Spitze des Eisbergs

Die Strafverfolgung des Handels mit Kinderpornographie im Internet könnte, wie das Beispiel Großbritannien auch mit dem prominenten Fall des Who-Gitarristen Townshend zeigt, das Justizsystem überfordern - es könnte einfach zu viele Verdächtige geben

Es erwischt nicht nur dubiose Männer, sondern auch Polizisten, Lehrer, Richter, Ärzte, Politiker und Prominente. Nachdem in den USA im Rahmen der Operation Avalanche 1999 der Betreiber von Websites in Dallas aufgeflogen ist, über die er weltweit Kinderpornographie gehandelt hatte, wurde das Ausmaß dieses perversen Verlangens deutlich. Aufgrund ihrer Kreditkarten, die sie zum Bezahlen benutzten, könnten weltweit allein in diesem Fall 250.000 Pädophile identifiziert werden. Nach der Festnahme des Betreibers Thomas Reedy hatten FBI-Beamte die Websites weiter betrieben und Kunden angelockt. Nach dem Daily Mirror spricht nun Scotland Yard aufgrund neuer Untersuchungen davon, dass allein in Großbritannien eine Viertelmillion Männer kinderpornographische Bilder über das Internet gekauft haben könnten.

Operation Ore, die britische Variante von Operation Avalanche, kam wieder in die Schlagzeilen, als im Januar der bekannte Who-Gitarrist Pete Townshend vorübergehend festgenommen wurde, weil er verdächtigt wurde, pornographische Bilder aus dem Internet heruntergeladen zu haben. Bekanntlich ist der Besitz von Kinderpornographie strafbar, auch wenn man derartige Bilder nur im Netz sucht und sie nur im Browser-Cache vorhanden sind, um die Polizei darauf hinzuweisen. Angeblich habe Townshend, wie er versicherte, sich nur im Kontext einer Autobiographie letztes Jahr mit Kinderpornographie beschäftigt, warum er aber offenbar mit Kreditkarte dafür bezahlt hat, ist vor allem deswegen nicht klar, weil er andererseits darauf aufmerksam will, wie leicht man über Kinderpornographie im Internet stolpern kann, auch wenn man nur einige Begriffe in die Suchmaschine eingibt.

Doch Townshend ist nur die Spitze des Eisbergs. Insgesamt haben die Briten über 7.000 Namen von Verdächtigen vom FBI erhalten. 1.300 wurden bereits festgenommen. Bislang ist man vor allem gegen diejenigen vorgegangen, die bereits einschlägig bekannt oder vorbestraft sind oder die in Behörden arbeiten, während diejenigen, die keine akute Gefahr für Kinder darstellen, bislang noch verschont geblieben sind. Darunter sollen sich auch zahlreiche Unternehmer, Politiker, Militärs, Wissenschaftler und andere angesehene Männer befinden.

In anderen Ländern war man bislang nicht so eifrig wie in Großbritannien. Aufgrund der in der Operation Aavanlanche gefundenen Hinweise auf 35.000 US-Amerikaner sind gerade erst einmal 150 Untersuchungen erfolgt. Auch in Kanada wurden erst wenige der über 2.000 bekannt gewordenen Fälle untersucht. In Deutschland wurden im letzten Jahr aufgrund der Informationen aus der Operation Avalanche 1.400 Verdächtige ausgemacht. 1.100 wurden vernommen und deren Computer durchsucht.

Das alles könnte aber nur die Spitze eines Eisbergs sein. Wenn denn die Vermutungen von Scotland Yard über das Ausmaß des strafbaren Handels von Kinderpornographie über das Internet für Großbritannien und vergleichbar für andere Länder zutreffen, dann wäre dies nicht nur erschreckend, sondern würde die Menge der Strafverfolgungen möglicherweise auch das Justizsystem lahm legen.

Die Kreditkartenunternehmen Visa, Mastercard und American Express haben nach Informationen des Mirror der britischen Polizei mitgeteilt, dass sie überprüfen wollen, wie viele ihrer Kunden Websites mit Kinderpornographie abonniert haben oder anderweitig für Kinderporno Geld bezahlen. Ein Sprecher von Barclaycard sagte, dass man entschlossen sei, den Handel mit Kinderpornographie und andere Verbrechen, die mit den Kreditkarten des Unternehmens begangen würden, zu stoppen. "Die Schätzung geht dahin", so ein Mitarbeiter von Scotland Yard zum Mirror, "dass alle die Visa-Liste mehr als 100.000 Namen enthalten wird. Zusammen mit den Kunden von Mastercard und American Express sowie anderen großen Kreditkartenunternehmen geht die Projektion der Gesamtzahl von britischen Männern, die auf diese Sites zugegriffen haben, auf über 250.000." Bei einer ersten Überprüfung habe man bei Visa festgestellt, dass viele Kunden über Kreditkarten die Benutzung von Websites mit Kinderpornographie bezahlen sollen. Die Frage wäre freilich, woran man dies überhaupt erkennen will, denn einschlägige Anbieter werden wohl kaum explizit angeben, dass mit den Beiträgen Kinderpornographie bezahlt wird.

Für die Strafverfolgung, die Gerichte und möglicherweise Gefängnisse in Großbritannien wäre aber schon die jetzt bekannten 6.000 Verdächtigen eine große Belastung. Angeblich soll die britische Polizei von ihren Kollegen aus den USA eine weitere Liste mit 10.000 Namen erhalten. Und wenn dann tatsächlich Ermittlungen in Hunderttausenden von Fällen stattfinden müssten, dürfte dies schlicht unmöglich werden. Das Internet erleichtert also womöglich nicht nur das Ausleben von Lastern, es gibt der Strafverfolgung auch die Mittel in die Hand, ihnen nachzugehen - womit die Gesellschaft aber auch überfordert werden könnte.

Die Frage ist natürlich auch, ob es das Internet möglicherweise für pädophil Getriebene zu leicht macht, an Kinderpornographie heranzukommen, ob auch virtuelle Kinderpornographie strafbar sein soll (Gleichstellung von virtuellen und realen Bildern) und ob es angemessen ist, wegen der leichten Erreichbarkeit auch jeden strafrechtlich belangen zu müssen, auf dessen Computer sich, und sei es nur im Browser-Cache, einschlägige Bilder finden. Wer allerdings entsprechende Bilder oder Videos kauft, scheint freilich mehr als nur zufällig oder beiläufig interessiert zu sein. (Florian Rötzer)