Sprechen anstatt Kraulen

Eine auch für die Informationsgesellschaft interessante evolutionsbiologische Kommunikationstheorie

Welchem Zweck dient Sprache? Warum ist sie bei den Menschen entstanden? Und welche Grundlagen mußten vorhanden sein, damit sie sich entwickeln konnte? Das sind noch immer weitgehend ungeklärte Rätsel, aber seit einiger Zeit setzt sich die Meinung durch, daß die menschliche Intelligenz, die zumindest sehr stark mit der Sprache verwoben ist, viel mit dem sozialen Wesen des Menschen zu tun hat und erforderlich wurde, die komplizierten Beziehungen in großen Gruppen von bereits cleveren Individuen aufrechtzuerhalten und sich in ihnen zurechtzufinden.

Sprache dient möglicherweise, was ihre semantische Ebene anlangt, vor allem dem Tratsch und nicht hochgeistigen Überlegungen, die vielleicht dann interessant werden, wenn sie zur Erreichung und Stabilisierung einer sozialen Position oder auch "nur" zur Erregung von Aufmerksamkeit dienen. Über zwei Drittel des Inhalts jedes Gespräches drehen sich um zwischenmenschliche Beziehungen, also wer warum was mit wem macht, wer dumm, auffällig, wichtig, gemein oder betrügerisch ist, wem man vertrauen und mit wem man Bündnisse eingehen kann oder bei wem man vorsichtig sein muß. Auch in der Literatur, den Zeitungen oder den Medien überwiegen die zwischenmenschlichen Geschichten oder jene Aspekte, die damit zu tun haben. Jüngstes Beleg ist natürlich das sexuelle Verhalten des amerikanischen Präsidenten.

Der englische Anthropologe Robin Dunbar zeigt in seinem wirklich spannend zu lesenden, von Einfällen und überraschenden Deutungen überquellenden Buch, aus welchen Ursprüngen des sozialen Lebens der Primaten und durch welche Zwänge in der Evolution der Menschen die Sprache entstanden sein könnte. Eigentlich ist alles ganz einfach: Schon die Affen und erst recht die Menschenaffen leben in Horden, deren Mitglieder sich als Individuen kennen - und eine ihrer Hauptbeschäftigungen ist das gegenseitige Kraulen. Das nämlich löst Wohlgefühle beim Gekraulten aus, weil die Gekraulten sich entspannen und die stetige schwache Stimulation zur Ausschüttung von körpereigenen Opiaten führt. Bis zu 20 Prozent ihrer Zeit verbringen manche Affenarten mit Kraulen. Die Ausschüttung der Endorphine ist sicher nur eine Verstärkung dieses eigenartigen Sozialverhaltens, das die Affen eigentlich vom Futtersuchen abhält und Gefährdungen aussetzt.

Viele Beobachtungen zeigen, daß mit dem Kraulen die sozialen Beziehungen geordnet und aufrechterhalten werden, was offenbar gerade für größere Horden bedeutsam zu sein scheint, die sich mehr am Erdboden aufhalten, weil sie dort durch die Zunahme der Gruppengröße sicherer vor Verfolgern sind. Andererseits wächst mit der Gruppengröße der Aufwand bei der Nahrungssuche, wird mehr Energie braucht, müssen größere Strecken zurückgelegt werden und ist man einer größeren gruppeninternen Konkurrenz ausgesetzt. Um nicht ständig in Stress und Auseinandersetzungen zu leben, ist eine interne Koordination nützlich, die die Gruppenbeziehungen organisiert und verläßlich macht. Man schließt sich zu Bündnissen zusammen und versichert sich der Freundschaft, indem man sich krault. Zudem schützt der Aufwand, den man für diese soziale Tätigkeit aufwenden muß, auch einigermaßen vor Betrügern, die einen nur ausnützen wollen, schließlich sind Affen wahrscheinlich durchaus fähig, andere bewußt und zum eigenen Vorteil durch Schwindeln oder Lügen zu hintergehen.

Doch Affen kraulen nicht nur einander, sie äußern auch differenzierte Laute - und Schimpansen, die uns nächststehenden Affen, können auch über Zeichen einfache Begriffsverkettungen bilden und verstehen. Mehr als Sätze ein paar Wörtern hat aber trotz geduldigen Experimenten noch kein Schimpanse zusammengefügt. Beständiges "Plappern" dient nicht nur der Informationsübermittlung oder des Ausdrucks der eigenen Befindlichkeit, sondern läßt auch erkennen, wo die Gruppenmitglieder sich befinden, und so die Bewegung der Horde koordinieren. Warum aber hat der Mensch Sprache und ein damit wohl auch verbundenes, viel Energie verzehrendes großes Gehirn entwickelt, das im Verhältnis zur Körpergröße in der Natur ohnegleichen ist?

Für Dunbar hat dies vornehmlich mit der wachsenden Körpergröße der auf dem Boden lebenden Nachfahren der Menschenaffen zu tun. Je größer die Gruppe ist, desto mehr muß gekrault werden. Und hier kommt sein "Beweis" dafür ins Spiel, warum Menschen vielleicht nicht Sprache entwickeln mußten, ihre Erfindung ihnen aber doch einen großen Vorteil verschafft hat. Die Größe von Affengruppen und damit die Komplexität der sozialen Beziehungen hängt nämlich mit der Größe des Neocortex zusammen, der bei vielen in festen Gruppen lebenden Säugetieren größer ist, vor allem aber bei Affen und dann bei Menschen äußerst stark zugenommen hat und mit der Intelligenz verbunden ist. Aus dem Volumenverhältnis des Neocortex zum übrigen Gehirn läßt sich nämlich die Größe von Primatengruppen erschließen.

Beim Menschen würde die Gruppengröße nach den auf Affengruppen beruhenden Berechnungen Dunbars bei etwa 150 maximal liegen, was für viele Clans und noch für viele Dörfer heutiger Ackerbauern in Entwicklungsländern, aber auch für den normalen Bekanntenkreis der Menschen und der Größe von überschaubaren Organisationen zutrifft, zu deren Koordinierung noch keine festen hierarchischen Ordnungen nötig sind. Die größten Gruppen von Affen findet man hingegen bei Pavianen und Schimpansen mit etwa 50 Mitgliedern. Und jetzt kommt die überraschende Schlußfolgerung: Wenn Kraulen bei Primatengruppen das wichtigste Mittel ist, um soziale Beziehungen aufzubauen, dann müßten Gruppen aus 150 Menschen mit unserem Gehirn 40 Prozent ihrer Zeit mit Kraulen verbringen, was aber ihr Überleben gefährdet hätte - und auch heute, trotz Informationsgesellschaft, für viele nicht berufsmäßige Sprecher das notwendige Einkommen gefährden würde. Eben deswegen habe sich die Sprache vielleicht als Kraulen mit anderen Mitteln, also als "akustisches Kraulen" entwickelt, da man so mehrere "kraulen" und zugleich wichtige Informationen über sich und die sozialen Beziehungen in der Gruppe mitteilen kann.

Die These lautet: "Sprache ist entstanden, damit wir tratschen können", was denselben Effekt wie Kraulen hat. Ob das Hören allerdings auch eine Ausschüttung von körpereigenen Opiaten stimuliert, ist unbekannt, man weiß nur, daß Lachen eben dies macht, weswegen die freundlichen Witzbolde gute Chancen in Geselligkeit haben.

Die Evolution der Sprache erfolgte aber nicht plötzlich, sondern allmählich. Wenn man von Schädelgrößen ausgeht und diese mit der Größe der Gruppen verbindet, dann haben die Australopithecinen in Gruppen zu 60 Mitglieder, der Homo habilis in solchen bis zu 80 und der Homo erectus bis zu 100 gelebt. Die ersten Vertreter von Homo sapiens sowie die Neandertaler hätten vor 500000 Jahren etwa eine Gruppengröße von 120 gehabt und sich nach Dunbars Modell 30 bis 35 Prozent ihrer Zeit kraulen müssen, wobei hier möglicherweise das Kraulen auf Distanz allmählich das taktile Kraulen ergänzt hat und so die Gruppen größer werden konnten oder ein Umweltdruck -zum Beispiel das vermehrte Auftreten und die Konkurrenz von Menschengruppen oder eine nomadische Lebensweise - vorhanden war, der größere Gruppen erforderte. Überdies kann man beim Sprechen andere Tätigkeiten weiterhin ausüben. Irgendwann wurde eine Schwelle überschritten und die symbolische Kraul- und Tratschsprache begann sich zu entwickeln und als Nebeneffekt andere kognitiven Leistungen freizusetzen. Dunbar glaubt, daß zu Beginn die menschliche Sprache gewissermaßen universal war, aber daß sich durch wachsende Konkurrenz und dichtere Besiedlung Dialekte entwickelt haben, die zeigen, wohin man gehört, woraus sich dann auch die verschiedenen Sprachen ergaben.

Seine Hypothese sucht Dunbar durch Beobachtungen zu stützen, etwa daß Menschen auch heute noch weitgehend Sprache zum Tratschen über sich und andere benutzen, um soziale Ordnungen aufrechtzuerhalten oder zu bilden, und daß die Größe der Gruppen von Bekannten eines einzelnen beschränkt ist, auch wenn er in riesigen Städten lebt, in großen Unternehmen arbeitet oder ständig umgeben von Medien ist. Zwar habe das akustische Kraulen zu einer Erweiterung der Verbündeten und Bekannten geführt, aber es sei auch durch unsere kognitiven Fähigkeiten begrenzt. Kraulende Affen können sich nur jeweils einem anderen widmen, die Große von Gesprächsgruppen liege etwa bei vier, wenn alle dem Gespräch folgen und sich beteiligen können. Folglich, so Dunbar, läßt sich aus diesem Verhältnis von 3:1 plausibel machen, daß Menschen in Gruppen bis zu 150 Mitgliedern leben, während es bei Affen höchstens 50 sind. Solche Gedanken sind überzeugend, sie stecken an wie manche Wahnsysteme, weil sich immer wieder Belege finden lassen, die für die Richtigkeit der Vermutung sprechen.

Wie immer jedoch bei evolutionsbiologischen Hypothesen ist die Anwendung auf die Gegenwart höchst spekulativ. Sicher ist es richtig, daß etwa beim Videoconferencing die Zahl der Teilnehmer recht beschränkt ist, wenn es ein echtes Gespräch werden soll. Richtig ist auch, daß die Möglichkeit der globalen Kommunikation nicht automatisch ein weltweites Netz von Freunden schafft, sondern die Menschen weiter individualisiert und das einstmals enge, aber auch einengende Geflecht von Beziehungen untergräbt, wodurch der Wert der "Gemeinschaft" als einem Ideal, der seit diesem Jahrhundert eine steile, mitunter gefährliche und blutrünstige Karriere erlebte und im Zeitalter des Netzes nochmals einen Aufschwung erfahren hat, weiter anwachsen dürfte.

"Der einzige echte Nutzen der Datenautobahn", so Dunbar, "wird letztlich in der Geschwindigkeit liegen, mit der sich Ideen verbreiten", während wir dann, wo es wirklich wichtig ist, weiterhin auf das "uralte Mittel des persönlichen Kontaktes" zurückgreifen. TV-Serien, Moderatoren, Prominente und andere in den Medien stets wiederkehrende Personen allerdings können, wie Dunbar meint, die real schrumpfenden Sozialkontakten im wirklichen Leben kompensieren und in den jeweiligen Clan der Individuen aufgenommen werden. Das hat überdies den Vorteil, daß die Gruppen sich überschneiden und so die Prominenten für einen Zusammenhang des sozialen Netzes sorgen, das nicht mehr an Lokalität gebunden ist.

Die Informationsgesellschaft, die auf der Grundlage der Industriegesellschaft und der ausreichenden, immer weniger Arbeit bindenden Grundversorgung mit materiellen (Über)Lebensmitteln entsteht, entfaltet mit ihrem auf Dauer gestellten Geschwätz und Gesinge, was mehr und mehr auch in die Netze eindringt, wieder ein globales Dorf des akustischen Kraulens. Aber die "Informations"-Krauler sind jetzt nicht mehr diejenigen, die Aufmerksamkeit und Anerkennung finden wollen, sondern jene, die Aufmerksamkeit und Anerkennung bereits gefunden haben. Kraulen ist zum Markt geworden, und wer man meisten Menschen kraulen kann und daher am meisten Fans besitzt, besetzt in der Mediengesellschaft die höchsten und erstrebenswertesten Ränge - und sichert den sozialen Zusammenhalt. Wahrscheinlich werden beim akustischen oder informationellen Kraulen doch zu wenig Endorphine beim Gekraulten ausgeschüttet, während die von den Kraulern erfahrene Aufmerksamkeit und auch sexuelle Attraktivität nicht nur Geld einbringt, sondern auch Glück und soziale Macht. Aber solche Überlegungen führen doch schon zu weit von den Gedanken Dunbars über die Entstehung und die Funktion der Sprache weg.

Robin Dunbar: Klatsch und Tratsch. Wie der Mensch zur Sprache fand. Bertelsmann Verlag. 288 Seiten. (Florian Rötzer)