Sturm der ukrainischen Armee auf Slawjansk bleibt stecken

Beim Versuch, das Zentrum der Regierungsgegner in der Ostukraine zu stürmen, wurden heute Morgen drei Hubschrauber der ukrainischen Luftwaffe abgeschossen. Es gab Verletzte und einen toten Piloten

Heute Morgen um 3:30 Uhr begann ein Sturm der ukrainischen Streitkräfte auf die Hochburg der Regierungsgegner im ostukrainischen Slawjansk, der aber nach etwa drei Stunden wieder abgebrochen wurde. Die Stadt mit ihren 117.000 Einwohnern ist jetzt komplett von Einheiten des ukrainischen Innenministeriums und der Nationalgarde umzingelt. Die Botschaft des Innenminister an die Bürger: Meiden Sie die Fenster!

Ukrainische Soldaten an einer Straßensperre. Bild: mil.gov.ua

Wie der ukrainische Innenminister Arsen Awakow heute Morgen über Facebook mitteilte, habe in den Gebieten Slawjansk und Kramatorsk "die aktive Phase der ATO" (Antiterroristischen Operation) begonnen. Neun Kontrollposten "der Terroristen" seien von den ukrainischen Einheiten eingenommen worden.

Die Stadt sei jetzt komplett von ukrainischen Truppen eingeschlossen. Die ATO laufe "nach Plan", erklärte der Minister, welcher die Operation nach eigenen Angaben zusammen mit dem Verteidigungsminister und dem Leiter der Nationalgarde vor Ort leitet. Der Minister forderte die Bürger der Stadt auf, ihre Häuser nicht zu verlassen und sich "an den Fenstern vorsichtig zu verhalten".

Nach Angaben des Innenministers hätten die Aufständischen Granatwerfer und tragbare Flugabwehrraketen eingesetzt. Ein Pilot sei getötet worden. Es gäbe auch Verwundete. Von der gegnerischen Seite werde der Kampf von "professionellen Söldnern" geführt, die aus Mehrfamilienhäusern schießen, erklärte Awakow.

Der ukrainische Übergangspräsident Aleksandr Turtschinow hatte die "Antiterroristische Operation" bereits Mitte April gestartet (Ukraine: Turtschinow befiehlt Sonderoperation gegen "Terroristen" im Südosten), jedoch ohne Erfolg. Den Einheiten des ukrainischen Innenministeriums fehlte es an Kampfwillen (Panzer und Kopfgeldprämien - Wie die Ukraine weiter zerrüttet wird). So kehrte vor zwei Wochen eine Kolonne von Schützenpanzern im Ort Kramatorsk um, weil Tausende Anwohner die Straße blockierten. Sechs Panzer gelangten in den Besitz der Aufständischen, ohne dass ein Schuss fiel.

Festgenommene Aufständische, die allerdings nicht schwer bewaffnet waren. Bild: mil.gov.ua

Einheiten der Nationalisten am Sturm beteiligt

Nach Angaben eines Korrespondenten des russischen Fernseh-Kanals vesti.ru waren bei dem Sturm auf Slawjansk heute Morgen die 25. Luftlandebrigade aus Dnjepropetrowsk, die 95. Mobile Brigade der Luftwaffe sowie Bataillone beteiligt, die aus Angehörigen nationalistischer Gruppen gebildet worden waren, so unter anderem "Dnjepr-1". Die Einheit steht unter dem Kommando von Dmitri Jarosch, dem Leiter des Rechten Sektors. Der rechte Dachverband hat seine Zentrale vor kurzem von Kiew in die ostukrainische Stadt Dnjepopetrowsk verlegt (Putin kritisiert Militärbeobachter).

Wie der Oberkommandierende der aufständischen "Donezk-Armee", Igor Strelkow, gegenüber vesti.ru erklärte (05:06)) waren auf ukrainischer Seite 20 Kampf- und Transporthubschrauber im Einsatz. Nach Angaben der Regierungsgegner wurden zwei Hubschrauber der ukrainischen Luftwaffe vom Typ Mi 24 sowie ein Hubschrauber vom Typ Mi 8 abgeschossen. Die Stadt Slawjansk sei jetzt komplett eingekesselt, erklärte Strelkow. Es gäbe keine Verkehrsverbindungen mehr nach Außen. Auch der Eisenbahnverkehr wurde eingestellt. Videos dokumentieren den Absturz und den Beschuss von Kampfhubschraubern.

Putins Sonderbeauftragter Wladimir Lukin in Slawjansk

Nach dem Pressesprecher des russischen Präsidenten, Dmitri Peskow, werde der russische Präsident über die Vorgänge in der Ost-Ukraine ständig informiert. Putin habe die Operation, die sich schon gestern ankündigte, als "verbrecherisch" bezeichnet, sagte sein Sprecher.

Der Sonderbeauftragte des russischen Präsidenten, Wladimir Lukin, bisher Beauftragter des russischen Präsidenten für Menschenrechte, befindet sich zur Zeit in Slawjansk. Lukin war in die Stadt geschickt worden, um sich an den Verhandlungen um die Freilassung der gefangengenommen westlichen Militärbeobachter zu beteiligen. Der Kontakt zu Lukin war heute Morgen abgebrochen. Später berichtete die Nachrichtenagentur Ria Nowosti, die Verbindung sei wieder hergestellt worden.

Bereits zehn Minuten nach dem Beginn des Sturms heute Morgen heulten in Slawjansk die Alarmsirenen. Später läuteten auch Kirchenglocken (Video von einem Kontrollposten). Die Regierungsgegner verlegten einige Kontrollposten näher zum Stadtzentrum. Die Aufständischen kontrollierten das Stadtzentrum mit den vor zwei Wochen in Kramatorsk erbeuteten Schützenpanzerwagen. Besonders gesichert ist das besetzte Gebäude des Geheimdienstes SBU, in dem jetzt der Stab der "Donezk-Armee" seinen Sitz hat.

Verletzter Pilot wird von den Aufständischen in ein Krankenhaus gebracht. Bild: YouTube-Video

Ein Pilot eines abgeschossenen Hubschraubers der ukrainischen Luftwaffe, den die Aufständischen "Kapitan" (Hauptmann) nannten, wurde in ein Krankenhaus transportiert. Nach Berichten der Regierungsgegner landete nach dem Abschuss des Hubschraubers ein zweiter Hubschrauber neben der Absturzstelle. Die ukrainischen Soldaten hätten ihrem schwerverletzten Kameraden jedoch nur die Pistole abgenommen und seien dann weitergeflogen, behaupteten die schwer bewaffneten Aufständischen.

Auf dem zentralen Platz der Stadt war es gegen Mittag ruhig. Unbewaffnete Bürger - darunter viele Frauen mit Kindern - hatten sich auf dem Platz, von dem russische Fernseh-Korrespondenten live berichteten, versammelt. Die Ruhe täuschte jedoch. Der russische Pervi-Fernsehkanal berichtete, ohne Beweise zu liefern, Mitglieder des Rechten Sektor seien in Zivil bereits in die Stadt eingedrungen. (Ulrich Heyden)