Supersize-Terror

Das Land mit den fettesten Menschen geht an sich selbst zugrunde

Der Journalist Greg Critser weist in seinem just erschienenen Buch Fat Land auf die ernährungsbezogenen Widersprüche des Kapitalismus hin.

Dear America, your children are so fat

Die USA sind weit mehr von Übergewicht bedroht als von Terroristen. 300.000 Tote fordert die Fettsucht jährlich. Das sind hundertmal mehr als bei den Anschlägen vom 11. September starben. So war am 12.September 2001 eine der wenigen Meldungen, die neben der Berichterstattung über die Katastrophe am Ground Zero überhaupt erschienen, eine News über die wachsende Katastrophe am Leibe der Amerikaner: 26 Prozent sind sehr dick, mehr als 60 Prozent sind übergewichtig. Und bis zum Jahre 2050 sollen es 100 Prozent sein. Was passiert sein könnte, mutmaßt Critser in "Fat Land", ist, dass das Prinzip der Supersize eine Terrorherrschaft ausübt, vor der sich vor allem die Unterprivilegierten nicht retten können.

Don't exercise, supersize!

Eine normale Portion Pommes Frites enthielt 1960 noch 200 Kalorien, heute sind es 610. Laut Critser begann die Invasion in den späten 70er Jahren. McDonalds Mann David Wallerstein hatte die folgenschwere Idee, große und extragroße Portionen einzuführen, weil er durchschaute, dass es seinen Kunden unangenehm wäre, sich zwei zu bestellen (Völlerei ist immerhin eine der Todsünden und zumindest ein soziales Tabu). So wurde die Übergröße als neue Marketingmagie in die Köpfe implementiert: "Du bekommst viel mehr für ein bisschen mehr Geld." Und auch Autos, Häuser und Kleider sollten groß sein. Das Fettwerden sei mittlerweile eigentlich gar keine Verirrung mehr, sondern eine natürliche Antwort auf die amerikanische Lebensrealität.

Dass der menschliche Hunger eine recht elastische Größe darstellt, macht die Sache umso schwerwiegender. Evolutionär gesehen macht das Sinn, da der Körper sich auf magere Zeiten vorbereitet. Mit großen Portionen konfrontiert, essen Menschen tatsächlich etwa 30 Prozent mehr. Wer schon mal so eine Portion in einem amerikanischen Restaurant bestellt hat, weiß, wie sich Gulliver bei den Riesen gefühlt haben muss.

Marktwirtschaftlich gesehen funktioniert das Supersizing so super, weil die Kosten für Rohmaterialien, verglichen mit denen für Verpackung und Werbung, irrelevant sind. Wirtschaftlich gesehen ist es sogar eine Notwendigkeit, dass die Amerikaner immer fetter werden. Die Agrarindustrie produziert 3.800 Kalorien am Tag für jeden Amerikaner und die wollen irgendwo hin - und Müllschlucker ist oft die afroamerikanische Frau.

The World is not enough

Als er selbst einmal 20 Pfund abgenommen habe, so Critser, sei das nicht ein Triumph des Willens, sondern ein Triumph seiner wirtschaftlichen und sozialen Klasse gewesen, denn es habe ihn Zeit und Geld gekostet. Je ärmer man sei, desto großer die Wahrscheinlichkeit, Übergewicht zu haben. Klasse und Armut seien sogar die Schlüsseldeterminanten für Übergewicht und gewichtsbezogene Krankheiten in einer elitären und individualistischen Gesellschaft.

Seit 1996 treten bei ärmeren Menschen wesentlich mehr Fälle von Typ-2-Diabetes auf; die Zahl der Neuerkrankungen stieg von 2-4 Prozent im Jahr 1992 auf 45 Prozent im Jahr 1999. Die Betroffenen sind meist Afroamerikaner und Latinos. Auch die Rolle des Kokons würde unbewusst eine Rolle spielen. Während die Reichen durch ihr privilegiertes Leben einen psychologischen Puffer hätten, müssten die Armen sich ins schützende Fett retten. (Michaela Simon)