowohl das Bundeswirtschaftsministerium als auch das Forschungsministerium die Förderung der Telearbeit auf die Fahnen geschrieben und verteilen im Netz sowie gedruckt Ratgeber zum Teleworken.

Unkonventionellen Schwung in die Debatte um die Kompetenzförderung heutiger Angestellter und potentieller Telearbeiter hat jüngst Dieter Klumpp von der Alcatel SEL Stiftung für Kommunikationsstiftung mit der als Pendant zur "Schulen ans Netz"-Förderung gedachten Initiative Qualifikation ans Netz gebracht. Sein Vorschlag ist, daß Arbeitgeber ihren qualifizierten Mitarbeitern einen PC samt Internetanschluß und 140 Onlinestunden pro Jahr auf den privaten Schreibtisch stellen, damit sich die Angestellten im Gegenzug in den eigenen vier Wänden und außerhalb der eigentlichen Arbeitszeit zu Internetfreaks und telearbeitsfähigen Kompetenzlingen heranbilden. Die Firmen bekämen so hochqualifiziertes, kreatives Personal und könnten "neue Dienstleistungen und neue Arbeitsformen" entwickeln.

Vom Ansatz her eine erfrischende Idee, die - falls sie denn von Unternehmen ernsthaft diskutiert werden würde - allerdings um ein paar Jahre verspätet erscheint. Denn warum sollte ein Unternehmen, das selbst bereits seit Jahren massiv in Computertechnologie investiert - in den USA wurden laut Jeremy Rifkin allein in den 80er Jahren mehr als eine Billion Dollar für Computer, Roboter und andere Automaten ausgegeben - und bereits alle Grundlagen zur eigenen "Virtualisierung" geschaffen hat, nicht den betriebswirtschaftlich vorgegebenen Weg verfolgen und anstatt erneut hohe Investitionen in die alte Mitarbeiterschaft zu tätigen, nicht schneller und kostengünstiger auf die weltweit immer stärker wachsende Zahl digitaler Wanderarbeiter zurückgreifen, die sich längst selbst die Kompetenzen im Umgang mit PC und Internet erarbeitet haben?

Arbeit aus, alles aus?

So stehen wir am Ende des Jahrtausends in einer gesamtwirtschaftlich betrachtet prekären Übergangsphase. Langfristig scheint die Produktivität der Maschinen und Computertechniken unsere eigene menschliche Arbeit in vielen Bereich schlicht unnötig zu machen. "Wir arbeiten uns selbst überflüssig", meint Ulrich Beck, und das in einer Zeit, in der "immer mehr Menschen" auf einen Arbeitsmarkt drängen, "auf dem es immer weniger Arbeit zu verteilen gibt" (vgl. Süddeutsche Zeitung vom 23.1.1997). Die von Meinhard Miegel geleitete "Kommission für Zukunftsfragen" spricht von einem "Substanzverfall abhängiger Erwerbsarbeit" (Süddeutsche Zeitung vom 23.10.1996), und Jeremy Rifkin hat bereits das Ende der Arbeit ausgerufen.

Die Abschaffung der Lohnarbeit durch die Maschine in Verbindung mit der Durchsetzung des freien Marktes und des Kapitalismus - paradoxerweise gleichzeitig die Erfüllung eines alten sozialistischen Traums - wird heute allerdings eher als enorme Last denn als Befreiung empfunden, da mit dem Wegfall der Arbeit zugleich auch die volkswirtschaftliche Wertschöpfung in der Hand einzelner High-Tech- und Wissensarbeiter sowie Unternehmensbesitzer konzentriert wird.

Nur noch wenige Vordenker wie beispielsweise Bob Black, der in einem Essay die Abschaffung der Arbeit und eine "spielerische Revolution" fordert, wandeln damit auf den Spuren Vilém Flussers der schon in den 80er überlegte, ob wir nicht "auf dem Umweg über die Telematik zum 'eigentlichen' Menschsein" also zum "feierlichen Dasein für den anderen, zum zwecklosen Spiel mit anderen für andere zurückfinden" (Ins Universum der technischen Bilder). Die französische Intellektuelle Viviane Forrester zumindest kann damit nichts anfangen. Sie sieht durch die Veränderung des Begriffs der Arbeit ganze Völker erstmals in der Geschichte in die Unnützigkeit fallen (vgl. Berliner Zeitung vom 12.2.1997).

Karl Marx könnte damit zumindest in einer Hinsicht doch Recht bekommen. Er hatte bereits angesichts des ersten Einsatzes von Maschinen in den Industrien des 19. Jahrhunderts darauf hingewiesen, daß durch die Herabstufung und den letztendlichen Wegfall von menschlichen Arbeitsplätzen ein Heer von Dumpingarbeitern und Arbeitslosen, ein "Lumpenproletariat" entstehen werde, das auch für das Konsummodell des freien Marktes vollkommen unnütz ist: Konsumieren kann nur, wer auch Geld dazu hat; eine Dienstleistung nimmt nur derjenige in Anspruch, der sie sich leisten kann. Die Suche nach Rettungsmodellen für den Sozialstaat gewinnt daher für immer mehr Politiker, Ethiker und auch Ökonomen an Priorität.

Der sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) hat sich bereits für eine Grundrente und damit zur Entkopplung von Lebensarbeitszeit und Rentenversicherung ausgesprochen. Auch die SPD arbeitet an einem "Mindestsicherungssystem", das nach Ansicht der Vorsitzenden des Sozialausschusses des Bundestages, Ulrike Mascher, in einer Sozialversicherungspflicht für alle und einer Kombination aus einkommensabhängiger Alterssicherung mit einer Mindestrente bestehen könnte. Und der Sozialethiker Friedhelm Hengsbach fordert schon seit langem einen neuen Gesellschaftsvertrag, in dem unter anderem das Leistungsprinzip neu definiert werden soll.

Ökonomische Alternativprojekte

Allgemein werden auf der Suche nach neuen Wertschöpfungsketten auch verstärkt der gemeinnützige Bereich und das soziale Engagement außerhalb von rein geldbezogenen Marktbeziehungen wiederentdeckt. Auch in dieser Beziehung ist Amerika wieder einen Schritt voraus. Community Networks haben dort nicht nur im Internet eine längere Tradition, man regelt vieles selbst, ohne sich auf den Staat zu verlassen. Bill Clinton hat die Zeichen der Zeit erkannt. Während er auf der einen Seite die Steuerpolitik der Republikaner mehr oder weniger unterstützt, die für Höchsteinkommen Entlastungen verspricht, und die eh kaum vorhandenen Fürsorgepflichten des Staates weiter abbaut, hat er im Frühjahr andererseits einen "Gipfel der Ehrenamtlichen" in Philadelphia zelebriert und die Nation mit viel Pathos zur Wiederbelebung der amerikanischen Werte Mitgefühl, Nachbarschaftlichkeit und Freiwilligkeit aufgerufen.

Auch Rifkin sieht in der gemeinnützigen Tätigkeit und im Nonprofit-Sektor die Zukunft der Arbeit begründet: "Gemeinnützige Leistungen resultieren aus dem Wissen, daß im Leben alles mit allem zusammenhängt, und sie sind durch das sehr persönliche Gefühl einer Verpflichtung motiviert." Man leistet also ohne Bezahlung gesellschaftlich notwendige Dienste und erfährt dafür im Gegenmaß vergleichbare Hilfe von Anderen.

Auch das Internet könnte dabei eine wichtige Rolle spielen. Zunächst einmal basiert die gesamte Netzökonomie in weitem Maßstab trotz aller Kommerzialisierungsversuche nach wie vor auf einer culture of giving, auf dem Prinzip des gegenteiligen Austauschs von Informationen und Hilfestellungen. Dort hat sich also weitgehend schon eine Tauschwirtschaft eingespielt, die nicht auf dem monetären Prinzip des kapitalistischen Marktes basiert. Gleichzeitig nutzen alternative Ökonomieprojekte wie etwa die Grüne Liga oder die Internationale Vereinigung für natürliche Wirtschaftsordnung (INWO) in der Schweiz schon heute das Netz, um mit Hilfe von "Tauschringen" bzw. "Talenten" Arbeitseinheiten wie "Babysitten" gegen "Auto reparieren" auszutauschen. Und Bernard Lietaer arbeitet in den Vereinigten Staaten an einer Internet-Währung für Virtual Communities, mit der er Tauschgeschäfte und Selbstregulierung in räumliche Grenzen überschreitenden Netzgemeinschaften ermöglichen will.

Ob dabei wirklich neue, tragbare und weithin akzeptierte Ökonomiemodelle entstehen können, ist allerdings noch sehr ungewiß. Voraussetzung wäre schon, daß wirklich die Mehrheit der Bevölkerung Zugang zum Internet hat, und insgesamt der ehrenamtlichen Arbeit ein deutlich höherer Stellenwert zugemessen werden würde als heute. Gerade in der Ellenbogengesellschaft der bundesdeutschen Republik, in der mehr und mehr Wert auf Individualisierung statt auf Gemeinwohl gelegt wird, würde ein derartiger Wandel wohl nur sehr langfristig, wenn überhaupt, greifen.

Uns steht wohl zunächst einmal ein anderer Schritt bevor, der in den USA bereits seinen Anteil zum dortigen "Jobwunder" beiträgt: die Kommerzialisierung der Arbeiten in privaten Haushalten, in der sogenannten Schattenwirtschaft. Wie das Statistische Bundesamt herausgefunden hat, standen 1992 77 Milliarden Stunden unbezahlter Arbeit - zum Großteil Hausarbeit - nur 47 Milliarden Stunden Erwerbsarbeit gegenüber. Ein riesiger Markt, wie der Mitherausgeber der Wirtschaftswoche, Heik Afheldt, in "seinem" Magazin (12/96) vorrechnet: "Würde nur die Hälfte davon mit zehn Mark pro Stunde entlohnt, ergäbe das eine zusätzliche Lohnsumme von 385 Milliarden Mark." Eine saubere Rechnung, bei der nur unklar bleibt, wer diese Lohnsumme bezahlen soll.

Vielleicht lassen wir den Schritt der Kommerzialisierung der Hauswirtschaft also doch besser aus und kehren lieber zurück zum Prinzip des Tauschs, das in der Geschichte des Marktes und der Menschheit sowieso eine viel größere Rolle einnahm als die wenigen Jahrhunderte der Geldwirtschaft. (Stefan Krempl)