Tanz nicht mit den Monstern

Mit offenen Karten spielen

Thomas Schulz hat den Entwicklungsprozess des Spiels akribisch dokumentiert - ebenso wie seine eigene Entwicklung zum 6502-Programmierer. Auf welche Hürden er gestoßen ist, wie er die Idiosynkrasien der Atari-Hardware gemeistert hat und wie sich das Beispiel "Dimo’s Quest" als Basis für eine Programmierdidaktik nutzen lässt, hat er in Vorträgen, Workshops und einem Beitrag (in dem es um die zeitkritische Programmierung der Atari-Grafik geht) zu einem demnächst erscheinenden Sammelband reflektiert. Damit hat Schulz Teil an der impliziten Aufgabe des Retrocomputing: nicht nur Hard- und Software historischer Computer zu bewahren, sondern auch ihre Operativität - das heißt, das Wissen um die Prozesse, das nötig ist, um alte Systeme am Laufen zu erhalten und mit neuen Aufgaben zu versehen.

Packshot der Deluxe-Diskettenversion für Atari-8-Bit-Computer. Bild: Kaspar Dornfeld

Dem credo gemäß, dass historische Computer keine Objekte der Geschichte sind, sondern, sobald sie in Operation versetzt sind, sich radikal "vergegenwärtigen", erstellen Schulz und viele andere neue Hard- und Software für die alten Rechner. Darin zeigt sich nicht nur die Kreativität des Retrocomputing-Hobbies, sondern auch, dass Von-Neumann-Architekturen im Prinzip alles berechnen können, was berechenbar ist … wenn man die Anforderungen an Speicher, Performanz und Schnittstellen nur adäquat anpasst. So läuft nicht nur ein ehedem für 16-Bit-Plattformen programmiertes Spiel auf einem 8-Bit-Atari, sondern auch Smartphone-Spiele auf programmierbaren Taschenrechnern und Maus-gesteuerte GUI-Betriebssysteme auf Computern mit 4-Megahertz-Prozessoren.

Ausstattung und Wertung

Weil aber zum Retrocomputing nicht nur die Technik, sondern vor allem auch die Kultur gehört, werden Projekte wie "Dimo’s Quest" in ganz unterschiedlichen Sphären entwickelt. Neben der erwähnten Programmieraufgabe hat sich Schulz auch darum gekümmert, dass sein Spiel eine Gesamtästhetik bekommt:,ein liebevoll gestaltetes Karton-Design, eine eigens gedruckte Diskettenhülle, einer CD-ROM mit einem Disketten-Image (für den Emulator), 2,5 Stunden Film von seinen Vorträgen und Workshops ein 50-seitiges Manual gehören dazu. Darüber hinaus hat er für die Spielmusik einen professionellen Musiker gewinnen können. Selbst um das Marketing hat sich Schulz Gedanken gemacht und Musiker wie Hilton Theissen gewinnen können. (Der Titelsong vom "Leichtmatrose"-Sänger Andreas Stitz und sein Video befinden sich ebenfalls auf der CD-ROM.)

Mit dem Level-Editor Purzel lassen sich neue Rätsel selbst erstellen

Neben der auf 50 Exemplare limitierten Deluxe-Disketten-Version soll in Kürze eine Steckmodul-Version des Spiels erscheinen. Letztere wird zusätzlich Sprachdigitalisate enthalten (an denen u. a. Künstler wie Joachim Witt und Hannes Malecki mitgewirkt haben). Diejenigen, die mit "Dimo’s Quest" selbst kreativ werden wollen, können sich den (von Schulz in Delphi für Windows-Plattformen entwickeltes) Leveleditor Purzel aus dem Netz laden. Damit lassen sich neue Levels direkt in die Dateistruktur von (virtualisierten) Atari-Disketten-Images einfügen. Damit wird der Spieler, der sich vielleicht mehr für das Spiel und weniger für dessen Entwicklungsprozesse interessiert, nolens volens und ganz im Sinne der "Minecraft"-Philosophie selbst zum Entwickler, der Spielabläufe ganz ohne Codekenntnisse programmiert. Retrocomputing wird durch Projekte wie "Dimo’s Quest" nicht nur zu einem unterhaltsamen, sondern auch einem kreativen Hobby.

Mehr Informationen zu Vintage-Spielen finden Sie in der Zeitschrift Retro Gamer, die Sie unter anderem im Heise Shop kaufen können.

(Stefan Höltgen)

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