Steuersenkung, Papstbesuch, Atomtest

Populismus als Spielprinzip: "Tropico 3" lässt Diktatorenherzen höher schlagen

Diktatoren haben's nicht leicht. Mit eiserner Faust klammern sie sich an die Macht, ihre Entscheidungen treffen sie einsam, nicht mal den engsten Beratern können sie wirklich trauen. Wen wundert es da, dass sie hin und wieder aus dem harten Unterdrückerjob ausbrechen und sich ganz harmlosen Hobbys hingeben? Nordkoreas Diktator Kim Jong-il liebt Filme mit Rambo, James Bond und Godzilla; mehr als 20.000 Videos soll der begeisterte Cineast gehortet haben. Zerstreung findet der kleine Mann auch im Golf: Staatlichen Berichten zufolge schlägt er auf seinen Runden regelmäßig Hole-in-Ones. Ähnlich sportbegeistert war sein irakischer Kollege Saddam Hussein. Der schnauz- und später vollbärtige Diktator soll die meditative Ruhe des Angels geschätzt haben, das Fischen mit Handgranaten zählte zu seinen bevorzugten Freizeitbeschäftigungen.

Angesichts dieser Vorlieben ist es nur wahrscheinlich, dass der eine oder andere Gewaltherrscher auch Spielkonsolen und -rechner in seinem Palast herumstehen hat. Videospiele drängen sich als Tyrannenhobby geradezu auf, versprechen sie doch kurzweiligen Spielspaß zwischen all den verantwortungsvollen Entscheidungen. Über die Genre-Präferenzen der Diktatoren darf fröhlich gemutmaßt werden, gewiss spielen sie nicht nur Ballerspiele und Casual Games. Auch dem schlimmsten Despoten möchte man wünschen, dass er einmal in den Besitz von "Tropico 3" gelangt. Denn von diesem Diktaturen-Simulator kann er vielleicht noch etwas in punkto Staatsführung lernen.

Wie seine Vorgänger ist das PC-Spiel "Tropico 3" eine komplexe Mischung aus Aufbaustrategie, Wirtschafts- und Lebenssimulation. Nach einem weniger erfolgreichen Piraten-Abstecher in Teil 2 kehrt die Serie zur guten alten Bananenrepublik aus Teil 1 zurück. Wir befinden uns in den 50er Jahren, USA und UdSSR ringen um weltweiten Einfluss, und auch das sonnendurchflutete Karibik-Eiland Tropico bleibt nicht von den Ausläufern des Kalten Krieges verschont. Die beiden Großmächte verfolgen sehr genau, was auf dem sonnendurchtränkten Erdenflecken passiert, ihre Unterstützung machen sie von der Loyalität des Diktators abhängig. Auch auf der Insel selbst gibt es zahlreiche Interessengruppen, die bei Nichtbeachtung gerne mal einen Putsch starten. Um das Wohl des Volkes geht es dem Diktator selbstverständlich nur vordergründig: Spielziel ist - je nach Mission - der langfristige Machterhalt oder der Export einer bestimmten Menge Rohstoffe. Vorsorglich legt man sich schon einmal ein bisschen Geld auf dem Schweizer Bankkonto zurück.

Dass die Alleinherrschaft kein Zuckerschlecken ist, wird schon beim Durchblättern des 70-seitigen Handbuchs deutlich. Geballte Militärmacht und ein wenig Günstlingswirtschaft reichen bei weitem nicht aus, um den Staatskarren am Laufen zu halten. Nein, wer in diesem Spiel ein guter Diktator sein will, muss auch Talente als Ökonom, Marktforscher und Diplomat besitzen; der Herrscherjob ist ein ständiger Balanceakt zwischen Kommunismus und Kapitalismus, Religion und Aufklärung. Zum Glück verfügt der Spieler über eine breite Palette populistischer Werkzeuge und kann flexibel auf staatspolitische Unannehmlichkeiten reagieren: Die Auswahl reicht vom klassischen Bestechen und Verschwindenlassen politischer Gegner über Bücherverbrennung, Papstbesuch und Kriegsrecht bis zu Amnestien und bezahlten Atomtests.

Auch demokratische Wahlen können ein probates Mittel des Machterhalts sein, zur Sicherheit sollte der Diktator aber vorher hochtrabende Wahlkampfreden halten und das Volk mit Steuersenkungen begeistern. Selbst um Bildungsprogramme, Müllvermeidung und Tourismus kümmert sich der "Tropico"-Chef mit fürsorglicher Genauigkeit. Beim Bau von Gourmet-Restaurants für Inselurlauber entscheidet der Patriarch selbst noch über die Wahl zwischen Papier- und Stoffservietten.

Der Rückgriff aufs altbewährte Spielprinzip dürfte die wenigsten "Tropico"-Fans stören, war doch schon der erste Teil hochgradig unterhaltsam. Publisher Kalypso und Entwickler Haemimont haben vor allem an der Grafik gefeilt, das Gameplay aber kaum angetastet. Wie in Teil 1 lassen sich die Inselbewohner nicht direkt steuern, sondern folgen ihren grundlegenden Bedürfnissen. Wo sie arbeiten und wohnen, hängt von den Löhnen und Mieten ab, die der "Presidente" festlegt. Zwecks leichter Korrekturen kann der Spieler mit seiner Diktator-Figur direkt ins Geschehen eingreifen: Kommt es zu Protesten vor dem Präsidentenpalast, hält er vom Balkon eine Beschwichtigungsrede; laufen die Arbeiten auf der Baustelle zu langsam, brüllt er den Arbeitern ein paar motivierende Worte ins Ohr; greifen Rebellen an, mischt er selbst im Kampfgeschehen mit.

Zu Beginn kann der Spieler seinen Avatar aus einer Vielzahl illustrer Machthaber wählen. Neben Fidel Castro, Augusto Pinochet oder "Papa Doc" Duvalier stehen auch fiktive Tyrannen wie "El Pollo Diablo" oder der "Voodoo Pizzaman" auf Abruf bereit. Jeder Diktator verfügt über bestimmte Stärken und Schwächen: So bringt Fidels Charisma ihm einen 50-prozentigen Effektivitätsbonus bei TV- und Radioansprachen ein, seine Unbeherrschtheit kostet ihn aber dauerhaft 15 Prozent Ansehen bei Intellektuellen. Evita Peron lockt als Sängerin zehn Prozent mehr Touristen an, verschleudert aber als zwanghafte Spielerin jedes Jahr einen Teil der Staatseinnahmen. Ist das Finanzpolster gerade einmal besonders dünn, kann das fatale Folgen haben. Nur gut, dass das Spiel auch in den haarsträubendsten Staatskrisen stets aufmunternde Diktatorenweisheiten parat hat. Wie heißt es doch treffend im Handbuch: "Es ist besser, überhaupt keinen Fortschritt zu haben, als sich in die falsche Richtung fortzuentwickeln."

Der schwarze Humor von "Tropico 3" mag für Einsteiger und langjährige Fans der Serie gleichermaßen beglückend sein. Weniger Spaß wird aber gerade den Nachwuchs-Diktatoren die sperrige Präsentation der Spielergebnisse machen. Will der Spieler alle Entwicklungen im Blick behalten, muss er beständig durch die Statistiken des Diktatoren-Jahrbuchs blättern. Wie fruchtbar, rohstoffreich oder verschmutzt der Inselboden ist, erfährt er nur über die wenig atmosphärische Rot-Grün-Skala des "Überlagerungen"-Menüs. Eine direkte Visualisierung auf dem Spielfeld wäre hier besser gewesen: Smog-Wolken sagen nun einmal mehr aus als Zahlen und Farbskalen. Ebenfalls wenig einsteigerfreundlich ist das langweilige Tutorial, in dem man nicht viel mehr als die grundlegende Steuerung beigebracht bekommt.

Auch bei der Kampagne hat sich Entwickler Haemimont nicht viel Mühe gegeben: Den 15 Missionen fehlt schlichtweg ein roter Faden. Hohen Wiederspielwert erhält "Tropico 3" vielmehr durch seinen Sandbox-Modus: Mit frei wählbaren Insel-Parametern lassen sich neue Szenarien erschaffen und auch online anderen Spielern zur Verfügung stellen. (Achim Fehrenbach)